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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 49. Freitag den 27. Februar 1852.

Die Dohlenkönigin.

(Fortsetzung.)

Es blieb auch nicht bei dem Drohen allein. Allge­mach, wie die Grete größer wurde, weiter sich umherbe- wegte und auch mit andern Geschöpfen in Berührung kam, zeigten sich alle ihr geneigt und hold. Hunde und Katzen freilich, Hühner und Tauben, daS sind zutäppische Creaturen; die streichelt und füttert man und spielt mit ihnen, da schmiegen sie sich an und laufen nach. Aber auch die Schafe drängten sich neugierig um sie. Die Kühe, wenn sie in den Stall gesprungen kamen, wandten ihr leisebrüllend die Häupter zu, die Pferde senkten die Köpfe zu ihr nieder und stießen sie wohl sacht an, als wollten sie sagen: komm, krau' unS! Die wilden Vögel umschwirrten sie überall, sie wiegten sich auf den Zwei­gen in ihrer Nähe, sie setzten sich vor ihr auf den Weg, liefen und wippten mit den Schwänzchen, sie huschten um sie her so nah und kosend, und einige alte Sperlinge fraßen ihr gar aus der Hand. DaS Alles konnte man doch nicht für etwas IlebleS annehmen. Und dann mußte man der Grete auch selbst so recht gut werben und blei­ben; eS war, wie man dort zu sagen pflegt, nichts Ar­ges an dem Kinde, eS war ein herziges, liebes, kleines Wesen.

Sie war zwischen all diesen, so zu sagen hausbacke­nen Menschen, zwischen diesen derben Figuren, wie eine seltene schöne Blume, die man vielleicht plötzlich einmal mitten auf dem dürren Brachselde zwischen dem wilden Kraut emporschießen und siegreich hervorleuchten sieht, und Niemand weiß sie zu nennen, und keiner vermag zu sagen, woher und wie sie daher gekommen. Die Dörtler verglichen sie freilich nicht mit einer Blume. Ein alteS Mütterchen, daS sie noch selbst gekannt und später die! Geschichte den Nachkommen mittheilte, soll gesagt haben:)

Wenn die Greee so über den Dorfweg huschte und durch daS Buschwerk der Gärten schoß, daS war als wenn die lebendige Sonne durch eine schwere Wolke jäh hindurch­fährt, so hell und so schnell. Und sie war eigentlich doch ein Kind wie die andern Kindern, sie trug ihr ärmliches kurzes und knappes Röckchen, sie trat mit den kleinen nackten Füßen durch Staub und Nässe, ihr bleich goldenes Haar flog oft wild genug durch Sonne und Wind. ES war freilich etwas Eigenes an der Kleinen, daS alle zu ihr hinzog, Pflegreltern, Nachbarn und Fremde. Ader was eS war, daS nannte keiner, denn keiner wußt' eS.

ES war mit ihr auch was Gutes auf den Hof des Bauern gekommen. Unser Herrgott schien, nach den Worten deö Pfarrers, daS gute Werk Hansens augen­scheinlich zu belohnen. Von der Zeit ihres Erscheinens an gelang dem Mann alles, und alle Störungen und Unannehmlichkeiten, welche in jenen unruhigen Tagen vaS Land und seine Bewohner schwer drückten, gingen gn.ihm und seinem Besitzthum unschädlich vorüber. Ihn ruinir- ten die Lieferungen und Requisitionen nicht, da seine Felder doppelt trugen und sein Viehstand auf das Ge­deihlichste zunahm, sein Hof war nicht geplündert und auSfouragirt, sein Gespann ging nicht verloren. Kurz, trotz der KriegSzeiten kam er vorwärts, Hab und Gut mehrte sich, er selbst und die Frau waren gesund, Knechte und Mägbe fleißig und treu, der Stoffer (Christoph) wuchs schier sichtbar in die Höhe und Breite, und Grete blieb nirgends zurück, war frisch und munter, keck und legenbig und zuthunlich wie einer von ihren treuen Vögeln.

Und ihr Verkehr, ihre Verbindung mit der Natur ward immer entschiedener und wundersamer. Mit den Thieren, zumal mit den Dohlen, konnte sie, um den Aus­druck zu gebrauchen, anfangen was sie wollte. Eines