Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen AUgem.
No. 6. Donnerstag den 8. Januar 1852.
^= Aschenbrödels Lackstiefelchen
AuS dem Französischen des CH. DeSlyS von Fr. Bouffier.
I.
»Gib uns, o Gott! täglich unser Brod, unsere Arbeit, unsere Thränen und unser Lächeln, Amen"! Dies war die einfache und rührende Bitte, sdie der gute, heitere Sterne jeden Morgen beim ersten Sonnenstrahl in seinem Herzen wiederholte.
Glücklicher Norick! Wie viel mal habe ich Dich um Deine frohe Laune, Deine unverwüstliche Heiterkeit beneidet! Ein fahrender Ritter der Thorheit, immer im Sattel auf Deinem herrlichen Steckenpferde, daS Deine Phantasie so weit und schnell trug, bist Du niemals auf Deinem blumigen Wege der Langweile begegnet; Dir hat auch wohl die Zeit gemangelt, diesen auf allen Wegen und Fußsteigen heimischen Reisenden zu gewahren. Wie weit hast Du in den Furchen der Fahrgleise den ohnmächtigen, schwerfälligen Greis weit hinter Dir gelassen! Du, immer so lebhaft, so munter, so jung! . . .
ES bedurfte nur so Weniges, Deine Stunden zu erheitern: daS Geräusch deS WindeS, daS Gemurmel deS BacheS, eine vorbeiziehende Wolke, ein vorüberfliegender Vogel, ein lachender oder weinender Vorübergehender; alles, was ein wenig Schatten oder Geräusch macht. WaS verlangte Dein Herz, um gerührt zu werden? . . . Was Dein Auge, um die süßen Thränen zu vergießen, die Du in Deiner täglichen Morgenbitte erbatest ? . . . DeS Ersten, Besten Kummer, daS geringste Elend, daS leiseste halb erblickte oder errathene Mißgeschick, ein klagendes Thier, das Seufzen der Bäume, das Gekrach der unter den Rädern schwerer Wagen zermalmten Kieseln, tausendfältiges Geflüster, daS Deiner Seele, ganz Natur «nd für Natur so empfänglich, sagte: »Ich leide"!
Und Dein dichterisches Gemüth? . . . Ueber Alles kann eS schwärmen. Dein forschendes Auge durchdringt den Raum und die hemmenden Wände; Dein Genie schmückt, verklärt Alles, waS eS berührt; Alles spricht Dich an, Alles lacht Dir zu und keine Wolke trübt den unbegrenzten Horizont, in welchem Deine Neigungen und Deine Launen, wie von der Freiheit trunkene Vögel, dahin flattern! . . .
Ja, Sterne, Du warst der glücklichste der Menschen und Dichter! . . . Aber , sage mir, guter Norick, woher kam Dir dieses unwandelbare, allseitige Glück? Hattest Du irgend einen wohlthätigen GeniuS, der Dir gehorchte? Ja, ohne Zweifel, so ist eS! . . . Diese Fee, ein Kind der Luft, der Erde oder der Wasser, Gnome, Undine oder Sylphide, hat Dich mit jener Sorglosigkeit, jener ungebundenen Fröhlichkeit begabt. Später wird sie Dich geliebt haben, diese unsichtbare Taufpathin; und wer sollte Dich nicht auch geliebt haben, Norick!... AlSdann wird sie ihre Grotte, ihre Blume oder ihre Wolke verlassen und Dein Herz bewohnt haben. Sie ist es, die Dir jene zauberischen Scenen vorführte, sie ließ Dich Alles sehen und Alles verstehen, sie ließ Dich am Tage wie bei der Nacht von goldenen Träumen umschweben; sie ist es, die nur mit ihrer Fingerspitze Deine Lippe oder Dein Augenlid zu berühren brauchte, um Dich lachen oder weinen zu machen!
Aber Du warst nur ein Mensch, Norick, und Deine Fee war unsterblich. Du schläfst unter Marmor zu Cambridge und die arme Wittwe irrt umher, seit Dein Tod sie nun aus ihrem liebsten Aufenthalte verjagt hat. Sie fliegt umher, ein Herz suchend, das dem Deinen an Werth gleichkomme; und seit dem Tage, wo ihr Nest zerstört ward, flattert sie, ohne ein Asyl, körperlos, ein Hauch des Windes, ein Duft!
Zuweilen nur, an Tagen der Ermüdung und deS Unwetters, wählt sie Einen aus uns und flüchtet in
