Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 36. Donnerstag den 12. Februar 1852.
Alte Ges chichten.
(Fortsetzung.)
Mein Empfang war kein heiterer und erfreulicher; die Meinen waren alle einigermaßen verlegen; meine Mutter hatte ihren feierlichen, piquirten Ton angeschlagen, mein Vater drehte und wendete sich zum Erbarmen. Nun erfuhr ich nach vielen Präliminarien von verloren gegangenen Briefen, von der nicht erfolgten Ankunft meines Schreibens. Von Hamburg hatten sie die Anzeige meiner Krankheit erhalten, welche ich in den ersten Tagen meiner Genesung ihnen zukommen ließ. Ob Laischachs denn nicht gleichfalls einen Brief erhalten? fragte ich. Das wußten sie nicht. Dafür erfuhr ich aber das Unglück in Kronitz. Sie waren zu großer Gesellschaft dahin eingcladen gewesen und hatten die Nacht dort zugebracht. Es sei Feuer au( gekommen, Frau von Laischach, eine schwere Frau, nur durch die vereinigten Anstrengungen ihres Mannes und meines BruverS dem Tode entrissen worden , an den Brandwunden und der bei alle dem kaum vermeidlichen Erkältung jedoch wenige Tage daraus in Laischach gestorben. Darauf kamen wieder Redensarten über meine Reise, mysteriöse Andeutungen, die ich nicht verstand, Tadel, hohe Worte, über daS Sein und Treiben der Freunde drüben, Achselzucken, halbe Worte, weiß Gott waS alles, nur nichts Klares, Ruhiges, Vernünftiges.
Endlich kam auch ich zum Fragen, doch fragte ich nicht die Mutter , gegen die ich nie wieder vertraut geworden , nicht Vater und Bruder, die mich kaum verstanden hätten, sondern meine Schwägerin, die mit Emilien sonst ziemlich vertraut zu sein pflegte, so weit daS eine solche, wenn auch angenehme, doch mehr oder min.- der, ich möchte sagen inländische Natur mit einer so springfederartigen, exquisiten wie die EmilienS irgend
werden kann. Als sie zuerst mit der Sprache nicht recht heraus wollte, redete ich ganz offen zu ihr von meinen Wünschen und Planen. Darauf sagte sie: daS habe sie lange geglaubt und gehofft; meine jetzige plötzliche, un* motivirte, lange Abwesenheit, mein vorhergehendes Schwei» gen und Zögern habe sie irre gemacht, und nicht sie allein. Die Mutter sei in Heller Verzweiflung gewesen, Laischach habe den Kopf geschüttelt, ihr Mann habe gemeint, ich sei ein eigen Kraut und könne keiner von meinem Thun etwas vorausschließen oder sagen. Emilie sei gleichfalls ganz anders geworden, zumal feit dem Tode der Mutter, so kühl, so starr. Von Vertrauen fei keine Rebe mehr; sie spreche nie über sich, über ihre An- und Aussichten, ihre Wünsche, ihre Hoffnungen, über mich kein einziges Wort, weder Frage noch Tadel, noch Klage, — nichts. WaS vorgefallen, wisse und ahne sie nicht.
DaS ging mir nun mächtig im Kopfe herum. Ich wußte mir nichts vorzuwerfen. Von meinen Wünschen wußte Emilie ; daß meine kleine Reise zu einer so großen geworden, dafür konnte ich nicht. Daß sie meine Briefe nicht erhalten hatten, war ein Malheur. Iw dem allen fanö ich keinen Tadel. „Seit wann haben Sie Emilien nicht gesehen, liebe Schwägerin"? fragte ich endlich. Sie rechnete nach. „Seit beinahe vierzehn Tagen", meinte sie dann. DaS war wiever ein Trost für mich, denn in dieser Zeit sollte sie meine Hamburger Epistel erhalten haben, die denn alles gut machen mußte, wie ich wähnte. Und so beruhigte ich mich und brachte den Tag ganz still daheim zu, da ich erstens sehr müde und angegriffen war und zweitens auch meiner Mutter nicht einen Gefallen thun wollte, indem ich wie ein Narr nach Laischach hinübereilte.
Am folgenden Morgen aber säumte ich nicht länger, sie zu besuchen, und daS Herz klopfte mir.
