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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.

No. 20. Samstag den 24. Januar 1852.

âlte Geschichten.

(Fortsetzung.)

Das ging mir nun alles durch den Kopf, und je- »ehr ich über das Wesen der beiden, über ihren Umgang mit einander nachdachte, desto lebhafter und drängender fühlte ich die Frage in mir aufsteigen: weshalb sind die beiden herrlichen Menschen nicht Eins geworden, die so entschieden zu und für einander passen, die sich überall so ergänzen und ausgleichen, die so durchaus zu einan- der gehören?

Hubert saß gleichfalls still, sah durch'S Fenster in den Wald und pfiff eine alte Melodie leise vor sich hin. Endlich lehnte er sich in seine Ecke zurück, und das lä­chelnde Gesicht zu mir wendend, sagte er: „Nun Franz, wie ist eS ? Ist die alte Frau hochmüthig" ? — „O nein, nichts weniger als daS"! erwiderte ich. „Sie ist ja so mild und schön, so herzig gut, daß ich gar nicht begreife, wie Strohband auf den Ausdruck gekommen ist". — „Ja, ja", sprach er wie gedankenvoll, „sie gefällt Euch also? Nun ich konnte mir daS denken, da sie eigentlich überall diesen Eindruck macht. Ja, Franz, daS ist auch eine Frau, wie'S nicht viele in der Welt gibt, und ich habe fie auch gar lieb". — „DaS ist natürlich", bemerkte ich. «Sie ist, wie Sie sagen, ein seltenes Wesen, und ich habe bei ihr, wie eS mir zuweilen hie und da auch sonst zuweilen schon bei einer alten Frau ergangen iff, lebhaft gedacht: wie mag die wohl in ihrer Jugend, als Mäd­chen gewesen sein"? Er zuckte mit einem launigen Lä­cheln die Achseln. „Hm", meinte er, „daS kann ich Euch mit einem Wort sagen. AnverS war sie, Franz, ganz anders. ES deutete nicht gar zu viel auf die jetzige Ruhe und Milde hin". Darauf versank er wieder in Schweigen, und als er nach einiger Zeit auf'S neue zu reden begann, waren eS andere, gleichgiltige Gegenstände, ^ie er ruhig mit mir besprach.

Am folgenden Tage, als ich gegen Abend mein Zim­mer verließ, um meinen alten Freund aufzusuchen, fand ich ihn nicht daheim. Da man mir jedoch sagte, daß sein Pferd bereits wieder im Stall und er also von seinem nach­mittäglichen Revidirritt schon zurück sei, ging ich in den Park und die Terraffe entlang, um ihn auf seinem ge­wöhnlichen Ruheplatze zu suchen.

Wo die Terraffe zu Ende ging und mit einer leich­ten Biegung nach rechts hoch und scharf in den See hinaus trat, erhob sich aus dem steinernen Geländer, welches sie gegen Park und See zu in ihrer ganzen Länge einfaßte, ein kleiner achteckiger Pavillon. Die Seitenwände waren nicht auSgesüllt, sondern nur theil- weis unten durch das weiter laufende Geländer von dem abstürzenben Rand abgeschlossen; aber Schlingge- wüchse hatten die schlanken Pfeiler und die zierlich auS. gehauenen Spitzbogen dazwischen so üppig und dicht um. rankt, daß man rückwärts wie von einer grünen Wan­umgeben war, und nach vorne hatte man eine so liebliche Aussicht auf den See mit seinen unregelmäßigen Ufern, auf die Felder, auf Wiesen und Wald da drüben, ?wie man sie kaum in diesen flachen, nördlichen Gegenden er­warten durfte. Hier war Huberts LicblingSplatz und hier traf ich ihn auch jetzt am kleinen Steinlisch, behag­lich zurückgelehnt im Gartenstuhl, die Füße auf einen andern gestreckt, die kurze Pfeife im Mund, die Arme über die Brust gekreuzt, zufrieden und munter hinaussehend in die freundliche, sonnige Scenerie. Die Hunde lagen zu seinen Füßen. Er streckte mir die Hand entgegen und empfiug mich lachend und mit einem Scherz über mein langes Arbeiten, erzählte mir dann von seinem Spazier­ritt und wir plauderten und schauten hinaus, rauchten und tranken von dem inzwischen herbeigebrachten kühlen­den Getränk.

Es war ein wundervoller Abend von einer solchen Klarheit und Wärme, mit so prächtigen Farbentönen,