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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUgem. Zeitung.

No. 9. Sonntag den 11. Januar 1852.

-2- Aschenbrödels Lackstiefelehen.

AuS dem Französischen deS CH. Deslys von Fr. B o uffi er.

(Fortsetzung).

IV.

3# hatte nicht immer meine Bude auf dieser Seite der Straße; nein, wein Herr, noch vor einigen Monaten stand sie unter dem Schutze jenes Hauses, daS Sie da gegenüber sehen, an dessen Wand gelehnt. Doch da man gefunden hat, daß sie jenes verunziere, hat mich der Eigenthümer desselben hierher verbannt. Das Haus, unter welches ich mich jetzt geflüchtet habe, beschirmt meine Baracke nur sehr schlecht, sie wankt bei dem klein­sten Windstoß. JedeS Unwetter erschüttert sie, und eS wird wohl noch eines kommen, das ihre Bretter nach allen Weltgegenden zerstreuen wird; so eben war meine wurmstichige Arche in Gefahr, Schiffbruch zu leiden. Doch es geschehe, wie der Gott der Wetter will! Ich lebte unter dem Dache da drüben sicherer und ruhiger, als zu jener Zeit in der ersten Etage deS HauseS, dessen durchbrochenen Balcon Sie so eben bewunderten, ein junger Mann wohnte, der ein lustiges Leben führte. Tag und Nacht ertönten aus den Fenstern muntere Klänge, in die sich die frischen und lachenden Stimmen der jungen Mädchen des Viertels mischten. Dieses Leben, dieses Treiben erfreuet mein Herz; ich habe immer die Heiter­keit der Jugend — aber über Alles den Anblick eines schönen MädchengesichteS geliebt und Sie können denken, wie glücklich ich war, deren jeden Tag und jeden Abend neue vor weinen Brillgläsern vorbei kommen zu sehen.

Indeß alles daS hörte eines TageS, wie in Folge einer Verzauberung, auf; den jungen Mann selbst sah man nur selten, und lange forschte ich vergebens nach der Ursache, bis ich endlich durch den Portier (was er­

fährt man nicht durch die Herren Gevatter und die Frau Basen?) den wahren Grund jener raschen Verwandlung erfuhr.

Zuerst war eine reiche Erbschaft durchgebracht wor­den, und um daS Faß der Danaiden von Neuem zu fül­len, wurde die bedeutende Nachlaffenschaft eines reichen Onkels in Amerika erwartet; dann hatte eine ernstliche Liebe alle Genossen feiner Vergnügungen mit einem Male verjagt. Der junge Mann schloß sich oft ein; oft sah ihn der neugierige Hausmeister Briefe vier Seiten lang schreiben, nur die Feder eines Liebenden hat die­selbe unerschrockene Ausdauer. Eines TageS sollte er selbst einen Brief auf die Post tragen, allein die Adresse gab nur sehr wenigen Ausschluß, der Umschlag enthielt nur die einfachen Worte: An Pervonche, poste restante. So verging ein Monat.

Ich saß eines Abends, die Pfeife im Munde und die Hände auf meine Kniee gestemmt, vor meiner Bude, alS ein Wagen, dessen Vorhänge herabgelassen waren, vor der Thüre deS besprochenen HauseS anhielt. Der Schlag öffnete sich, der junge Mann sprang heraus, ließ den Fußtritt nieder und reichte einem jungen Mädchen die Hand, daS schnell und leicht heraussprang, aber so wohl verschleiert war, daß ich kaum nur eine äußerst zarte, kleine, niedliche Gestalt erkennen konnte, die schnell in dem Hause verschwand.

„Ach", sagte ich, „die Vögel sind zum Neste zurück­gekehrt" ! Ich war eben so neugierig wie der Portier, allein unsere Neugierde wurde nicht befriedigt. Weder der junge Mann noch daS junge Mädchen zeigten sich. Ihre Gemächer blieben verschlossen, wie das Sprachgitter eines Klosters, Niemand wurde eingelassen. Gewählte Speisen und frische Blumen wurden täglich im Vorzim­mer abgegeben. Briefe wurden gebracht und Handwerker statteten kurze geheimnißvolle Besuche ab. Die Vorhänge