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Wird Oestreich oder Preussen an die Spitze der deutschen Nation treten müssen?
Ich antworte aus voller Ueberzeugung — Preussen. Es ist bekannt, wie gerade Preußen in der neuesten Zeit vielen Verunglimpfungen, Verdächtigungen, ja selbst den gröbsten Schmähungen von Seiten der süddeutschen Presse ausgesetzt gewesen ist und noch ist. Woher dieses? — Erstlich wissen wir alle, daß schon während der Kriege von 1813—1815 und bald nach denselben das Benehmen der preussischen Militärs und Beamten in Süd- und Südwestdeutschland keinen guten Eindruck hervorbrachte. Das übermüthige Selbstgefühl der Preußen, gesteigert durch die, zum großen Theil von Preußen mit ungeheurer Anstrengung und kostbaren Opfern herbeigeführten glücklichen Resultate der letzten Kriege, und durch den dadurch eben für Preußen erwachsenen bedeutenden Zuwachs an Land und Leuten, war für die durch Sitte und großcntheils auch durch religiöses Bekenntniß verschiedene Bewohner der genannten deutschen Landestheile drückend, und rief theils Haß, theils Verachtung und Spott hervor. — Dazu gesellte sich zweitens der Umstand, daß diese Nordländer durch größere Gewandtheit im geselligen Umgang den einfacheren, graderen, aber auch unbeholfeneren Südländern unbequem waren, und diese sich dafür durch Spott mancherlei Art zu rächen suchten. Besonders aber sah drittens eine süddeutsche Großmacht, Baiern, mit Verdruß und Mißtrauen das wachsende Ansehen Preußens in Deutschland, und wäre gerne seinem Einfluß an der Spitze der süddeutschen Staaten ent# gegengetreten; auch das Verhältniß Preußens zu Oestreich war noch von alten Zeiten her nicht frei von wechselseitiger Eifersucht in Beziehung auf ihre Verhältnisse zu und in Deutschland. Dazu kam viertens in neuerer Zeit die — wenigstens geglaubte — Hinneigung Preußens zu Rußland, in welchem man den natürlichen Feind aller freisinnigen politischen und socialen Entwickelung zu sehen gewohnt ist; fünftens in neuester Zeit das Auftreten des Königs von Preußen in der ersten Reichsversammlung in Berlin, wo er, noch ganz erfüllt von der ihm durch Gottes Gnade verliehenen unbeschränkten Machtvollkommenheit erklärte, n i e eine Constitution, — eine papierene Vorsehung — zwischen sich und sein Volk treten lassen zu wollen; sechstens in neuester Zeit das allgemein Staunen und Entrüstung erregende Benehmen des Königs während und nach den Barrikaden- Kämpfen in Berlin; und endlich der Abschluß des Waffenstillstandes zwischen Dänemark und Schleswig - Holstein. — Lauter Umstände, welche in einem großen, namentlich im südlichen Theile Deutschlands eine theilweise sehr große Mißstimmung gegen Preußen hervorgerufen haben. —
Wir wollen nun auch die Kehrseite des Bildes betrachten. Das stolze Selbstgefühl, der Nationalstolz, der Preußen ist entstanden durch ihre Geschichte und stützt sich auf dieselbe; diese ist aber im Ganzen eine rühmliche, thcilweisc selbst glänzende. Man denke an den großen Kurfürsten, an Friedrich 1., der Preußen aus einer Markgrafschaft zu einem Königreich, dem ersten und einzigen in Deutschland erhob; an Friedrich II. und den siebenjährigen Krieg; — und wenn diese Glorie durch Frankreich sehr getrübt wurde, so geschah dieß theils zur Zeit der größten Erniedrigung von Oestreich und ganz Deutschland — und mit deutschen Hülfstruppen; theils hat Preußen in den Jahren 1813 — 15 glänzende Genugthuung genommen, die um so ehrenvoller war, als dieses Land zur Zeit, wo in Süddeutschland Alles darnieder lag und sich
Frankreich — zum Theil aus sehr unedlen Beweggründen (Bayern) völlig hingab, — obgleich aller Länder bis an der Elbe beraubt und von sraitzösischen Truppen besetzt, beinahe unmittelbar nach dem Tilsiter Frieden (nachdem auch die Waffenehre bei Eilau und Friedland wieder hergestellt war) an seiner Wiedergeburt kräftig zu arbeiten anfing — (Tugend-' '
bund, Stein, Scharnhorst, Universität Berlin u. s. w.) — Je tiefer die Schmach, desto heftiger der Ingrimm, desto größer und herrlicher der Triumph. Was zweitens die größere Gewandtheit im geselligen Leben, sowie auf der anderen Seite eine gewisse Ruhe und Besonnenheit angeht, so werden wir diese den Preußen ebenso wenig übelnehmen dürfen, als uns Süddeutschen ein gewisses Phlegma einerseits und andererseits die leichtere sinnliche Erregbarkeit und das leichte Ueberströmen unserer Phantasie in's Maßlose und Unpraktische. — Die Eifersucht Bayerns — als einer katholischen gegen eine überlegene protestantische Macht — und Oestreichs als Nebenbuhlerin in politischen Beziehungen übergehen wir füglich, als unwesentlich und von selbst widerlegt. — Daß ferner Preußen, — als selbstständiger Staat — der in einer Länge von beinahe 300 Stunden an Rußland grenzt, diesem Nachbarn Rücksichten schuldig zu sein glaubte, die den übrigen Ländern zum Theil ganz fremd, ja selbst anstößig sind, finde ich sehr natürlich, ohne deßwegen Alles, was darüber ins Publikum gekommen ist, wenn es wahr sein sollte, in Schutz nehmen zu wollen. Das Auftreten des Königs auf dem »
preussischen Reichstag erklärt sich leicht aus seiner Ansicht, aus seiner Ueberzeugung vom Verhältniß der Regierenden und Regierten, (woraus er übrigens auch nie ein Geheimniß gemacht hat); und nachdem er in den Märztagen eines Andern belehrt worden ist, so hat er sich von da an als aufrichtiger Freund des Fortschritts und der Einigung mit Deutschland gezeigt. I
Daß er aber aufrichtig zu Werke geht, glaube ich, wenn er sich auch nicht der neuen Ordnung der Dinge geradezu in die Arme wirft, oder wohl gar sich der Linken in Berlin oder Frankfurt anschließt — aus dem einzigen Grunde, weil er mit völliger Blindheit geschlagen sein müßte, falls er nicht sähe, was jeder Vernünftige sieht, daß dieß der alleinige richtige Weg für Preußen ist, wenn es nicht untergehèn will; und daß er mit der Majorität der preussischen Nationalversammlung, sowie der Majorität in Frankfurt Hand in Hand gehen muß, ohne sich durch widerstrebende Elemente in seinem eigenen Hause, im Civil- und Militärstand irre machen zu lassen.
Dem widerstrebenden Geiste in der Armee — hauptsächlich doch wohl vom adlichen Officiercorps ausgehend, tritt die Regierung selbst durch das Verbot der Reaction, sowie ganz vor Kurzem durch die Verordnung entgegen, daß genügende geistige Ausbildung im Frieden und Tüchtigkeit und Tapferkeit a
im Kriege jedem Soldaten ohne Unterschied ein Recht auf Avancement zu höhern Graden gebe. — Und endlich — Preußen ist eine rein deutsche Macht; seine früher nicht zu Deutschland gehörigen Lande: Ost- und Westpreußen nebst Deutschposen, zusammen gegen 3 Millionen Seelen, hat es ohne Zaudern dem deutschen Bundesstaat einverleibt, und ba# durch bedeutende Verpflichtung zum Besten Deutschlands übernommen : Beitrag zu den Reichsvcrwaltnngskosten — Stellung eines Heers von wenigstens 30,000 Mann u. s. w. Preuße^ zählt gegen 16 Millionen Einwohner; es kann in kurzer , Zeit eine wohlgerüstete und geübte Arniee von 500,000 Mann auf die Beine stellen; Preußen ist die beinahe alleinige Schutzmacht gegen Rußland, und Hauptschutzmacht gegen Frankreich ; Preußen hat bekanntlich seine Truppen ganz zur
