Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
No. 29. Mittwoch den 4. Februar 1852.
Alte Ges chichten.
(Fortsetzung.)
Inzwischen zog das Jahr durch den Sommer. Wir hatten Pfingsten ungewöhnlich früh gehabt. Jetzt waren wir bereits in den heißesten Wochen und bei uns mähten sie schon den Roggen. — Einmal Morgens fühlte ich mich ganz besonders gequält und ruhelos. Ein paar Stunden war ich bereits in Wald und Feld umhergelaufen und kam nur nach Haus, weil die Hitze drückend wurde und ich mich müde und abgespannt fand. Nach dem Frühstück jedoch litt eS mich nicht mehr im Zimmer; im Garten, wohin ich ging, hatt' ich keine Rast, bei den Büchern konnt' ich nicht aushalten, und so ging ich ge- dankenloS oder gedankenvoll — denn eS gibt hin und wieder in uns einen Zustand , wo wir nicht zu entscheiden im Stande sind, was eigentlich der Fall sei — zum Pserdestall, sattelte und zäumte mein Pferd, setzte mich auf und ritt davon.
WaS eS war, daS mich so umher jagte, weiß ich nicht. Waren eS meine peinlichen immerwährenden Reflexionen und Grübeleien? war eS die Langeweile? oder die Sehnsucht, von Emilien wieder einmal zu hören? Ich wußte nichts von ihr, gar nichts! Seit vier Wochen hatt' ich sie nicht gesehen, seit acht Tagen und länger war ich nicht drüben gewesen. Denn seit mein Bruder mir die Augen geöffnet, Hatt' ich geschworen, so viel wie möglich daS Haus und sie selbst zu vermeiden. Und dennoch war eS wohl die Sehnsucht, die mich den läderlichen Schwur vergessen ließ und mich auf den Weg nach Lai, schach führte. Freilich, vielleicht kann auch mein Pferd mich bestimmt haben, da das arme Thier in der letzten Zeit, wenn ich es überhaupt gebrauchte, keine andere Richtung einschlagen durste alS diese. Ich wußte jedenfalls für jetzt nichts davon, und die Zügel führte ich auch nicht
Ich wußte nur, daß mein Pferd langsam sortmarschirte auf einer ziemlich ebenen, schattenlosen Straße; die Wei- den zu beiden Seiten derselben waren geköpft und die frisch au-geschlagenen Zweige noch viel zu jung und zart, um Schatten zu geben. Auf den Feldern lebte und schwirrte eS von Menschen und Thieren. Sie mähten, und mehr als einen demüthigen Gruß brachten sie dem vorbeieilenden Sohn der Herrschaft dar. Auf dem folgenden Gebiet wetzte der Vormäher lustig vor mir die Sense, und da ich still hielt, trat seine Binderin hervor, band mir das Etrohseil um den Fuß und brachte lächelnd ihren gereimten und ungereimten Spruch heraus. Wie es Sitte ist, löste ich mich mit einigen Groschen und ritt weiter. Hie und da zuckten ein paar Lerchen auf und flatterten singend in der Höhe, oder ein Volk Hühner schwirrte empor und vorbei, und ich ärgerte mich, daß ich weder Hund noch Flinte bei mir hatte. Weiterhin, wo eS an einer mit Stangen umschlossenen Waldkoppel entlang ging, liefen Pferde und Füllen herbei und begleiteten mich neugierig und wiehernd, so weil sie vermach, ten. Und der Morgen war blendend klar und glühend heiß; daS Blau der Höhe blitzte gleichsam und daS grüne blanke Laub der Weiden, der Ebereschen und anderer Bäume erschien dagegen matt und fahl.
DaS spürte ich alles, denn ich weiß eS noch; aber daS konnte auch überall so sein. Ihr wißt ja, der Charakter der Gegenden wechselt hier zu Lande selten schnell und ist überhaupt wenig markirt. Wo ich war, wußte ich eigentlich nicht. Dazu hâtl' ich hell aufsehen müssen, und daS that ich nicht. Ich ließ die Umgebung nur an mir vorüberstreifen.
Zu mir selbst, zum um mich Schauen kam ich erst, alS ich plötzlich im Schatten ritt und merkte, wie heiß mir, wie heiß meinem Pferde sei, obgleich ich nur im ruhigsten Schritt geritten war. Wie ich so aussah, und
