Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
»Zeitung.
No. 41» Mittwoch den 18. Februar 1852.
Alte Geschichten.
(Fortsetzung.)
Ich stürzte fort. Richtig! sagte ich zu mir. Er ist erhört! Morgen wird die öffentliche Verlobung sein. Der Alte auch einverstanden! Bah! Eh bien! ich bin dabei! — Und so schritt ich die Wege, die ich gekommen, wieder zurück nach Warthien. Als ich gegen zehn Uhr da war, denn ich hastete mich nicht, sagte mir die Mutter, Laischach habe unS eben noch zum andern Tag eingeladen, sie habe sür mich zugesagt. „Sehr gut"! sagte ich und zog mich auf mein Zimmer zurück. Sprechen wollte ich mit Emilien noch einmal, ihr über mich, die Verleumdungen, die Verabredung der Eltern die Augen öffnen, sonst keine Bitte, kein Wort der Begütigung, nichts. Dann wollte ich nach Waldsee zurück und mich den Teusel um sie und die Welt zu scheeren. So ging die Nacht schlaflos herum. Nachmittags gegen fünf Uhr fuhren die Meinen hinüber, ich selbst folgte ihnen eine halbe Stunde später mit Strohband zu Pferd. Laischach empfing mich freundlich und herzlich, saßte und schüttelte mir die Hand. „Nun, Hubert", sprach er, „wie stehtS? Man sieht dich kaum noch".
„Ach"! gab ich ausweichend zur Antwort, „daS macht sich nur so zufällig. Doch ich will den Damen guten Abend sagen". Damit trat ich inS GesellichaftS- jimmer und fand viele von den Nachbarn und Freunden ; auch Buchen stand dort in eifriger Unterhaltung mit der Freundin EmilienS. Sie selbst wandte sich vom Theetisch zu mir, um meinen Gruß entgegen zu nehmen; die Gesellschaft plauderte lebhaft. Mitten darin waren wir für den Augenblick allein.
„Man sieht Sie gar nicht mehr" ? sprach sie fra- gend. Ich meinte in ihrer Stimme einen leisen Spott iu finden. Ich sah sie an, ich wähnte auch um ihren
Mund den Spott zucken zu sehen. Und doch kam allein mir in Bewegung, doch fühlte ich mich zu ihr gezogen wie je, und doch drückte ich alles hart zurück, dachte an daS, was sie mir gethan, was fie mir zuschob, und herb erwiderte ich: „Ja, natürlich, meine Cousine, Sie wissen, ich bin hochmüthig wie der Teufel. Wo ich Erkaltung ahne, bin ich jedesmal der Erste, der abbricht. Mich läßt nie Jemand fallen; denn wenn es so weit ist, bin ich ihm lange zuvorgekommen". Sie sah mich starr an. „Da bedaure ich Ihr Leben, Herr von Warthien", versetzte sie. „ES wird eine Mischung von Mißtrauen, Irren und Entsagen sein". — „Schon gut"! antwortete ich. „DaS ist menschliches LooS, und darum werde auch ich eS tragen können". Da verneigte sie sich und trat zurück, daS Gesicht noch kälter, die Stirn noch trotziger und strenger als bisher. DaS Gespräch war zu Ende, doch wir waren noch nicht fertig mit einander. DaS fühlte ich und gab die Absicht, ausführlich mit ihr zu reden, keineswegs auf. Ich fetzte mich darum hin und spielte und gewann wie rasend. Ich trank wie unsinnig; eS rührte mich nicht; ich behielt meinen klaren Kopf, ich ward wo möglich noch kälter und bestimmter. Ich fühlte mich von mehr als Einer Seite beobachtet; daS war mir egal. Ich verkehrte mit den Damen, den Herrn, ich war freundlich gegen Buchen und nahm ihm bloß sein Geld ab.
Jeden Augenblick erwartete ich von der Verlobung zu hören, eS geschah jedoch nichts. Nach Tisch, wie wir unS gesegnete Mahlzeit wünschten, traf ich wieder mit Emilien zusammen. „Ich möchte Sie heute noch sprechen", flüsterte ich. Wir wurden durch andere Gäste getrennt. Alö wir bald darauf wieder an einander vorbei gingen, sagte sie rasch und leise: „DaS ist mir angenehm. Wenn die Gesellschaft vorbei ist, kommen Sie nach meinem Zimmer".
