Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
No. 47. Mittwoch den 25. Februar 1852.
Die Dohlenkönigin
Eine Erzählung.
I.
Es ist eine seltsame und unheimliche, traurige und hin und wieder dunkle Begebenheit, die ich mittheile. Bekannt ist sie eigentlich nie recht geworden, denn damals, als geschah, waS ich erzählen werde, wurde eS so viel wie möglich unterdrückt und vertuscht, und wer davon ge« nauer erfuhr, pflegte nur ungern darüber zu sprechen. Theils waren die Leute noch abergläubisch, dachten an Hexerei und Spuk und an dergleichen, von dem man nicht reden soll, theils meinten sie auch wohl, das Alles sei eine Schmach für die Menschheit und man lasse eS immerdar lieber versteckt und vergessen.
In Norddeutschland liegt mitten im Lande und an einer jetzt wenig mehr benutzten Landstraße ein armeS kleines Bauerndorf eng um Kirche und Pfarrwohnung zusammengedrängt. Zwei bis drei Büchsenschüsse weiter führt der Weg knapp an einem einsamen, jetzt beinahe schon gänzlich verfallenen Hofe vorüber. DaS Feld umher liegt wüst, der Garten verwächst, die Gebäude, wie gesagt, zerfallen. DaS Gesträuch deS Storchnestes auf der First hängt wild und wirr herab, unter dem Dach ist nicht ein einziges Schwalbennest. Nur die Sperlinge sind dort, und hin und wieder zeigt sich auch ein Rabe auf dem Dach.
Und wenn ihr am frühen Morgen dort vorbei kommt und Glück habt, könnt ihr vielleicht ein weißes Wiesel sehen, daS durch die hohen Nesseln schießt und sich in einer Spalte deS Mauerwerks verliert, oder Meister Reineke, der in diesen Gegenden lustig genug sein Wesen treibt, sitzt und sonnt sich im Garten unter dem allen Apfelbaum, spitzt die Ohren und wendet lauschend den Kopf und fährt, wenn er euch erblickt, munter davon.
ES gibt ein Sprichwort im Lande, daS auf den alten Hof paßt: „Rab auf dem Dach, Fuchs vor der Thür — Hütet sich Roß und Mann dafür".
Hinter dem Garten zieht sich ein schmaler GraSrain eine leichte Höhe hinan, auf deren Rücken ein paar Dutzend alter riesiger Eschen Zehen. In ihren Kronen hängen unzählige Dohlennester. Links aber bricht daS Grün im jähen Sturze ab und eine große, tief und weitgestreckte Sandgrube, deren Grund von einem stillen, schmutzig gelben Wasser verhüllt ist, gähnt bis hart an die Straße. Auf deren anderer Seite sind die schwachen Reste einer einmal sehr bedeutenden Kiefernwaldung. Die Gegend ist dürr und verstaubt, still und öde. DaS ist die Scenerie dieser Geschichte.
Vor hundert Jahren war der Hof noch neu. Sein Besitzer, HanS Nonnenküster, war mit seiner Frau erst vor einigen Jahren hierher gezogen, hatte daS früher unbenutzte Land gepachtet und bearbeitet und die Gebäude aufgebaut. Er war betriebsam und fleißig und kam gegen die Art der damaligen Bauern und auch seiner Nachbarn gut vorwärts.
Im Dorf war er wohl gelitten und beliebt, denn er zeigte sich als ein gutmüthiger Gesell, der keinen Spaß verdarb, als freundlicher Nachbar, der gern half, wo er konnte, und galt für einen sehr gescheuten Mann und tüchtigen Landwirth.
Eines TagS kamen einige Bauern, unter ihnen auch HanS auS einer benachbarten Stabt zurück, wohin sie mit ihrem Gefährte auf Requisition gewesen waren. ES war in den ersten noch kühlen Tagen deS Frühlings, der Abend bereits hereingebrochen und die Mondsichel erhellte nur notdürftig ihren Weg. Als der voranfahrende HanS Vie enge Stelle deS WegeS bei der Sandgrube pafsirt I' hatte, hielt er plötzlich an und horchte; die Nachfolgenden unterbrachen ihr Pfeifen und Singen, machten gleicher«
