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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUgem. Zeitung.

No. 53. Mittwoch den 3. März 1852.

Die Dohlenkönigin

(Fortsetzung.)

„WaS nimmst Du dir des ungeschlachten Buben Rede nur so zu Herzen"? fuhr die Bäuerin fort. „Ja, der Vater hat dich im Wald gefunden, eS werden im nächsten Frühling neunzehn Jahre". — „Aber wo gehör ich denn hin" ? rief daS Mädchen. „So hab ich ja mit Euch nichts zu thun, Mutter, und nichts mit dem Vater! Ich bin gar nicht auS Eurer Freundschaft!*) Ein Findling, rin Zigeunerkind, ohne Eltern und Freunde, ohne Anhang, allein in der Welt und allein unter der Sonne! O du Gott, o tu Gott" !

Sie schlug verzweiflungsvoll die Hände zusammen und vor die Augen deS gesenkten KopfeS. Die Mutter schlang die Arme fest um die zitternde, schwerzerschütterte Gestalt und preßte sie zärtlich an sich. Sie hatte die Augen voll Thränen. „Kind", sprach sie, „wie kannst du daS alles nur so sagen? WaS hättest du keinen An­hang? Hast du nicht den Vater und mich? Sind wir dir nicht immer gute Eltern gewesen? Haben wir dich nicht so lieb, als seiest Du unser leibeigen Kind? Hast du nicht den Herrn Magister gehabt — Gott habe ihn selig! — hast du nicht daS ganze Dorf, den Herrn Amt« mann, wer dich kennt? Du ein Zigeunerkind? WaS red'st du doch! Schau dich doch an im Spiegelglas, ob man zu dem lotterigen Gesindel gehört, wenn man so hell ist wie du. Gestohlen haben sie dich, du armes Wurm, ** daS ist einmal gewiß, und dich dann schändlich liegen lassen. Du gehörst gewiß zu hohen Stadt- oder Herrenleuten. Aber nun bist du mein, du mein Herz­

*) Freundschaft — Verwandtschaft. Freunde — Verwandte.

**) Wurm als Neutrum, oft iznd viel gebraucht zur Bezeichnung eines geliebten, bemitleideten Wesens, oder in anderer Ver­bindung auch wohl verächtlich.

blatt, und bei deiner leiblichen Mutter kannst du nicht mehr Liebe finden als bei mir und dem HanS, der auch immer nach deinen Augen auSsieht".

Die Grete legte die Arme um den Hals der ehrli- chcn Frau, drückte das Gesicht auf ihre Schulter und brach in ein leidenschaftliches, lautes und langes Weinen aus. Von Jugend auf war sie reizbar gewesen, heftig in Schmerz und Freude, leicht gereizt zu LicbeSbezeugun- gen, eben so leicht aber auch zum Zorn und zur schnell folgenden Versöhnung.

Jetzt freilich war eS nicht allein der Schmerz , der in ihr Haus hielt. Der riß ihr alle Pforten auf, die sie bisher noch von Welt und Leben geschieden; der Mensch rang sich auS dem Kinde. Daher redete die Mutter auch lange vergebens. Endlich sprach sie wie zu einem Kinde von den einfachen Begebenheiten, welche die Auffindung GretenS begleitet hatten; eS schlossen sich daran ganz zu­fällig und wie von selbst Erinnerungen auS ihren ersten Jahren, auS der damaligen Zeit.

DaS wirkte sehr gut, und wie ein Kind weinte und lauschte Grete zugleich, bis sie nach einer geraumen Zeit ziemlich beruhigt auseinander und an die drängende Arbeit gingen.

A!S der Bauer daS Geschehene erfuhr, suchte er alsbald eine ernstliche Unterredung mit seinem Sohn und stellte ihm sein Unrecht, daS ungehörige im Beneh­men gegen daS arme Mädchen noch einmal mit derben Worten vor Augen. „Du bist zu alt", sprach er. „Ich kann dir nicht mehr wie einem Kinde auf die Jacke kom­men, allein daS sage ich dir, dein Brummen und Tückisch­sein, daS ist umsonst, Stoffer, und lieber magst du in die weite Welt gehen, als daß ich durch deine Schuld Un­frieden ins HauS kriegte. Die Grete haben und behal­ten wir. Sie wird von uns erben wie du, denn sie hat uns das Glück daher gebracht; ohne sie hâtl' ich nicht