Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 42. Donnerstag den 19. Februar 1852.
Alte Ges ehichten.
(Fortsetzung.)
„Aber nun kommt, Franz", unterbrach sich der Alte und stand auf. „Man wird steif vom langen Sitzen und eS muß elf Uhr und darüber sein. Wir wollen auf und nieder gehen, und ich will Euch dabei meine Geschichte zu Ende erzählen. Denn zu Ende will ich einmal. Ich hätte längst fertig sein können, aber wenn man so über seine beste Zeit spricht, wird ein alter Mensch nur zu gern und zu leicht plauderhaft".
So gingen wir denn aus dem Pavillon auf die Terrasse hinaus. Die Nacht war tief und still, die Bâumr bewegten kein Blatt und auf dem See hatten sich die Wellen auch zur Ruh gelegt, die Wasser murmelten kaum an dem Rasenabhang der Terrasse. War einmal etwas zu vernehmen, so war's etwa ein Nachtfalter, der an ein paar Blättern vorbei gegen das Licht zu huschte, oder ein Fisch plätscherte draußen im beleuchteten Wasser lustig und hastig empor, eine Mücke sang leise im Schatten, oder unser Tritt knirschte ganz sacht auf dem feinen Kiessand des ebenen Weges.
Dunkel war die Nacht eigentlich nicht, denn wenn der Mond uns auch nicht sichtbar war, erhellte er sie doch bis zu einem gewissen Grade. In der Ferne, jenseits deS See'S, sahen wir auch einige Baumgipfel von seinen Strahlen erhellt. So gingen wir, und Hubert fuhr fort:
„Als ich in'S Zimmer trat, fand ich eS hell; ein paar Achter standen am Ofen, ein paar andere auf dem Tischchen vor dem Spiegel. Emilie saß auf dem Stuhl in der Fensternische, trug noch das dunkle Kleid vom Tage Und hatte sich in einen schwarzen Shawl wie fröstelnd lief hinein gehüllt. Auf dem Sopha fand ich die unver- Ulridliche Freundin. Zu der trat ich zuerst und sagte ihr,
daß wir in diesem Fall daâ Ceremoniell einigermaßen aus den Augen setzen müssen, daß meine Worte an Emilien nur zeugenloS sein könnten, daß wir in einer Viertelstunde fertig sein würben. Damit bot ich ihr den Arm, führte sie in'S Nebenzimmer und zog die Thür hinter ihr zu; sie war viel zu betroffen, um eine nutzlose Einwendung zu machen. Dann ging ich zu Emilien, die sich bisher noch nicht geregt. War eS die Beleuchtung, oder die ganze schwarze Tracht, oder die Bewegung deS Augenblicks, oder dies alles vereint, sie war so gespenstig bleich, daß ich beinahe erschrack. Allein ihre Lippen waren auf einander gepreßt und jeder Zug deS Gesicht- sprach von einer solchen Härte und Starrheit, von einer solchen Entschlossenheit, wie ich sie weder.früher noch später je wieder bemerkt, und wie man sie bei diesen weichen, sanften Zügen eigentlich für ganz unmöglich halten sollte. * -
Zuerst also sah und bemerkte Ich dieS alle-, darauf sprach ich r „Fräulein von Laischach, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten". — „Und ich habe sie zugestanden, weil ich sie für nothwendig hielt", unterbrach sie mich. „Leider hat unS daS Geschick bis dahin zufam- mengeführt. Ich bitte Sie jetzt aber zu eilen. Sie begreifen, daß diese Situation durch eine längere Dauer etwas mehr als seltsam werven wuß". — „Ganz recht", entgegnete ich eben so kühl. „Sie haben vielleicht gehört, baß ich Ihrer Freundin eine Viertelstunde als die genügende Zeit angâb. Wenn Sie mich ruhig anhören wollen, hoffe ich noch früher zum Schluß kommen zu können".
Sie neigte wie zustimmend ihren Kopf und ich fuhr fort: „Also, vor einiger Zeit habe ich Sie unwillkürlich in mein Inneres blicken lassen; Sie schienen mit dem Bemerkten nicht unzufrieden. Sprechen konnte ich nichts ich suchte sogar mein Gefühl zu unterdrücken, denn icfc
