Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
No. 8. Samstag den 10. Januar 1852.
=2= Aschenbrödels Lackstiefelchen
Aus dem Französischen des CH. Deslys von Fr. Bouffier.
tF o r t f e ß u n g).
III.
Alles, was ich hatte, selbst meine muntere Laune des TageS, hätte ich darum gegeben, um nur ein Eckchen des geheimnißvoUcn Schleiers lüften zu können; denn ein Geheimniß mußte obwalten; Vie Stiefelchen mußten einmal getragen worden fein, die Sohlen trugen jene bräunlichen Narben, welche daS Straßen pflasterdem Leder schlägt. Aber wessen Fuß hatten sie bekleidet? . . . Sie waren doch nicht ganz allein auf dem Trottoir umherge- trippclt. — DaS Geheimniß reizte meine Neugierde, die von Secunde zu Secunde wie eine steigende Fluth wuchs. Aehnlich der Sphynr vor OedipuS schienen sie mir spottend zuzurufen: Errathe, wenn Du kannst! Frage, flüsterte mein Gast, die Fee, welche sich sicher an meiner Unruhe ergötzte. Ich frage, antwortete ich, und that Schritte gegen die Bude.
Aber wie eine Unterhaltung anknüpfen! Der Alte hatte, es ist wahr, ein Zutrauen erweckendes Aeußere. Zuweilen betrachtete er mich selbst mit ermulhigenden Blicken, dann aber, ohne sich weiter um meine Anwesenheit zu bekümmern, machte er sich an seine Arbeit. Die ersten Worte kamen mir so schwer; die Frage war so sonderbar. Konnte man mich nicht für einen Polizei- spion halten? der nach einer Verschwörung im Faubourg fahndet. Kurz, ich bedurfte eines Vorwandes und fand keinen.
Der Zufall kam mir zu Hülfe. Mein Schuhflicker zog aus einem alten Schuhe eine kurze, schwarze Pfeife und stopfte sie gemüthlich mit feinem breiten Daumen. Bald ließ sich das Geräusch eines Streichhölzchens ver
nehmen und einige dichte Rauchwolken verhüllten mir daS heitere Gesicht dieieS Jean Bart.
Nun war der Vorwand gefunden; ich nahm eine Cigarre aus meiner Tasche und schritt ohne zu zögern gegen die Thüre der Hülle. Gesegnet sei die brüderliche Vertraulichkeit der Raucher! dachte ich, sie bringt mir eine Geschichte und Feuer.
Ich halte noch nicht den Mund geöffnet, als der Greis mir schon seinen „ Nascnwârmer " entgegenhielt. Als die Cigarre angezündet war, erschöpfte ich mich in DankeSbezeugungen, aber die verwünschte Frage wollte mir nicht über die Lippen; ich blieb stecken. Wie dies Gespräch wieder aufnehmen? das war die Schwierigkeit; noch einen Augenblick vielleicht und die glückliche Gelegenheit war für immer entwischt.
„Halt"! rief ich, „da ist meine Cigarre wieder aus"! und erröthete ein wenig ob meiner Lüge. Zum zweiten Male bot mir der Alte seine Pfeife.
ES galt hier jetzt kein Zaudern mehr; indem ich ihm die Pfeife wiedergab, warf ich einige Worte über daS Viertel, über feine Bewohner und Sitten hin. Keine Antwort. Die Taktik war schlecht gewesen; ich mußte auf eine andere sinnen und Zeit gewinnen. Ich forderte zum dritten Male Feuer, und zum dritten Male ward eö mir verabreicht, ohne daß nur ein Wort über die Lippe des Schmauchers gekommen wäre.
Er ist vielleicht taubstumm, dachte ich voll Angst, doch noch einmal versucht.
„Mein^Herr", redete ich ihn an, „Sie haben da zum Auöhângschild ein bewundernswürdiges Paar Stiefeln ? . . ♦
Der Alte wandte seinen Kopf gar nach denselben, betrachtete sie mit tiefem AuSdrucke und naiver Frömmigkeit ; dann öffnete er seinen Mund und sagte:
