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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 16. Dienstag den 20. Januar 1852.

^- Aschenbrödels Lackstiefelchen.

Aus dem Frawzösischen des CH. DeSlys von Fr. Bousfi er.

(Fortsetzung). ,

XIII.

DaS liebe Kind war so aufmerksam gegen ihren alten Krankenwärter, war so besorgt, allen meinen Wün­schen nachzukommen, daß sie am anderen Tage, gleich bei meinem ersten Besuch mir sagte:

»Mein Freund, ich habe gestern Nachts über Deine Frage nachgedacht und ich habe Dir etwas zu erzählen".

„Sie hätten schlafen sollen, anstatt ihren armen Kopf anzustrengen", antwortete ich im Tone leisen Vor« wurfeS. „Der Schlaf thut Ihnen so wohl. Es ist un­recht, meinen Befehlen nicht nachzukommen. Ich bin recht böse, doch lassen Sie hören".

„Nun", fuhr sie fort, „eS kam zu meinen Verwand­ten öfter ein alter Freund meiner Mutter, ein alter Mann, beinahe so ehrwürdig und gut als Du. Ich glaube immer, er hat meine Mutter einst geliebt, wahr­haft geliebt. Ein Anderer wurde ihm vorgezogen. Doch seine Liebe siegte über seine Eifersucht und der Edle blieb der Freund Derjenigen, deren Gatte er nicht werden konnte. Meine Mutter starb und diese seine Zuneigung war mein einziges Erbe. Warum ließ man mich nicht mit ihm gehen? Ich hätte an ihm einen Vater gehabt. Meine Verwandten willigten nicht ein, um mit ihrer Großmuth prunken zu können. Ihre Großmuth kam mir theuer zu stehen. Gar oft hörte ich, wie der Alte sie mit Vorwürfen überhäufte. Seine Freimüthigkeit war endlich Ursache, daß man sich seine Besuche verbat. Ich Weinte bittere Thränen, als ich ihn gehen sah. Seine Liebe war der einzige Trost meiner Kindheit gewesen. Nie vergesse ich die Worte, die er voll innerer Bewegung beim Scheiben sprach r „Lebewohl, mein liebes Kind!

Leb' wohl, meine rosige Blondinette! (so nannte er mich stetS) Fühlst Du Dich jemals unglücklich, so komm' und flüchte Dich in meine Arme, Du sollst meine Tochter sein, verstehst Du mich — meine Tochter! — Gedenke stets dessen, was ich Dir nun anbiete. — Leb' wohl! Und seitdem habe ich den alten Mann nicht wieder ge­sehen.

Pervenche schwieg erschöpft. Ich rief: Kein Wort weiter, wo kann ich Ihren Beschützer finden. — „Du bist also nicht mehr böse, daß ich so nachgegrübelt habe, eS hat mich Mühe gekostet, den Namen und die Adresse zu finden. — Nimm, eS sind acht Jahre seither. — Ich habe lange nachgedacht, endlich" —

Nun, rief ich voll Angst:

. Endlich habe ich beide gefunden!

Trotz meinen sechzig Jahren sprang ich vor Freude! Ich war glücklich, ich war außer mir?

Pervenche wollte nicht einmal mir ihren Namen an- vertrauen. Ich sollte den Alten nur an seine Rose- Blondinette erinnern.

Ich war beinahe verletzt, durch diesen Mangel an Vertrauen. Die böse Pervenche ^bemerkte eS, und doch schwieg ihr Mund. Ihr Stolz ließ nicht zu, daß ich im Stande sei, etwas für sie zu begehren und wäre es auch nur der-Stein auf ihr Grab.

Ich lief nach dem bezeichneten Hotel. Kein Wagen ging so schnell, ich hielt Schritt mit ihnen, überholte sie* manchmal. Muth, rief ich mir zu I fällt deine Sendung glücklich aus, so gönnst Du im Rückweg Deinen alten Beinen einen Wagen.

Doch, ach! ich kehrte zu Fuß zurück.

Der Thorweg des Hotels war mit schwarzem Tuch auSgeschlagen.

Der einzige Freund, auf dem die Hoffnung der Ster­benden ruhte, war die Nacht zuvor gestorben.