Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 57. Sonntag den 7. März 1852.
Die Dohlenkönigin
(Fortsetzung.)
Die Bögèl schrieen, StofferS Geberden schienen sie nur noch mehr aufzureizen. Die Grete sah sich daS alles schweigend an; ein schier höhnisches Lächeln zuckte um den kleinen Mund. — „Stoffer", sagte sie dann mit spöt« tischem Ton, „laß daS gut sein. Sie hören nicht auf dich, so wenig wie ich. DaS sind meine Trabanten, sie sind mein. — Seid still!" rief sie dann und richtete daS blitzende Auge zur Höhe und erhob gebieterisch den Arm. Eine von den großen dunkelblauen Libellen, die sich auf »in Blatt in ihrer Nähe gesetzt hatte, flog und schwebte leise hinauf zur Höhe, und droben stillte sich der Lärm fast zauberhaft schnell, die unruhigen Thierchen suchten sich eiligst ein Plätzchen und drängten sich zusammen auf den schwanken Zweigen. Nur die regten sich noch, die hier und dort herauSgevrângt wurden und über die an« dern wegschwebend' sich eine andere Stelle erspähten. Und als eS in der Höhe ruhig war und die Grete sebst wieder den Arm auf den Schooß gesenkt hatte, kehrte auch die Libelle zurück, flatterte von Blatt zu Blatt wie spielend näher und setzte sich wieder auf den früheren Platz.
Den HanS hinter den Dornen überlief eS, zumal von dem dunkeln Jnsect konnte er kein Auge verwenden; »ö sah gar zu wundersam, gar zu geheimnißvoll auS; der Stoffer sah auch mit düsterer Stirn und gepreßtem Mund bald auf die Thiere droben, bald auf die Libelle, bald auf daS junge, spöttisch lächelnde Mädchen.
„Siehst du", fuhr sie jetzt fort, „mir gehorchen sie. Es sind gute Geschöpfe. Also du meinst, ich dächte an »inen andern, der hâtt' mich dir abspenstig gemacht? Du bist gewiß sehr klug, Stoffer, gewiß. Aber du müßtest mehr als Brod essen können, wenn du aus mir heraus-1 findest, was gar nicht da ist. Sieh, ich bin dir nie gut j
gewesen, leiden hab' ich dich nie können; denn du bist schlecht gegen mich gewesen immerdar, hart, rauh, tückisch. DaS ist's, waS mich dir abspenstig gemacht. Und wenn das alles auch nicht wäre. dein Weib wär' ich doch niemals geworden, denn du bist du und ich bin ich, und wir passen nicht zu einander". — „Ja", sagte er finster, „ich merk's, die Zigeuneralte hat dir noch mehr Tollheiten in den Kopf igefttzt". — „Die"! Sie lachte und schüttelte verächtlich daS Haupt. „Thor, waS und wie ich bin, weiß ich lang schon ohne die. Daß ich zu dir nicht gehöre, fühlt' ich längst, denn du bist schlecht und falsch«.
Er war blaß geworden, in seinen Augen leuchtete eS wild und jäh und üm die< schmalen Lippen zuckte ein böseS Lächeln. „Nein", sprach er und fuhr sich mit der Hand in'S wilde, matlblonde Haar und strich's nach hinten und athmete tief auf, „nein, zu mir gehörst du nicht; daS ist richtig: du gehörst dem Teufel; daS merk' ich jetzt wieder wie vordem. Ich bin nur verblendet durch dieß gleie (glatt) Gesicht, daS dir der Schwarze mitgegeben. Geh hin, du Here! Ich hasse dich! Geh' hin, aber hüt' dich"!
DaS war wieder einmal ein böses Wort. Die Grete zuckte zusammen und ihr Blick ward unheimlich düster und funkelnd. Der Bauer sagte nachher zu seiner Frau, sie sei wie ein Gespenst gewesen mit diesen starren, todtenhaften Zügen, mit diesen tiefen, blitzenden und funkelnden Augen. „Hör du" , sagte sie langsam und nicht laut, „also eine Here wâr' ich, meinst du? Und mit dem Teufel hätt' ich Umgang? Hör', Stoffer, glaub' daS nur immerhin. Und du wolltest mich doch zum Weibe haben? Soll ich dir sagen warum? Weil du mir nicht gönnst, waS die Eltern mir etwa dereinst zuwenden möchten, du falsches Herz; weil du meinst, mit mir könntest du das aneS haben und mich würdest du
