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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 54. Donnerstag den 4. März 1852.

Die Dohlenkörtigirr

(Fortsetzung.)

Einige Tage sah HanS eS mit dem Mädchen still an, darauf sprach er auch zu ihr. „Das ist nun ge­schehen", sagte er, „und eS ist nicht zu ändern. Erfah­ren mußtest du'S doch einmal. Du stehst darum nicht anders da, wir haben dich alle noch justement so lieb wie sonst. WaS schiert dich der Stoffer? Auf den hört keiner als er selbst. Also schlag dir daS Ding auS dem Kopf und werde mir nicht hintersinnig.*) DaS mag ich nicht. Bleib' so wie du warst, Grete, lustig und fidel, freundlich und von gutem Gemüth. Darum hab' ich dich so lieb. Laß daS Heulen"! — „Vater", entgegnete sie und fiel ihm um den Hals , „es ist ja nicht das Wort allein und die Sache. Mir ist seitdem auch so ganz an­ders, so kurioS zu Muth. Ich weiß nur nicht zu sagen wie. ES ist bald, als ob ich gar keinen Boden unter den Füßen hâtt^ in der Luft stänb', — so schwindling ist mir. Und wenn ich schlafe, träum' ich stets, daß ich hoch, hoch herunterfalle". — „DaS kommt vom Geblüt, Kind", meinte der Bauer. „Du bist auch was bläßlich. Am Sonnabend kannst du mit zur Stadt fahren und mit dem Bader reden. Sie schüttelte den Kopf. „Vom Geblüt- kommt das nicht. Ich bin auch nicht krank. Ich meine fast, es ist, weil ich nun gar keinen Anhang habe, weil Mir alles weg ist, weil ich nirgends sagen kann, da gehör' ich hin". — „DaS ist Thorheit" ! sprach der Va. ter. „Du hast uns noch alle und hier ist der Platz, da du hin gehörst. Schlag' dir die kranken Faseleien aus dem Kopf. Bist du gesund dazu". Er ging in den Stall.

Das Mädchen schwieg auch, wie der Stoffer. Sie ging langsam und nachdenklich zu der Eschenhöhe, setzte i

*) Hintersinnig — tiefsinnig, melancholisch.

sich dort und sah schweigsam und in Gedanken vor sich hin über Feld und Rain, ungestört von dem Treiben der Dohlen. Von einem muntern Scherz und Lachen ver- nahmen die Vögel nichts mehr und schienen die veränderte Stimmung der Gebieterin recht gut zu bemerken. Ob sie auch noch so zahm und zutraulich waren, so lebendig, so lustig und rührig wie früher zeigten sie sich bei Gre­tens Anwesenheit nicht mehr.

Damals war es Sommer; der verging. Im Herbst zog der Stoffer ins Dorf auf den neugepach­teten Hof als sein eigener Herr. Dann kam der Winter, darauf blühte der Frühling ab und der neue Sommer brachte neue Früchte. Die Grete war auS einem lebensfrohen, heitern Kinde zu einem lebenöernsten, stillen und bewußten Weibe geworden. Ihr Körper war nicht mehr weich und schlaff, ihre Haltung nicht mehr nachlässig, sie schritt mehr, als sie ging, sie hielt sich ge­rade, stark und kalt, wie kenn ihr ganzes Wesen ein wenig schroff, kühl und besonnen geworden.

DaS war kein Hochmuth, daß sie viel für sich blieb, daS war kein Schmollen, daß sie meist schweigsam und ost untheilnehmend erschien. Eö war wirklich ihre Natur, die sich so gewiffermaßen concentrirt hatte. Auch ihre Lippen schloffen sich fester, ihre Sprache war tiefer ge­worden, ihr Haar hatte gedunkelt und ihre Augen —

Sie hatte seltsame Augen. Immer waren sie groß und dunkelblau, von eigenthümlicher Macht, von beson­derem Glanze gewesen. Aber seit dem Gespräch mit Stoffer nahmen sie, wenn Geist oder Seele erregt war, eine andere Färbung an. Man wußte nicht recht, waren sie dann braun oder schwarz, so verdunkelten sie sich, und der Blick, der dann auS ihnen hervorbrach, war auch wundersam tief und wirklich dunkel. DaS Volk sagte von diesen Augen und Blicken, eS könne einem davor grausen und eS sei mit ihr nicht richtig. Wir nennen