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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 24. Donnerstag den 29. Januar 1852.

Alte Geschichten.

(Fortsetzung.)

Das verblüffte mich, Franz, und ließ mich eine Zeit lang schweigend grübeln und sinnen. „WaS in aller Welt bedeutet dies"? fragte ich endlich. „WaS hat Emilie Lai­schach hiemit zu thun? WaS ,ist sie Ihnen, was mir anders als die junge Freundin, als die Nachbarin? Und Sie wünschen mir einen Kampf? Aber wozu? für wen? WaS heißt daS alles" ? — „DaS heißt, mein Sohn", erwiederte sie höchst befangen, denn sie sah die Stunde der Entscheidung plötzlich da und fand mich dummer oder doch kälter, als sie etwa erwartet haben mochte, „das heißt, mein Sohn, daß dein Vater und ich uns Emilien zur Schwiegertochter wünschen, daß du nach unserer Ueberzeugung sündlich gesäumt und dein Glück auf die Probe gestellt hast. Sie hat mehr als einen Bewerber bereits gehabt, wird sicher noch weitere finde n und einem andern zu Theil werden, wenn du dich nicht beeilst, lie­bes Kind".

Ich fiel aus den Golfen. Ich hatte nie an so etwas gedacht, selbst früher nicht. Ich war damals mit Emilien eigentlich viel zu vertraut, zu brüderlich gewesen, um an dergleichen zu denken. „Ist das ein Traum" ? sagte ich. „Ich soll die kleine Nachbarin heirathen ? Ich? eine Frau, die ich nicht kenne, die ich vielleicht nicht lieben werde? Uno gesetzt , die schöne Korbflechterin wäre gerade mir günstig, wovon, meine theure Mutter, sollten wir leben? Eine Hütte und ein Stück Brod klingt zwar in Roma­nen sehr schön, allein in der Wirklichkeit ist eS damit ein höchst unangenehmes Ding. Over sollten wir hier oder bei ihren Eltern ein paar Zimmer bewohnen? oder mit Unterstützung der beiden Familien in einer Stadt vege- tiren? oder endlich warten, bis ich mir einen Posten, «inen hinlänglichen Gehalt erworben hätte" ?

„Du vergißt, mein Freund", bemerkte sie mit einem etwas überlegenen Lächeln, „daß es noch ein Viertes gibt. Du weißt, daß Frau von Laischach das Gut Gülzen drü­ben besitzt, und ich weiß, raß diese Besitzung Emilien bei ihrer Verheiralhung zufallen soll. Wie du mir sagtest, wâr' eS dein ganzes Glück, trotz deiner Fähigkeiten und Kenntnisse auf dem Lande leben und thätig sein zu können."

„Somit", sprach ich ärgerlich, „wär' ich also der WirthschaftSführer meiner Frau, der von ihr Kost und Logis, vielleicht auch Taschengeld empfangen würde. Ich danke, liebe Mutter, ich danke ! Aber wie ist mir denn? Das alles kommt wie ein sehr überlegter Plan heraus. Sollten nicht auch Laischachs selbst darin eingeweiht, da­mit einverstanden sein"?

„Allerdings", versetzte meine Mutter mit hohem Tone. „Es ist ein sehr überlegter Plan ; daS ist längst abgemacht. Deine Einfälle, dein thörichter Hochmuth, diese abscheulichen Ideen unserer verruchten königsmör­derischen Zeit helfen dir durchaus nicht. Seit eurer frühe­sten Jugend seid ihr so gut wie mit einander verlobt, und trotz deiner Verblendung wirst du daS Glück aus den Händen deiner klügeren und sorglicheren Eltern em­pfangen, mein Kind. Dabei bleibt eS".

ES überkam mich ein seltsames aus Spott und Bit­terkeit gemischtes Gefühl bei diesen wunderlich bestimmten und doch an mir verlorenen Worten. Die Mutter ver­kannte mich sehr. „Und ist nicht auch die junge Dame feilst in diesen hochedeln Plan eingeweiht"? fragte ich scharf. „Hat sie darum die Körbe ausgetheilt und harrt auf den dummen Fisch, daß er blindlings in das zarte Netz gehe ? Nun, meine Mutter" ? Sie schrack aus vor meinem Ton. Sie mochte wohl einsehen, wie sie sich in mir geirrt, wie gänzlich ich verändert war. Sie mußte fühlen, daß sie mir nur noch bis auf einen gewissen na-