Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Mgem. Zeitung.
No. 28. Dienstag den 3. Februar 1852.
Alte Geschichten.
(Fortsetzung.)
Träumen that ich jetzt nicht mehr; Gott weiß wie ich wachte und dachte. Hundert und aber hundertmal fragte ich mit fieberhafter Angst, mit peinvollster Trostlosigkeit: waS kann, waS soll daraus werden? Hundertmal prüfte ich mich und meine Grundsätze, ob ich davon abgehen könne? Und mit Verzweiflung durchflogen meine Gedanken alle Möglichkeiten, um eine andere Antwort als die stehende zu entdecken, die mir stets und ständig daS einzige Wort: Nein! entgegenrief. Denn es ist nicht anders! sprach ich zu mir selbst; ich kann nicht von meiner Ueberzeugung lassen. Von der Frau adhängen will und kann ich nicht. Ich würde mich als den Ihren fühlen, sie aber niemals als die Meine. So würde ich unglücklicher, als wenn ich sie ganz aufgäbe. Oder sollte ich warten, bis ich mir mühselig ein allenfalls zureichendes Einkommen erworben ? Solch Hoffen und Harren ruinirt Glück und Leben. Sollte ich diese Opfer der Jugend und des Glücks von ihr annehmen, um ihr später noch dafür ein verstimmtes Leben, ein verstaubtes Herz anbieten zu können? Nie! Und so bleibt mir dann nur daS Entsagen. Und so war ich denn wieder am alten Ende: es wird nichts daraus, wenn nicht Quälerei, wenn nicht eine Probe, die fast zu hart selbst für meine Kraft und meine immerhin noch so tiefe Ueberzeugung ist!
Einen Vertrauten hatte ich nicht, Ihr müßtet denn Strohband dafür gelten lassen. Damals war eS hier zu Lande noch vielfach Sitte, den Kindern des Besitzers etwa gleichalterige junge Gutsangehörige zu attachiren, sie mit ihnen zu erziehen und sie ihnen nachher, und gemeinhin für daS ganze Leben, als treue und vertraut« Diener zu lassen. So war Strohband, der nur wenig älter ist als ich, mit mir herangewachsen, hatte mich nach
Göttingen und Jena,und auf die Reise begleitet, war mit mir zurückgekommen und einstweilen als Gehülfe unseres steinalten Försters in Thätigkeit gesetzt. Er war, waS er noch ist, ein leidenschaftlicher Jäger und Waldläufer, brachte seine meiste Zeit im Forst zu, und da ich ähnliche Neigungen hatte, er auch Morgens und AbendS meinen Diener fortagirte, so geschah eS, daß wir so zu sagen den ganzen Tag beisammen waren. Er kannte mich wie sich selbst und so lange wie sich selbst; dieß und die dadurch begründete sehr natürliche Vertraulichkeit ließen ihn bald meine veränderte Stimmung, meinen Trübsinn bemerken und vermochten und berechtigten ihn sogar, nach dem Grunde leise wenigstens zu forschen. Seine Fragen trafen etwa mit meines Bruders Aufklâ^ rung zusammen. Mittheilung war mir Wohlthat und ich stand daher nicht an, dem erprobten Diener zu erzählen, waS und wie eS für sein Verständniß angemessen war. Aber da kam ich schön an; meine Motive würdigte er nicht, er verstand sie nicht einmal. Von meinen Grundsätzen wollte er nichts wissen, meine Angst und Quälerei begriff er nicht.
„DaS versteh' ich nicht" , sagte er offen und kurz. „Wenn ich eine Dirne lieb habe, Jungherr, so mag sie die reichste im Lande sein und ich der ärmste Kerl, ich nehme sie doch, und zwar gerade nur um so lieber. Ein bischen nach Geld und Gut aussehen muß der Mensch auch, das schickt sich für ihn. Und bin ich ihr denn nichts? Teufel auch, Jungherr, ist das nichts, daß sie einen so tüchtigen Kerl zum Mann kriegt ? Ist daS nichts, daß ich ihr ein braver Mann, der Vater ihrer Kinder bin? daß ich für sie und unsere Kinder mich schinde und plage, ihr Gut zusammenhalte und mehre? Allen Respect vor Bim gnädigen Fräulein, allein sie ist doch auch nur rin Weibsbild und schwach, und waS Geld und Gut betrifft, HauS und Hof und die Ackerwirthschaft, das ist
