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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 48. Donnerstag den 26. Februar 1852.

Die Dohlenkönigin.

(Fortsetzung.)

ES blieb einstweilen auch beim Finder. Die An­zeige, die beim Amt gemacht wurde, führte zu nichtS, da die Zigeuner nicht mehr aufzufinden waren. Als dann daS Kind, das etwa vier bis fünf Monate zählen mochte, der Sicherheit wegen getauft und mit dem Namen Grete belegt war, fragte der Pastor den bisherigen Pflegeva­ter, wie eS nun weiter kommen solle? „Lieber Gott, Herr Magister", gab der Mann zur Antwort, „waS soll denn anders werden, als daß ich's behalte ? Jn'S Wai­senhaus in der Stadt laß ich eS nun partout nicht; daS ist mir zu neumodisch und die Kinder sehen mir dort zu mager auS. Ich habe Gott fei Dank für die Kleine satt zu essen; ich brauch' dazu auch keinen Zuschuß von der Gemeinde. Mein Junge ist nun bereite sieben Jahre alt, und es steht nicht darnach auS, als ob uns unser Herrgott noch mehr Kinder bescheeren werde. Meine Alte aber möchte gern ein Mädchen haben und hat an dem kleinen Dinge einen richtigen Narren gefressen. So will ich's denn mit gnädiger Erlaubniß deS hohen Amts in Gottes Namen behalten, aufziehen und für fein Weiter­kommen sorgen wie ein rechter Vater".

„Er ist ein braver Mann, HanS", versetzte der Pa­stor, „und der Herr wirb's Ihm sicher lohnen. So seh' Er denn recht zu dem Würmchen, daß eS eine brave Dirne wird". Und so hatte die Kleine denn eine gute sichere Heimalh gefunden, denn daS hohe Amt dankte Gott, daß es mit dieser Sache nichts mehr zu thun habe, belobte Hansens christliche Gesinnung, auf das freundlichste und überantwortete ihm feierlich daS arme, elternlose Kind.

Inzwischen hatte sich aber mit demselben etwas höchst Seltsames begeben. Am Morgen nach der Taufe zeigte

sich bei dem Gehöft des Bauern plötzlich eine Schaar von Dohlen, die man früher nie in dieser Gegend be­merkt hatte. In ein paar Eschen und Sturmweiden, welche am Hintern Zaun deS Gartens standen — der Bauer hatte zwischen ihnen den Backofen angelegt — und in jenen oben erwähnten auf der Höhe stehenden Bäumen machten sie Quartier, flogen ab und zu und verführten einen nicht geringen Lärm. Am Nachmit­tag, als das HauS bestellt war, ging die Bauerfrau mit der Grete in den Garten, fetzte sich unter einen eben auSgrünenden Baum, legte die Kleine in die von Holz­schienen geflochtene Mulde, welche eine Wiege ersetzte, und während sie mit einem Fuß dieselbe in eine schau­kelnde Bewegung setzte und ein Kinderlieb summte, trat sie mit Dem andern daS Spinnrad, welches sie nicht da­heim gelassen. Da hörte sie eS über sich schwirren, zwei Dohlen kamen und setzten sich ihr zu Häupten, trippelten nach und nach fast bis an die äußerste Spitze ihres schwan­ken Sitzes, streckten und reckten die Hälse und schauten neugierig und klug mit den blanken Augen aus die ver­wunderte Frau und daS schlafende Kind. So saßen und schauten sie eine ganze Weile, krächzten dann ganz leise, schlugen hastig mit den Flügeln, als seien sie hoch er­freut, hoben sich und schossen fort. Dabei gab eS in den großen Bäumen, wo die andern saßen, viel Lärmen, Flattern und Fliegen, und dann kam der ganze Haufe der dunkeln Vögel heran, ließ sich auf dem Kirschbaum nieder, spähte und lauschte.

Die Frau war so verwundert, baß sie Spinnrad und Kind vergaß, bis das letztere erwachte und zu wei­nen begann. Und da, wie sie eS begütigend herauf und an die Brust nahm, flatterte eine große alte Dohle vom Zweig, setzte sich vor ihr auf den Spinnrocken, sah sie mit ganz besonders verständigen und klaren Augen an, machte mit ihrem Kopf drei höchst natürliche und überaus