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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Zeitung.

No. 63. Sonntag den 14. März 1852.

Die Dohlenkönigin

(Schluß.)

Die Frauen waren bereits halb todt vor Angst; sie gestanden sogleich alles ein. Sie seien davon überzeugt, daß die Grete eine Here gewesen; der Stoffer habe sie aufgehetzt, der Prediger habe gesprochen, wie jener erzählt. So hätten sie die Nacht erkundet, wo das Mädchen auf der Bleiche wachen sollte; der Stoffer sei vorausgegangen, weil er dem Hund bekannt gewesen. Der hab' ihn aber doch gebissen und sei dann von ihm todtgeschlagen wor­den. Nachher wären sie dazu gekommen und sie hätten dann dieHere ertränkt. Denn daS sei sie gewesen, solche Kraft habe kein gewöhnlicher Mensch. — Das Volk war rasend und wollte sie zerreißen. Die Stimmung hatte sich blitzgleich gewendet.

AlS der Amtmann am Nachmittag kam, hatte er leichte Arbeit. Er nahm die Gefangenen und auch den leugnenden Prediger trotz alles ProtestirenS mit sich in die Stadt. Die Gerechtigkeit war dießmal schnell, Ur* theil und Strafe erfolgten bald. Der Prediger warb seines Amtes entsetzt, sein Vermögen eingezogen, er selbst als ein im fremden Lande Geborener über die Gränze gejagt; dort ist er verschollen. Und obgleich die übrigen nach den damaligen noch barbarischen Gesetzen bestraft wurden, schien den Dörflern die Strafe noch lange nicht streng genug.

HanS, nachdem er die Grete in die Erde gebracht, zog mit seiner Frau in'S Dorf auf des StofferS Hof. Draußen in den Räumen, wo die Grete gehauSt, so nah dem Ort, wo die Schandthat geschehen, konnten die bei­den Alten eS nicht aushallen. Sie lebten still und fin­ster weg; nur mit dem Schulzen und feiner Familie I verkehrten sie zuweilen.

Eines TagS, eS mochten etwa vier Wochen seit der Mordnacht verstrichen sein, ward HanS zum Amt in die Stadt beschieden. Dort fragte ihn der Amtmann noch einmal nach allen Umständen bei der Auffindung der kleinen Grete. Der Bauer erzählte waS er wußte. „Und hatte das Kind gar kein Zeichen an sich, wie man'S von der Mutter mitbringl" ? fragte der Amtmann endlich. HanS dachte nach, er war etwas stumpfsinnig geworben und fein Gedächtniß wurde ein wenig schwach. „Ja", sagte er nach geraumer Zeit, „ich erinnere mich, sie hatte als ein kleines Kind zwischen den Schultern einen gro­ßen blaurothen Fleck, der sah auS wie eine Zwetsche die recht reif ist. Aber meine Alte muß daS besser wissen als ich".

Eine schöne stattliche Frau stürzte auS dem Neben­zimmer. „Und wo ist daS Kind"? rief sie und faßte deS Bauern Arm und sah ihm mit leidenschaftlicher Angst in die Augen. „Wo ist daS Kind? DaS ist das meine l O, das ist meine Marie" ! — „Die ist ja todt , Euer Gnaden", stotterte der betroffene Mann ; „daS ist ja eben mein Elend, daß sie todt ist". Die Dame fiel mit einem Wehrüf dem Amtmann und einem andern herbei- tilenden ältlichen stolzen Mann in die Arme.

HanS erfuhr darauf, daß daS einzige Kind eines vornehmen Herrn im Nachbarlande vor etwa zwanzig Jahren plötzlich verschwunden sei. Die Eltern suchten und forschten vergeblich, endlich hielten sie eS für todt und ergaben sich in ihr Geschick. Ihnen schien eS am wahrscheinlichsten, daß daS Kind von Erbvettern, denen eS 'm Wege stand und mit denen sie selbst in Feindschaft lebten, geraubt und auf die Seite gebracht worden sei. Jetzt, da die in jenem Bauerndorf erfolgten Begebenhei­ten weit umher Aufsehen machten und auch ihnen zu Ohren kämet), hatte sie die Nachricht von dem früher im Wald gefundenen Mâbchm mächtig ergriffen. Sie forsch-