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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 12. Donnerstag den 15. Januar 1852.

^h Aschenbrödels Laökstiefelchen.

AuS dem Französischen deS 66 Desl YS von Fr. Bouffier.

(Fortsetzung).

VII.

Wie schmerzte mich diese traurige Entdeckung! Ich liebte dieses theure, süße Kind mit einer wahrhaft väter­lichen Liebe. Wie daS gekommen war, weiß ich selbst nicht . . . Doch diese Liebe war meinem Leben nöthig geworden. Der Gedanke an sie erfreute mein Alter, war der treue Gesellschafter bei meiner Arbeit. Wenn ich sie sah, schlug mein Herz schneller; ich weinte über ihren Kummer, ihr Lächeln machte mich froh, doch leider war eS so selten wie ein Sonnenstrahl im December.

Dann habe ich Ihnen ja.' auch noch nicht gesagt, daß sie oft Clavier spielte, zuweilen gegen Abend selbst sang. Ganze Stunden verbrachte ich, ihr zuzuhören und nach lange, nachdem sie geendet hatte, erklang der Klang deS Instrumentes, der süße Ton ihrer Stimme in mei­nen Ohren.

Nun kam Pervenche öfter zu meiner Bade und brachte mir ihre niedlichen Schuhe und Stiefelchen zum AuS- beffern. ES waren Ausbesserungen, die fast unmöglich waren, die ich aber dennoch mit Mühe und Geduld zu Wege brachte. Die Tage, an denen ich ihr meine Arbeit abliefern durfte, waren Festtage für mich. Nach und nach richtete sie einige freundliche Worte an mich, ich hätte für jedes ihrer Worte einen Monat meines Lebens geben mögen.

Man rühmt die Diplomatie gewisser europäischer Höfe, doch wie weit steht diese noch hinter derjenigen, welche ich anwandte, um sie zu überreden, daß ich durch­aus den kleinen Geldzahlungen abgeneigt sei.

»Sie werden mir einen Dienst ermessen", sagte ich ihr oft, „mir später mehrere Rechnungen auf einmal zu j

bezahlen, weil ich keine Ordnung in meinen Ausgaben halte und Alles wieder in der Schenke auSgebe; ich bitte, Frâulein, geben Sie mir kein Geld«. Ich sagte ihr das, ich, obgleich ich nichts trinke als Wasser.

Eines TageS brachte ich ihr ein Paar Stiefelchen, Vie kaum nur noch durch die Kunst hielten. Ich schellte, man antwortete nicht; zwei bis drei andere Versuche hatten keinen besseren Erfolg, und doch wußte ich, daß sie nicht ausgegangen war. Ich versuchte deßhalb, die Thüre an der Klinke zu öffnen und sie ging auf. An jeder Thüre klopfend, durchschritt ich mehrere Zimmer, ohne daß mir Jemand ein Zeichen seines Daseins gab. Endlich gelangte ich an ihr Schlafzimmer.

„Herein«! rief eine schwache, matte Stimme.

Mit einem Sprunge war ich in dem Zimmer. Eine traurige Ahnung hatte mir die Brust beengt.

Pervenche lag in ihrem weißen Bette, . . . ihre Bläffe erschreckte mich ... ES schien, alS hätte der Tod diese siebzehnjährige Stirne berührt.

„Entschuldigen Sie", sagte sie leise, „entschuldigen Sie ... ich bin leidend und konnte schon seit zwei Ta­gen nicht mehr außer Bette sein. Sie werden mich träge schelten" ?

Diesmal war unsere Unterhaltung lange und belebt. Sie mochte wollen oder nicht, Pervenche mußte mich zu ihrem Kommissionär und HauShâlter annehmen Sie willigte endlich ein, im Bette zu bleiben, während ich für ihre Bedürfnisse sorgte.

Mit welcher Freude vollzog ich dieses Geschäft. Welche heimliche, köstliche Lust machte eS mir für die zu ihrer Gesundheit erforderlichen Sachen nur die Hälfte ihres Werthes zu fordern, ich brachte ihr Früchte, Blu­men, kleine Näschereien, die gewiß die arme Kranke nicht zu fordern gewagt haben würde.