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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

Zeitung.

No. 43. Freitag den 20. Februar 1852.

Alte Ges chichten.

(Fortsetzung.)

„So soll Ihnen Ihr Warum? beantwortet werden-, sagte sie. „Weil Sie falsch gegen mich waren bis heut, bis jetzt, immerdar. Das ist's! Sie haben früher schon eine Bekanntschaft in England gehabt. Trotzdem wand­ten Sie sich mir zu. Ich weiß eS zwar, daß mich Nie« mand so lieben kann, wie ich ibn lieben würde, allein ich verlange wenigstens ein freies Herz für mich, wo ich daS meine frei entgegen bringe. Und wenn man in solcher Vereinigung einmal daS Glück suchen will, so müssen die Herzen auch miteinander im Takt schlagen. DaS war hiernach nicht mehr möglich. Geben Sir daS zu"?

„Nein"! antwortete ich kalt. „Auch ich habe ein freies Herz zurückgebracht, frei für die Zukunft, frei für Sie. Die Geschichte aus England ist eine alberne Fabel, so unbedeutend, daß ich ihrer nie erwähnt habe, obgleich ich nicht einsehe, waS mich im Anfänge, wo ich von den Erlebnissen meiner Reife sprach, selbst Ihnen gegenüber daran verhindert hätte, wenn eS nicht ihre gänzliche Nich­tigkeit war.

Von Lissabon reiste ich zufällig im selben Schiff mit einer jungen liebenswürdigen Dame ab, mit der ich bei­nahe vierzehn Tage zusammen war, der ich manchen klei­nen Dienst leisten konnte und als gebildeter Mann leisten mußte, die mich° freundlich in England am Landungsplatz ihren Eltern vorstellte. Darauf bin ich auf deren Land­sitz einige Wochen lang in angenehmer Gesellschaft gewe­sen. Die Tochter habe ich immer wie eine sehr liebens­würdige, artige und gütige Bekannte betrachtet, so mit ihr verkehrt, so an sie gedacht, so sie jetzt durch einen ge­meinsamen Freund begrüßen lassen. DaS ist Alles". Sie sah mich durchdringend an und meinte:

„Sei eS drum. ES ist möglich, daß die Sache sich I so verhält. Aber daß ich Ihr langes Schweigen, Ihre!

Reife, Ihre lange Abwesenheit nur Ihren Gründen, die ich kaum verstehe und nicht für triftig genug halten kann, zuschreiben und daraus erklären, daß ich deßwegen verzeihen soll, daß ich an diese Krankheit, an das küm­merlich erfundene und verbrauchte Intermezzo der ver­lorenen Briefe glauben soll, daS heißt mich für ein zu kindisches Kind halten". — „Fräulein von Laischach", rief ich heftig, „Sie verletzen mich tief, Sie stempeln mich zum verächtlichen Lügner. Hab' ich Ihnen jemals einen einzigen Grund zu einer solchen Annahme ge­geben" ?

„Ja" I entgegnete sie hart. „Denn Sie haben mir Ihre Liebe vorgelogen. Unsere Eltern haben uns ja mit einander verlobt, Herr von Warihien. Sie haben das gewußt. Sie haben mir nichts davon gesagt. Sie haben mir Ihre Liebe angetragen nur aus Gehorsam, aus Er­gebenheit gegen diesen Befehl, auS Speculation. auS ■— waS weiß ich noch sonst für Gründen. Und ich blindes, albetneS Kind nahm daS für achte, baare Münze"! ES war ein Strom von Thränen, der ihren Augen entstürzte. 3$ wollte, ich konnte ihr nichts darauf antworten, ich schwieg. „Ja, ich bin stolz"! fuhr sie fort; die Thränen waren schon wieder versiegt, ihre Wangen brannten, die Augen glänzten fieberhafteste zitterte heftig und sprach mit wilder Lebendigkeit. „Ja, ich bin stolz! Ich will nur um meinetwillen gewählt sein. Ihnen kann ich nimmer etwas sein und werden, denn Sie sind falsch gegen mich gewesen. Diesen Vorwurf können Sie nie wegdisputiren. Immer würde in meiner Seele der Ge­danke, wenn nicht an die Wirklichkeit, doch an die Mög­lichkeit schlechter Motive herrschen. Immer würde ich denken: du hast dein treueö, ehrliches, heißeS Herz für einen falschen, leeren Schein, daS Gold deines Innern für werthlofeS Blei hingegeben. Immer würde ich den­ken : du bist getäuscht und betrogen worden, wo allein die