Der Wanderer.
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Belletristlsches Beiblatt zur Nassauischen Mgem. Zeitung.
No. 37. Freitag den 13. Februar 1852.
Alte Geschichten.
(Fortsetzung.)
Daß sie blaß, ja bleich war, schien mir erklärlich, obgleich sie auf meine besorgte Frage ihre Gesundheit für die beste erklärte. Allein sie war auch kalt und eisig, stolz und herb gegen mich. WaS ich sagen und thun mochte, ich fand sie überall und immer gleich. Sie zeigte nicht einmal die gewöhnliche Artigkeit und Freundlichkeit, auf die ich doch zum Mindesten Anspruch machen konnte, die sie mir immer gewährt, die sie jedem Andern gleichfalls gegönnt hatte. WaS war daS Alles? Hatte sie meinen Brief nicht empfangen? Hatte sie sonst mir zu zürnen? Hier mußte mehr sein, als der alberne Grund meiner langen Abwesenheit. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Sie allein zu sprechen war nicht möglich, und so brach ich unter bewandtcn Umständen nicht gerade Widerwillig auf und ritt nach HauS. Meine Hoffnung war, daß dies Alles nur etwas Zufälliges, Momentanes gewesen sein werde. An einen Bestand dieser unseligen Laune dache ich nicht.
Allein ich mußte endlich wohl daran glauben, als ich, wie begreiflich, an jedem der folgenden Tage wieder zu ihr kam, alö ich sie immer in gleicher Stimmung fand. Sie war wie eine feste herbe Knospe, ohne Duft und ohne Glanz, der man nirgendwo anzukommen vermag, die fest geschloffen ist uud nicht durch eine einzige Spalte ihr Inneres verräth. Jetzt achtete ich auch mehr auf ihr Aeußeres und fand auch da des Veränderten viel, zu viel. Ihr Mund war streng und scharf geschloffen, ihre Stirn, so stark und gewölbt sie auch immer gewesen, nun erschien sie mir fast noch ausgeprägter, stolzer und starrer. Ihre Bewegungen waren so kalt, so präcis, so gemessen geworden; ich sah sie nicht einmal herzlich lachen, nicht einmal aufspringen, nicht einmal umherfliegen. Wie sie
ging, stand, dieß und daS that, eS war alles langsam, ernsthaft, kühl und bestimmt. DaS sonnig Warme, daS zauberhaft Leichte, daS vogelartig Flüchtige und Zierliche war wie weggeweht. Uno dann war sie immer so umgeben und verschanzt, daß ich nie ihr nahe zu kommen vermochte; sie wandte sich ganz von mir ab ; ihre Freundin war immer mit ihr zusammen und verließ sie nicht einen Augenblick.
Endlich, am vierten oder fünften Tage ging die Freundin einmal in'S Nebenzimmer, um sich Wolle zu ihrer Stickerei zu holen. Da trat ich rasch zu ihrem ArbeitSlischchen und fragte leise: „Cousine, waS haben Sie gegen mich? Zürnen Sie mir, Emmi? Ist denn zwischen uns alles zu Ende?" .Sie sah von ihrer Arbeit empor, ihr Auge blieb klar und kühl, ihre Stimme ganz ruhig, ihr Mund wölbte sich nicht, noch verzog er sich, als sie entgegnete: „Ich? haben? gegen Sie? In der Welt nichts. Sie irren sich sehr, Herr von Warthien." Mein Herz preßte sich mir zusammen und vor den Augen flimmerte es mir. Doch ich raffte mich auf und sprach flustend: „Haben Sie meinen Brief nicht erhalten? Over ist dieß alles die Antwort darauf?" Ein verächtliches Lächeln zuckte um ihre Lippen. „Auch wieder ein verlorener Brief? sagte sie schneidend. „Und an mich? Wie käme ich dazu, Herr von Warthien?" Ich weiß nicht, ob ich blaß oder roth geworden, aber mein Kopf war voll lebendigen FeuerS, so heiß war er mir, so fühlte ich die Adern schwellen. ES schrie in mir wie mit tausend Stimmen: So fahr' hin, du Stolze! So sei verflucht, waS ich für dich träumte und sann! Aber ich sprach nicht, denn die Freundin trat wieder herein, ich mußte mich fassen und gleichgültig erscheinen. Und daS war gut. Es wäre sicher ein furchtbares Wort geworden , wenn'S aus meinem Innern gesprungen, vielleicht ein ewig unverzeihliches. Wild wie ein Warthien!
