Einzelbild herunterladen
 

589

daß alles, und somit auch die gesummte Bürgerwehr, dieser energischen Maßregel Beifall zugerufen habe.

Daß nun aber die Maßregel, 2000 Mann mit Kanonen und Cavallerie in Wiesbaden urplötzlich und allerdings zum größten Erstaunen aller Einheimischen und Fremden, die von einem Aufstande nichts wüsten, einrücken zu lassen, bis ins badische Oberland einge­wirkt habe, möchte denn doch nach dem vorhergegân- genen und seitherigen Vorgängen in diesem Lande sehr zu bezweifeln sein. Daß sie in Wiesbaden und der Umgegegend gewirkt habe, muß wohl zugegeben wer­den. Allein wenn ein Gärtner dem -Unfuge einiger Spatzen in seinem Garten abhelfen will, und, ehe er den Versuch gemacht, ob er dieselben nicht mit andern Mitteln, namentlich seiner Vogelflinte, vertreiben oder- unschädlich machen könnte, Kanonen von Mainz kom­men, und blind schießen lassen würde, so wird ebenfalls zugegeben werden müßen, daß dieses gewirkt habe, und die Spatzen in seinem und seiner Nachbarn Gärten erschreckt worden seien. Seine Nachbarn werden jedoch mit einer solchen energischen Maßregel nicht einver­standen, und, wenn er ihnen auch vorstellt, daß sich die Spatzen nicht durch andere Mittel bekämpfen lassen, seine Vogelflinte aber den Dienst versagt habe, oder der Gebrauch derselben aufgereizt und Blui gekostet haben würde, nicht geneigt sein, die Kosten für die Kanonen zu bezahlen.

Während nämlich in dem erwähnten Schreiben die Schuld lediglich auf die Bürgerwehr geworfen wird, ist in dem Vortrage des Negierungocommiffärs in der Abgeordnetenversammlung noch weiter angeführt, daß das Linienmilitär nicht angewendet worden sei, sowohl weil dasselbe zu schwach gewesen, als weil dasselbe auch aufgereizt haben und Bürgerblut vergossen wor­den sein würde. Wenn jedoch hierüber bis jetzt jeder Beweis fehlt, so liegt wenigstens eine Vermuthung vor, daß noch ein anderer Grund mir deshalb nicht angeführt worden ist, weil dieser mit den Besuchen eines gewissen Welterfahnentrâgcrs in der Kaserne und mit Ausstellung von Anweisungen auf Getränke zu­sammenhängen dürfte, man sich aber dessen bei dieser Gelegenheit bedienen konnte.

Nach dem Vortrage des Regierungscommissärs in der Abgeordnetenversammlung erhob sich nämlich, durch einen wohl nicht unvorbereiteten Theatercoup her­deigeführt, die Majorität der Versammlung, und als von der Minorität die Rechtfertigung dieser sogenann­ten energischen Maßregel verlangt wurde, hieß es, daß die Kammer dieselbe durch ihre Erhebung gebilligt habe.

Allein ohne Rücksicht vorerst darauf, wie sich die gesammte Bürgerwehr über den ihr öffentlich gemach­ten Vorwurf erklären wird, ist die Majorität der Kam­mer in einem großen Irrthume, wenn sie meint, daß hiermit die Sache abgemacht sei. Die. Kammer kann zwar zu neuen Gesetzen für die Zukunft, die ihr von der Regierung vorgeschlagen worden, ihre Zustimmung geben; allein sie kann Schritte der Regierung, welche diese auf Kosten einzelner Bürger gethan, so lange diese nicht vollständig gerechtfertigt sind, nicht legali- siren; sie kann über Privarrechle in einzelnen Fällen nicht aburtheilen und richten.

Wenn daher die Kammer eine vollständige Recht­fertigung der hier vorgenomimncn Maßregel der Re­gierung nicht verlangen solle, wozu sie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, und wozu sie noch­mals aufgefordert wird, so werden sich die Wiesba­dener Bürger genöthigt sehen, auf Ersatz ihrer Kosten für die Verpflegung der sogenannten Reichstruppen, die sich an 10,000 fl. belaufen mögen, gegen die Re­gierung Klage zu erheben, und dieser zu überlassen, der Majorität der Kammer als Theilnehmerin den Streit zu verkündigen.

Tagesgeschichte.

Deutschland.

Hattersheim, den 14. August.

Bei dem 5% Uhr Zug von Castel nach Frankfurt ist in Hattersheim, unweit dem Wasserhause, die Ma­schine und Tonder und ein Packwagen aus der Spur gekommen. Ein Conducteur hat dabei eine Verletzung am Fusse davon getragen.

Der Gang der Züge ist nicht gestört worden.

Hessen-Darmstadt. Darmstadt, 11. August. Morgen rückt das in Friedberg stationirte 2. Bataillon des 4. Regiments hier ein, um vereinigt mit dem 1. Bataillon und der entsprechenden Artillerie die bis jetzt noch nicht erlassene Marschordrr abzuwarten.

