Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
No. 13. Freitag den 16. Januar 1852.
â Aschenbrödels Lackstiefelchen.
AuS dem Französischen des ®j. Deslys von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung).
VIII.
ES entstand ein langes Schweigen, indem ich den Greis nicht drängen wollte, fortzufahren, bis er feiner Bewegung Meister geworden. In diesem Augenblicke gewahrte ich einen jungen Mann schnell auf dem Trottoir dahergehen. Er war noch in seiner Reisekleibung und ganz mit dickem Staube bedeckt und verschwand mit raschen Schritten in der Thüre des gegenüberliegenden HauseS. Aber kaum hatte ich diese kurze und flüchtige Erscheinung bemerkt, als der Alte seine Thränen trocknete und in seiner Erzählung sortfuhr.
IX.
Don nun an hatte ich bas Recht, wann ich wollte zu Pervenche zu gehen. Ich konnte die arme Kranke pflegen, bei ihr wachen, sie trösten, sie, die voll Trauer und ohne Willenskraft, sich ganz mir fügte. Ich war der Herr, der unbeschränkte König in ihrem Zimmerchen und mißbrauchte zuweilen diese despotische Macht, sie zur Annahme jener Fürsorgen, die ihre schwankende Gesundheit erforderte, zu zwingen. Und sie gefiel sich auch darin, Alles zu thun, waS ich verlangte, mir zu gehorchen, wie das leidende Kind der Mutter gehorcht; aber ungeachtet aller Schonung, ungeachtet ihrer willigen Unterwerfung welkte sie von Tag zu Tag mehr dahin. Ich erbebte, wenn ich sie auf ihre lange schmale Hand sich stützen sah; bläuliche Flecken warfen einen düstern Widerschein auf ihre ehemals so rosige Haut. Anstatt der lieblichen Locken hingen die Haare in düsteren Flechten um ihre Siirne. Und ihr kleiner Mund! diese kaum erblühte Blume sie glich einer Rosenknospe, welche die zerstörende Hand eines Kindes vom Stamme gebrochen
und auf den sandigen Weg eines Garten geworfen. Die Knospe stirbt, bevor sie gelebt hat und verliert sich bald unter dem falben Laubwerk, das den Boden bedeckt, und dessen Farbe sie bald annimmt. Die Augen erglänzten nur noch im matten Schimmer, und ihr Engelsblick sah schon durch die halbgeöffneten Wimpern jenen himmlischen Fluren, ihrem ersten, einzigen, wahren Vaterlande entgegen.
So sollte sie schon sterben, mein Herr, sterben mit kaum siebzehn Jahren! Ihr ruhiger und sanfter TodeS- kampf währte fast einen Monat. Und ich bin nicht mit ihr gestorben . . .
Ich hatte einen Arzt gerufen, allein eS dauerte fast mehrere Tage, bis sich endlich einer durch meine Bitten bewegen ließ, mit mir zu kommen. Diese Herren in Paris bemühen sich nicht gern, wenn derjenige, welcher an ihrer Thüre klopft, die Mütze und Jacke eines armen Arbeiters trägt; bei solchen ist die Medicin nicht mehr jene heilige Mission, die Wissenschaft, wie sie eS sein sollte, sondern nur ein Handwerk, weit entfernt von der edlen Eingebung und Aufopferung so vieler unserer Aerzte. — Endlich kam er in einer luxuriösen Equipage angefahren. Seine erste Frage war, ob die Kranke noch lebte. Glücklicherweise lag diese nur im ersten Stock, und so geruhte er hinauf zu gehen.
Pervenche schauderte bei seinem Anblicke. ES war ein harter, trockner, kalter Mann ; sein Besuch war kurz, nichtssagend, und ich sah ihn nicht wieder.
Nicht besser ging eS mit einem zweiten, so daß mir Pervenche sagte:
«Keinen Arzt mehr, seine Wiffenschaft ist für mein Uebel ohnmächtig".
Ich dachte wie sie, denn ihre Krankheit nagte am Herzen, und ein solches Uebel konnte Gott allein nur heilen.
