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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.

No. 33. Sonntag den 8. Februar 1852.

Alte Geschichten.

(Fortsetzung.)

Bald darauf ging ich an den Hof, um mich nach einer Stelle für mich umzusehen. Das Leben daheim, vor ihren Augen, so zu sagen, ruinirte mich auch. Ich fühlte meine Stärke schwankend und meine Energie, meinen Muth feig werden. Nun, mein Lieber, der Adel galt da­mals, zur Zeil der französischen Revolution, und vielleicht gerade deßhalb, in Deutschland und zumal in diesen Ge­genden mehr als je und man that für ihn, was man konnte. Ich traf überdies noch manchen Bekannten und Befreundeten, viele Verwandte am Hofe, überall, und Mühe kostete eS mich nicht, Fürsprache zu erlangen. Es fanden sich manche Stellen theils in nicht allzuferner Aussicht. Allein einerseits sagten sie der Richtung meiner Bildung und meiner Studien nicht zu, andererseits wa­ren es sogenannte Ehrenposten, die mir nur einen Titel ohne ein irgendwie hinlängliches Auskommen gewährten und dennoch einen gewissen Aufwand erheischten: sie ver­sperrten mir wohl gar die Aussicht aus weiteres Steigen oder rückten dieß in solche Ferne, daß eS so gut wie nutz­los war, darauf zu hoffen. Es wollte sich also nicht viel Tröstliches herausstellen.

So entschwand Woche auf Woche bis in den No­vember theils inhaltlos, theils ausgelassen oder lang­weilig. Da ward ich nach Hause beschieden. Es war einer jener unglaublichen Glücksfälle für mich eingetreten, die in den schlechten Romanen der damaligen Zeit eine Hauptrolle zu spielen pflegten, in Wirklichkeit aber da­mals wohl eben so selten waren wie jetzt und immer. Der Bruder meiner Mutter, nach dem ich Hubert getauft bin, war in früher Jugend in holländische Dienste ge- âangen, nach Ostindien geschickt worden, nach und nacht avancirt und vor Kurzem gestorben. Nur selten hatten I

wir von ihm erfahren; nun empfingen wir mit der Todesnachricht sein Testament, welches meine Brüder mit bedeutenden Legaten bedachte und mich zum Haupterben einsetzte. Es fiel für jeden genug ab und dennoch erhielt ich noch mehr als sie alle; eS war ein außerordentliches Vermögen für die damalige Zeit und für diese Gegenden. Gegen alle Erwartung fiel uns die Erhebung dieser Erb­masse durchaus nicht schwer. Mit einem verhältnißmâßig sehr geringfügigen Verlust für unS übernahm ein Amster­damer HauS unsere Ansprüche und bezahlte unS aus. Schon im Februar war alles in Ordnung und wir ßt* hörten zu den Reichen im Land.

Mir verging diese Zeit jedoch keineswegs nutzlos und ruhig. Freilich, wenn ich einmal daheim war, verkehrte ich mit Emilien nicht anders als bisher. ES fiel kein weiteres Wort zwischen unS. Theils glaubte ich ihrer sicher sein zu dürfen — hatte ich darin Unrecht? — theils widerstand eS mir, jetzt augenblicklich mit meinen Wün­schen hervorzutreten. ES hätte auSgesehen, alS ob ich nun auf mein Geld pochte. Und dann auch — wohin mit unS? Nach der Entscheidung wollte ich nicht länger warten; ein langer Brautstand war mir von je in den Tod verhaßt. Daher wollte ich ihr mit der letzten Frage zugleich auch eine Heimath, einen festen Besitz anbieten können. So reiste ich denn im Lande umher und suchte mir eine Besitzung.

Die Regierung hier zu Lande war damals in harter Verlegenheit, und da die Stände nicht mehr helfen konn­ten, verkaufte sie eine ganze Menge Domänen. Dazu gehörten Eschenhof dort hinter dem Wald und hier Waldsee, welches sie erst vot zwanzig oder dreißig Jah­ren aus der ConcurSmasse des Grafen Rauhenstein selbst acquirirt hatte. Ich nahm sie beide, denn ich wollte zu thun haben. Ich nahm sie um so lieber, da Waldsee beinahe an EmilienS Gut gränzt; das dazwischen lie*