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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgems Zeitung.

No. 50. Samstag den 28. Februar 1852.

Die Dohlenkönigin.

(Fortsetzung.)

Die Grete bemerkte die Suchenden nicht; der Bauer wollte sie herabrufen, allein der Pastor, der dieses selb same Treiben zum erstenmal in seiner Vollständigkeit be­merkte, gab es nicht zu, sondern achtete gespannt und mit großem Interesse auf den Verlauf. Den einen Vo­gel streichelte sie, den andern stieß sie zurück mit den Worten: „Du gehst, du bist schlecht. Du hast dem Klei­nen daS Stück weggeschnappt, du alter häßlicher Peter. Du kannst sehen, wo du waS kriegst. Geh, ich mag dich nicht". Und daS Thier flog davon und hockte anschei­nend höchst betrübt in der Ferne. Endlich war daS Brod verzehrt und nun wurde die Kleine lebendig und lustig. „So"! rief sie und schlug die Hände aneinander ab, „nun ist's all und zu End'. Pfulsch! ES ist aus! Und nun fort mit euch — husch"! — Und wie sie dabei die Hände erhob und durch die Luft schwang, stob der Schwarm lärmend und lustig empor und verbreitete sich überall, während nur Einzelne noch zurückbliebcn, sich streicheln ließen und nach und nach den übrigen nachzogen.

Der Magister lachte laut und herzlich. „Oh, oh" ! sprach er hustend, „daS ist ja wie eine Königin über das Gethier! Regina monedularum — das heißt Dohlen­königin, ihr Leute. Oh! Ha ! Eine ganz neue SpecicS! Regina monedularum — avis rarissima" ! Nachher, als die Grete auf Seitensproffen und abgestorbenen Aesten hurtig und gewandt herabgeklettert war, den weißköpfi. gen Alten munter begrüßt hatte und in rührigster Leben­digkeit bereits wieder zu einem andern Spiele fortschoß, sprach er zu dem Bauern und seiner Frau: „Hört, Kin­der, ihr müßt mir ehrlich, christlich und treu nach der Kleinen sehen und auf dieselbe achten. Unser Herrgott legt so besondere Eigenschaften nicht umsonst in ein

menschlich Wesen. nicht für nichts gibt er so viel von seiner besondern Machtund Herrschaft an ein so armeS Würmchen auf. ES ist vielmehr ein Zeichen, daß er sie zu mehr und Größerem bestimmt hat, als unsere blöden Augen sehen. Verhätschelt sie nicht; seid liebevoll gegen sie, aber auch streng, laßt sie nie auS den Augen. So wird sie mit Gottes Hülfe für alle Lagen und Verhält­nisse fähig und geschickt werden. WaS an mir ist, waS ich vermag, will ich gleichfalls gern für sie thun. DaS versprech' ich euch".

Die Eltern handelten nach den Worten deS ehr­lichen Alten, er selbst ließ niemals nach in Aufmerksam­keit und Liebe. Er gewöhnte sie zu sich und ließ sie halbe Tage lang in seinen Zimmern, im Gânchen um­herspazieren und tollen, er sprach oft recht vertrau­lich und belehrend mit ihr, und als sie später, während der Vorbereitung zur Confirmation, wöchentlich ein oder zweimal mit den andern Kindern seinen Unterricht genoß — man nennt daS dort zu Lande wohl: zum Beten gehen — widmete er ihr seine ganz besondere Aufmerk­samkeit. Und so wuchs sie denn heran und ward groß zum Preis GotteS, zur Freude des Alten und der Dör­fer. ES war nur Eine Stimme über die „Dohlenkönigin; denn den Namen hatte sie behalten, er gefiel dem Volk wie alles Eigenthümliche und recht Bezeichnende. Die Grete war die Königin ihrer Thiere , sie fand sie immer gleich anhänglich, gehorsam und lustig. Die Eltern lieb­ten sie wie ihr eigenes Kind. Sie hatten, wie alle, es schier vergessen, daß sie ein fremdes Kind, daß sie im Wald gefunden sei. Daran dachte damals vielleicht nur Einer noch, und dieser Eine war deS Bauern Sohn, der Stoffer.

Schon als Kind hatte er die Grete geneckt und gr, quält, gezerrt und gescholten, er hatte sie niemals leisen können, und sie war daher vor dem wilden, störrischen