Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 61. Freitag den 12. März 1852.
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Die Dohlenkönigin
(Fortsetzung.)
AlS sie so vor sich hinsah und neben dem Garten und Gehöfe vorbei auf die Straße des Dorfs, war eS ihr, als schlüpfe ver Stoffer dort wieder vorüber, und wie sie ausstand, um besser seh'n zu können, erblickte sie ihn bald darauf wieder, als er aus dem Dorf kam und den Weg nach seines Vaters Hof verfolgte; seine weißen Hemdärmel schienen hell durch die Nacht. Gleich darauf zog eine Wolke vor den Mond, eS war dunkel; der Stoffer war auch bereits im Schatten der Weiden, die damals den Weg dort säumten. Die Frau setzte sich wieder und schüttelte den Kopf; daS alles ging sie nichts an, aber eS gefiel ihr auch nicht. Was schlich der Mensch und machte Umwege, wo er offen und geradezu gehen konnte? — ES ward aber immer trüber und dunkler, einige Tropfen fielen und der Wind kam schärfer und in rascheren Stößen über die Stoppeln.
Nach einiger Zeit — vielleicht nach einer halben Stunde — fuhr die Frau plötzlich auf. Ein Hund bellte drüben bei Nonnenküsters Hof wüthend und anhaltend und brach dann mit einem grellen Laut jâh ab. Darauf krächzten die Dohlen dort und die von der Eschenhöhe antworteten, dann kam ein lauter Schrei wie von einer menschlichen Stimme. Nach einer Pause glaubte sie den letztern noch einmal zu hören, allein er war schwächer und undeutlicher, der Wind mochte ihn auch verwehen; denn eS war eine wilde Nacht geworden, eS regnete und windete, zwischendurch fiel auch ein schneller Mondstrahl, durch die fliegenden Wolken. Aber die Frau ging nicht in die Hütte, sie lauschte; sie konnte vor Angst nicht schlafen. Sie erwog, ob sie in'S HauS laufen und Lärm machen solle. Dann aber dachte sie wieder: „WaS geht's dich an? Sie lachen dich aus. Du machst dir vielleicht Feinde. Und wenn da was passirt ist, nun ist's
doch zu spät zur Hilfe"? Sie lauschte, allein sie hörte durch den Wind nichts als hin und wieder das Schreien der Dohlen, und daS war wie tausendstimmig. AlS wâhrend dieser Zeit einmal der Mond hervortrat, war eS ihr, als liefen vier oder fünf dunkle Gestalten hastig den Weg zum Außenhofe entlang. ES schienen Frauen zu sein. Sie schauerte, schlug ein Kreuz und sprach ein kurzes Gebet. Dann war nichts mehr zu sehen; die Dohlen aber schrieen fort und fort.
AlS sie am Morgen gegen fünf Uhr — eS dämmerte kaum und regnete schwer — ihre Wache verließ, erzählte sie ihrem Bauern von dem, was sie gehört und gesehen. ES war der Schulz des Dorfs, Hansens Freund und GretenS Vertheidiger. Auf den Bericht der Frau ward er nachdenklich, schalt nur, daß sie ihn nicht geweckt, zog still Stiefeln und Rock an und eilte zu« Außenhof. In» HauS fand er nur die sinnlose Frau und eine heulende Magd; als er durch den Garten zur Bleiche kam, stieß er auf den Bauern, ?der schier verzweifelnd daselbst um# hertapmelte. Denn daS Leinen war fort, der Hund lag mit zerschlagenem Kopf vor der zerrauften Hütte, drinnen war daS Strohlager auSeinandergerissen, der Rasen umher vielfach zertreten; die Grete war verschwunden. Knechte und Mâgde suchten ringS im Garten und Feld nach der Verlorenen, verwirrt und planlos. Und die Dohlen waren alle da, sie schwirrten durch die Lust, sie flatterten durch die Bäume, sie schossen und kreisten wie rasend um die nahe Sandgrube, hockten auf dem Rand^ kreischten und krächzten wild und ohrzerreißend.
HanS merkte von alle dem nichts, er suchte fast stumpfsinnig umher, faßte hier einen Halm vom Lager auf, sah da nach einer Fußspur. Aber der Schulzsah eS, finster und aufmerksam. „Kommt"! sprach er -um HanS, rief auch einen Knecht herbei und ging mit ihnen zur Grube, wo ihnen die Vögel kaum Platz «achten.
