Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 59. Mittwoch den 10. März 1852.
Die Dohlenkönigin
(Fortsetzung.)
AlS die Grete sich vermieden sah, nl6 sie herbe, wenn auch leise Worte der Begegnenden und Nachsehenden vernahm, war sie zuerst verwundert, dann ward sie betrübt und zornig. „Vater", sagte sie zu HanS, „warum sind doch die Menschen gegen mich so schlecht? WaS hab' ich ihnen gethan? Sie können doch unmöglich an all daS dumme Zeug glauben, waS sie von mir sagen". — „Sie sind einmal toll, Kind", versetzte der Bauer. „Laß sie reden; die Worte beißen nicht. Du mußt Geduld haben, ein anderes Kraut gibt es nicht dagegen. Es läuft alles Waffer zu Thal und dieS wird sich auch verlaufen".
Aber die Worte bissen doch. Trotz feiner Reden war dem Bauer gar wild und zornig zu Muth ; daS Dorf war in Aufruhr, fein Gesinde fing an, mit scheuen Blicken auf das Mädchen zu sehen, die Frau weinte und schalt abwechselnd, die Grete selbst ward immer ernster , stiller und schroffer und zog sich mehr und mehr in die Einsamkeit mit ihren Dohlen zurück. Seine Häuslichkeit ging ihm zu Grunde. Aber zu thun war nichts, denn wer allein mit der Gewißheit eines günstigen Erfolgs dagegen auftreten konnte, der neue Prediger — der that eö nicht. Er hatte einen Streit mit dem Konsistorium gehabt und sah diese Stelle, auf die er aus der Stadt versetzt war, als eine Verbannung an.
Er und seine Frau waren verbittert. Nonnenküster gefiel ihnen noch weniger als die andern Leute. Er war, an die gütige Art des alten Pfarrers gewöhnt, zu frei, zu gerade; er kroch nicht und schenkte nichts in die Küche. Er war ein gottesfürchtiger Mann, wie all die Seinen, allein im Sommer erschien ihn im Nothfall und bei wechselvoller drohender Witterung die drängende Feld
arbeit wichtiger als der Kirchenbesuch. DaS verstand der Pfarrer nicht, dem waren die Geschäfte deS Landmanns ziemlich unbekannt; er hatte nur für seine Bücher Augen und für die damalige Unzahl der Streitschriften. Um sich zu sehen, hatte er weder Zeit noch Lust.
AlS der Amtmann ihn bat, sich NonnenküsterS und seiner Familie anzunehmen, meinte er, die Leute gefielen ihm nicht; sie hätten die Gottesfurcht im Mammon verloren. In der Kirche habe er sie lange nicht gesehen. Der Amtmann versetzte; daS sei in dieser Jahreszeit und in einem so nassen Jahr nicht anders. „O die andern Leute finden alle die Zeit, so sie dem Herrn schuldig find", sprach der Pastor. „Aber der Nonnenküster hält nicht- von GotteS Wort".
„Da irren Sie sich", entgegnete der Amtmann. „Er ist ein gottesfürchtiger, braver Mann, hält die Seinen schicklich, kommt vorwärts, während die andern zurückgehen. Er feiert aber auch nicht und die andern lungern umher und gehen ihren alten Schlendrian und denken, der liebe Gott werde sorgen. ES ist Gesindel hier im Dorf, man sieht eS jetzt. Ich hätte nie geglaubt, daß zu unserer Zeit noch solch ein wüster Aberglaube herrschen könne. Reden Sie den Leuten zu, Herr Magister; die Grete verdient es".
„WaS nennen Sie Aberglauben, Herr Amtmann"? fragte Der Pastor salbungsvoll. „Den Glauben an Heren und Zauberei? Ich will die Dirne nicht beschuldigen behüte mich Gott, allein seltsam und unerklärlich bleibt, dieses Wesen doch. Hören Sie nur, was man davon im Dorf spricht". — „Sie, ein gebildeter Mann, werden doch nichts auf das Allweibergewäsch geben"? rief der Amtmann.
„Es sind nicht alte Weiber, eS sind glaubwürdige Leute, die die Wahrheit, den Herrn und seine Diener
