Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 58. Dienstag den 9. März 1852.
Die Dohlenkönigin.
(Fortsetzung.)
HanS schüttelte still den Kopf. ES war alleS, wie die Grete sagte. An seines Sohnes Aenderung glaubte er selbst nicht, und daß die Grete ihn nicht wollte, konnt' er ihr kaum verdenken. Aber eS war immer sein Sohn. Endlich forderte er sie auf, mit ihm nach dem Hofe zu« rückzukehren, allein sie weigerte sich und meinte, für Men- schen sei sie noch nicht, sie müffe sich erst in der Stille fassen. „Wenn aber der Stoffer wiederkâme" ? meinte er „Du sagst selbst, er sei ein wüthendes Thier". Sie lachte höhnisch und schüttelte den Kopf. „Der kommt nicht wieder; er ist zu feig. Und wenn auch, ich fürcht' ihn nicht, ich halt' ihm Widerpart. Ich hab' auch den Hund und die Vögel. Geht nur; ich komme bald nach". Und der Bauer ging; er fühlte sich schwer und bang.
Einige Zeit nachher, die Sonne war schon tief herunter, gingen zwei Männer auf dem Wege, der nicht weit hinter den Eschen vorbeiführte, zum Dorf zurück. Auf der Höhe sahen sie eine hohe, schlanke Gestalt, auf dem goldenen Hintergrund scharf abgezeichnet, mit leidenschaftlichen Geberven gegen Westen gewendet. Sie erkannten sie sogleich für die Grete. Sie blieben stehen. „WaS hat die nur? was treibt die" ? sprach der eine. — „DaS sieht ja auS, als ob sie toll wäre oder was Bö« feö triebe", sagte der andere. — „Du — guck voch! Ei, guck doch" ! rief wieder der erste und deutete gegen Westen, wo in der Gegend,, der Grete sich zugewendet hatte, an dem bisher ganz- klaren Himmel schwere Gewitterwolken empordrängten, die um so unheilvoller drohten, je voller die Sonne darüber hinstrahlte. „Donner"! sprach der zweite und schüttelte sich; „das sieht ja bös aus! Sollte die Grete doch ein Teufelskind, eine Wetter- hcre sein? Gefallen hat mir ihr Wesen und Treiben nie.
Auch noch andere sagen so, und der Pastor will nicht- von ihr wissen. Der alte freilich —" — „Ach, daS war ein gutmüthig Schaf", meinte der erste, „dem konnte jeder Narr mit sanften Worten ein $ für ein U machen. Nein, mit der Grete ist'S nicht richtig", So sprachen sie noch viel hin und her und gingen weiter.
An dem Abend zog ein schweres Unwetter über daS Dorf. Ein KossâtenhauS , welches dem Stoffer gehörte, und der Thurm der Kirche wurden vom Blitz in Brand gesteckt. Die gänzliche Windstille allein rettete daS enggebaute Dorf, der heftige Regen löschte mehr als die Menschen; allein der Hagel, der zugleich fiel, schlug daS Sommergetreide nieder und ruiniere besonders Stoffer- Felder, die in einer Reihe lagen, fast gänzlich.
Die Stimmung gegen die Grete änderte sich urplötzlich; die beiden Männer hatten von dem auf der Eschenhöhe geschauten erzählt, anderes tauchte hie und da auf, ohne daß man wußte, woher es kam. Schon in der Nacht fielen böse Worte. Am andern Morgen, als man die Größe des Unglücks erkannte, als der Stoffer sich wie rasend geberbete, flüsterte man überall von der un# heimlichen bösen Macht des Mädchens. Laut sprach man nicht. Grete nahm sich der armen Familie, deren Wohnung verbrannt war, auf'S Thätigste an, sie pflegte die Frau und sah nach den Kindern; daS war umsonst. HanS Nonnenküster und der Schulz, wie sie zuerst von diesen Beschuldigungen hörten, fuhren mit Lachen und Spott, mit Ernst und Vernunft, mit Zorn und Hohn dazwischen, redeten und beruhigten; daS war vergebens. Dem Stoffer drohte der Bauer mit Fluch und Enterbung, er sagte ihm: die Grete kriege er nicht mehr, selbst wenn sie noch wolle. Er sehe jetzt ein, was er für ein Schuft sei. Und der Stoffer schwieg; er schalt sogar über sich selbst, daß er in der ersten Raserei die Grete beschuldigt habe. Es sei aber alles auch so kurioS zu einander gekommen, daß
