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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 4. Samstag den 2t. Februar 1852.

Alte Ges chichten.

(Fortsetzung.)

„Aber daS alles ist furchtbar"! rief ich erschüttert aus. Ich fühlte bei der Beschreibung Vieser wilden Scene einen Schauer mich durchdringen über diese grausame Härte, diesen dämonischen Stolz,der lieber alles aufgab, die ganze Liebe zerdrückte, als daß er ein einziges mildes Wort der Entschuldigung, einen einzigen Gedanken der Verzeihung, einen einzigen Gedanken an die Möglichkeit eines eigenen Fehlers, eines eigenen Unrechts zugelaffen Hütte. „DaS ist furchtbar! Dachte denn keiner von euch eisernen Menschen daran, daß in jenen Minuten euer ganzes Glück und Leben zu Ende ging, eure ganze Liebe nun umsonst gewesen war" ?

„Nein"! sprach er und schüttelte leise den Kopf. „Daran dachten wir wohl nicht. Und wenn auch, das kümmerte uns wenigstens damals nicht. Darum waren wir ja auch von Eisen. Das geht mitten durch und fragt nicht wodurch. So waren wir einmal. Und so ging ich denn mit meinen letzten Worten zur Thür hin­aus, den Corridor entlang und löschte im Gehen unwill­kürlich die Lampen auS. Mir war, als müsse alles um mich her dunkel sein, wie eS in mir war. Dann sattelte ich mein Pferd und ritt langsam nach HauS. Dort packte ich meine Habseligkeiten zusammen. Von der Nacht und dem nächsten Morgen weiß ich nichts. Denken konnte ich nicht, ich war voll dumpfen Zorns, voll tiefer Trauer, weiter nichts. Mein Zustand war zu zerrissen, um einen Gedanken zuzulaffen.

Am Mittag war ich reisefertig und nahm Abschied von meinen Eltern. Da war'S, wo meiner Mutter Herz aufthaute. Wußte sie waS oder sah sie mir nur an, daß für ihre Hoffnungen keine Aussicht mehr vorhanden !"? Sie umfaßte mich und küßte mich, als ob wir für

immer schieden. „Hubert, mein liebstes Kind"! sagte sie, „mir ist, alS sâh' ich den Tod in deinen Augen"! — Lassen Sie'S nur gut sein, Mutter", versetzt' ich. „DaS Leben wird schon wieder kommen". — „Und kommst du bald wieder einmal her"? fragte sie weinend. »Nein, nein"! rief ich heftig. „Nie und nie"! Sie fiel mir ohnmächtig in die Arme. Ich übergab sie den andern. „Wenn ihr mich sehen wollt, kommt zu mir hinüb r", redete ich zu ihnen. „Hier seht ihr mich nicht wieder. Ich bin hier nichts mehr nütz". Dann stieg ich zu Pferd und ritt fort.

Vor dem Dorf sah ich Strohband neben mir, dem ich doch am Morgen schon Erlaubniß gegeben hatte, zu bleiben und seine Angelegenheiten mit dem Mädchen in Ordnung zu bringen. Nun wiederholte ich ihm daS. Er sah mich kopfschüttelnd an. „Die"? fragte er finster; „die"? Nein, Herr. WaS zu mir gehören will, muß Euch lieb haben und Euch glauben, wie ich selbst. Sonst kann ich's nicht gebrauchen. Und ich liebe solchen Hoch­muth nicht. Seit die Barone dort aus und eingehen, sind wir nicht mehr gut genug. Ich komme mit Euch. Hole der Teufel die WeibSleute"!

Er ließ sich seins Ueberzeugung, daß dieser Bruch hauptsächlich auS Hochmuth geschehen, auch niemals ausreden und glaubt, wie Ihr wißt, noch daran. Wir aber ritten damals schweigend weiter. An eine solche Abreise hatte ich drei Wochen zuvor nicht im Traume gedacht. DaS Leben schien mir zu Ende zu sein.

Das war eö denn nun freilich nicht, fuhr er nach einer langen Pause fort. Im Gegentheil fand ich mich bald wieder hinein, wirthschaftete und arbeitete, laS und stubirte, jagte und reiste, tollte auch einmal mit Bekann­ten und Verwandten umher, und ergab mich einer Thä­tigkeit, die mich die Tage zu kurz finden ließ. So vertrieb ich nach und nach die Gespenster, die mich