Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 14, Samstag den 17. Januar 1852.
^. Aschenbrödels Lackstiefelchen.
Aus dem Französischen des CH. Deslys von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung).
X.
Mit der zunehmenden Krankheit Pervenche's vermehrten sich die Bedürfnisse in dem Maße, als sich die Hilfsquellen verminderten. Gerne wâr ich beständig bei ihr geblieben, sie zu pflegen, allein ich mußte an die Arbeit denken, die ja uns beide erhalten mußte. Ich theilte demnach meine Zeit zwischen Pflege und Arbeit so ein, daß auch nicht eine Minute verloren ging. Sobald nur der Tag am Himmel graute, stanv ich schon auf und arbeitete ohne Unterlaß bis neun Uhr. Sonst war dieß die Zeit meines Frühstücks; jetzt verwendete ich sie, die kleine Haushaltung meiner Tochter zu besorgen und ihre Bestellungen zu machen. Ich gab ihr diesen theuren Namen nur im Stillen, nie sprach ich sie mit diesem Namen an; ich fürchtete so sehr, sie in Verlegenheit zu bringen. Um zehn Uhr begab ich mich wieder an meine Arbeit bis drei Uhr. Früher aß ich dann zu Mittag; jetzt ging ich zu Pervenche. Um vier Uhr kehrte 'ch wieder zu meiner Arbeit zurück, um sie nicht eher zu verlassen, bis die Nacht mich fortzufahren hinderte.
„Ei, wenn aßen Sie denn" ? werden Sie mich fragen. Ja nun, das geschah so unter der Hand, während ich meinen Pfriemen handhabte. Ein GlaS Wasser und ein Stück Brod mit etwas Käse. So etwas gewöhnt sich bald. Ich geizte mir der Zeit und dem Gelde, und doch — habe ich fast nie mit größerem Appetite gegessen, als gerade zu jener Zeit.
Die Abende verbrachte ich an dem Bette Perven« che'S und blieb bei ihr bis der Schlaf ihre Augen schloß; alSdann schlich ich auf den Fußspitzen in daö andere Zimmer und legte mich in einem Bette nahe an der Thüre
nieder, um bei dem mindesten Geräusch bei der Hand zu sein. Oft sprachen wir noch bis spät in die Nacht miteinander ; Pervenche litt viel und schlief sehr wenig, mein Geplauder erheiterte und unterhielt sie deßhalb, denn, wenn sie mir zuhöre', sagte sie oft, vergäße sie ihren Schmerz. Sie können sich nun denken, wie ich mir den Kopf zerbrach, um ihr jeden Abend etwas Neues erzählen zu können.
Oft wollte sie wissen, wie und warum ich sie so liebe, denn meine Zuneigung schien ihr ein unauflösbares Räthsel ; ich sagte ihr denn ganz naiv, was ich auch schon Ihnen sagte. Schon bei den ersten Worten sah ich sie dann lächeln; aber ich konnte nie auSreden, denn sie fing gleich an zu weinen. DaS gute, liebe Mädchen!
Als sich ihre Bewegung etwas gelegt hatte, bezeichn— nete sie mir mit dem Finger einen hohen Schrank und bat mich in dem letzten Gefache zu suchen. Ich gehorchte. Der Schrank war leer und ich erblickte nur die Lackstiefelchen darin, den Gegenstand meiner Verehrung.
„Ich gebe sie Ihnen", sagte Pervenche, glücklich, mir Etwas geben zu können.
„Mir" ? rief ich mit einem Tone, der eine gewisse Ueberraschung auSdrückle.
„Ja, Dir", fuhr sie mit erhöhtem Nachdrucke fort, „Dir, mein Freund, mein Vater. Es ist das Einzige, waS mir übrig blieb ; meine einzige Nachlaffenschaft; und willst Du nicht mein einziger Erbe sein ? . . . Unterbrich mich nichl, ich weiß, waS Du mir sagen willst. Nimm, was Dich schon so sehr erfreute, dem wir wohl zunächst unsere nähere Bekanntschaft verdanken. Höre, eS kann sein, daß wir bald getrennt werden und daß Du allein und arm zurückbleiben wirst; Du hast dann doch ein Andenken . . . Aber weine nichts sonst muß ich auch | weinen ... Du hängst sie alSdann als Schild über { Deiner Bude auf. Hörst Du? ich will eS".
