Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.
No. 26. Samstag den 31. Januar 1852.
Alte Ges chichten.
(Fortsetzung.)
So erging es mir heut, so erging eS mir morgen und an den folgenden Tagen, wo in jener fröhlichen Fest- zeit die Familien und Nachbarn sich Tag für Tag, dieS- mal hier, jeneSmal dort oder da zusammenfanden, wo ich so viel mit ihr mich umher trieb, wie mir mein Verhältniß alS Vetter, als lang entfernt gewesener Jugendfreund nur immer gestattete. Ich ging auch mit den andern um, ich war ausgelassen und wild wie je, daS Leben schien mir in meinen Adern erst jetzt recht lebendig zu werden; allein sie ließ ich selten aus den Augen und zu ihr kehrte ich stets zurück, um sie zu studiren, um, wie ich mir sagte, einen fremden, tadelnSwerthen Zug in ihr zu entdecken. Ich war sogar herb gegen sie, scharf und spöttisch. Ich wollte sie reizen und ein wenig auS ihrer Haltung bringen ; dann zeigt sich ja die Natur und die Bildung. Gerade für das Schickliche und den Takt hatte ich ein sehr scharfes Auge; in England, wo ich ziemlich lange ver- weilt hatte und in manchen Familien bekannt geworden, war ich hierin verwöhnt worden. Ich mußte mir aber immer sagen r nein, sie geht nicht so weil! dieß ist vollkommen anmuthig I hier ist sie durchaus schön ! — Aber das langweilt mich! ries ich mir zu und belog schon damals mich selbst. Sie muß auf diese Weise nothwendig sich bald einmal wiederholen, sie muß langweilig werden! sagte ich mir, und zwar in heimlicher Angst. Allein nichts da! Sie blieb immer gleich unbefangen, gleich frei und frisch und gleich eigenthümlich , sie war gegen mich nicht ein Haarbreit anders oder freundlicher als gegen die andern Bekannten. Freilich, unsere Unterhaltungen gingen bald und oft auf andern, geistigeren Bahnen; denn sie selbst konnte auch sehr ernsthaft, sehr innig sein, sehr — gefaßt, möchte ich sagen. Und ich, daS spreche ich offen
auS, da eS jetzt keine Prahlerei ist, ich überragte meine damalige Umgebung in der That ziemlich bedeutend an Bildung, an Kenntnissen, an freiem, weitem, unbefangenem Geist.
So entstand und enthüllte sich denn vor mir und vor diesen, wenn auch oftmaligen, doch meistenteils nur sehr flüchtigen und kurzen Einblicken allgemach zwar ein nicht ganz ruhiges und durchaus schönes, klares und vollendetes Bild, allein eS war eine Skizze der prächtigsten Art, so reich und so wunderbar, so stolz und so sanft, voll einer solchen reizenden Willkürlichkeit nicht sowohl deS Menschen alS vielmehr der reinsten und schönsten Natur, voll einer solchen Vollendung und so anmuthiger, oft capriciöser Contraste, daß ich überrascht, verwundert, hingerissen mich diesem Andenken nachdenklich hingab.
Immer gespannter, immer interessirter lauschte ich auf die neuen Züge, die hie und da plötzlich hervortraten und sich dem übrigen jetzt lieblich unrechten, jetzt sich ihm eben so lieblich, keck und frisch entgegenstellten, oder ihm entgegen zu treten schienen. Denn, Franz, waS ich mir combinirke, war doch noch alles in Frage gestellt. Ganz sah ich Emilien nie, wie das auch keinem gelang. Sie blendete und bezauberte mich eigentlich nur durch lauter kleine Einzelnheiten, die wie Blitze auS ihrem Inneren hervorschossen. Man konnte wähnen, wenn die Hülle einmal ganz zerriß, wenn man frei hineinsehen durfte, werde eö wie im Mâhrchen fein : man schaut plötzlich in einen feenhaft prachtvollen Schacht voll unsäglichen GlanzeS, voll unerhörter Kostbarkeiten. Ja, dieß ganz absichtslose, ganz unbewußte Verhüllen und Sehen- lassen war ihr größter, ihr unwiderstehlichster Zauder. Schöner habe ich manche gesehen, geistvoller und gebildeter einige, reicher aber von Natur auS, frischer und unbefangener keine einzige Frau. Und auf solche Weise geschah eS bald, baß ich AbendS, wo ich ihr Adieu ge-