Bayern. München, 8. August. Das heute er­schienene Gesetzblatt enthält das Gesetz zum Zweck der einstweiligen Einführung der Schwurgerichte in den sieben diesseitigen Kreisen, welches unter Beirath und Zustimmung der hierzu durch das Gesetz vom 12. Mai

I. ermächtigten, ständischen Ausschüsse beschlossen wurde. Der Tag an welchem das Gesetz in Wirk- siunkcit tritt, soll noch durch eine Regierungsverordnung sssigeftellt werden.

München, 9. August. Alles ist wieder nach Hause gekehrt, was vor Monaten München verließ Um den Frieden und die Ruhe im Innern zu wahren, vder die deutschen Marken gegen fremde Gelüste zu vertheidigen. Drei Infanterie-Bataillone der hiesigen Garnison kamen dieser Tage aus ihren Cantonirungen im Seekreis zurück. Sie wurden freudig von allen

Ständen empfangen, und ihr kräftiges heiteres Aus­sehen stund in grellem Widerspruch mit mancherlei Klagen und Gerüchten, welche wir in einzelnen Blät­tern über ihr Befinden und ihre Mannszucht lasen. Die Truppen sammt ihren Offizieren sehen durch die gewonnene dunklere Farbe wirklich martialisch aus, und bei manchem ward das Wiedererkennen schwierig, denn, mit Ausnahme weniger, welche natürliche Gründe dafür haben mögen, haben sie sich tüchtige Bärte zuge­legt. Hoffentlich ist auch der Militärbart jetzt von der Fa^onbestiminuug des Zopfes emancipirt

München, 11. August. Wie ich aus ziemlich zuverläßiger Quelle erfahren, haben nicht nur der Mi­nister des Innern und des Kriegs, sondern alle Mi­nister aus Anlaß der gegenüber der Bürgerwehr und vereinigten Freicorps erlittenen Niederlage Sr. Ma­jestät ihre Entlassung einreichen lassen. Man glaubt jedoch nicht, daß der König unter den gegenwärtigen Verhältnissen dieselben annehmen wird.

Oesterreich. Wien, 11. August. (Der 6. Aug. in Böhmen.) Windischgrätz ließ den 6. August in Prag und in ganz Böhmen feiern. Ueberall wurden dem Rcichsvcrweser die gebührenden Ehrensalven ge­geben ; die Truppen steckten die deutschen Cocarden auf und ließen die deutschen Bänder an der Fahnen flat­tern. Radetzky wird in Mailand den 6. August eine Nachfeier bereiten und in Italien das deutsche Ban­ner aufpflanzen. Wien, wo die hellsten Flammen für das deutsche Vaterland lodern, hat cs am 6. August bewiesen, daß es diesen Tag in seiner vollen tiefen Bedeutung erfasse. Es war eine ernste, würdige Feier, bei der sich jede Brust gehoben fühlte. Nur gegen die vom Befehle des deutschen Kriegsministers abweichende Arr, wie die Truppen oder vielmehr ihre Führer sich an diesem Tage benahmen, liegen Klagen vor. Die einzelnen Militärs steckten nicht die deutsche Cocarde auf, gaben keine Ehrensalven, brachten kein Hoch! dem deutschen Reichsverweser. Es geschah nichts, als daß man die Fahnen mit ein paar deutschen Bändchen schmückte. Im Vereine der Deutschen zur Wahrung der Nationalität wird gegen das Verfahren ein ener­gischer Protest beschlossen. Hauptmann van Swieten erzählte öffentlich, er sei gegen den Befehl seines Chefs, des Oberst Jablonowski, bei dem Feste erschienen, er hätte als Deutscher es nicht über's Herz bringen kön­nen, in der Kaserne zu bleiben, wie cs von allen Of­fizieren gefordert war. Ist kein Interpellant unter uns?

Preußen. Berlin, 12. August. Se. Majestät der König haben vorgestern in Sanssouci den Minister-Prä­sidenten Auerswald, die Staats-Minister Freiherr v. Schre­ckenstein, Gierke und Kühlwetter empfangen und mit den­selben gearbeitet.

Hoffmann von Fallersleben befindet sich gegen­wärtig wieder hier und scheint Aussicht zu haben, einen Lehrstuhl an einer preußischen Universität zu erhalten.

Breslau, 10. August. Auch hier war in Folge des Ausbleibens des letzten Wiener Bahnzuges das Ge­rücht verbreitet, daß in Wien Unruhen auSgebrochen seien, indeß hat sich nichts bestätigt. In Muskau, Brieg, Gleiwitz, Bunzlau, Grottkau, Reichenbach, Frei­stadt und andern Städten Schlesiens ist der 6. August festlich begangen worden. Dagegen hatte in Mittelwalde der Bürgerwehr-Commandeur die Feier für einen Verrath an dem König erklärt und diese Erklärung auf eine solche Weise unter Fauftrecht gesetzt, daß daraus der entsetz­lichste Zank und eine Katzenmusik entstanden. Auf der Grenze fand außerdem an diesem Tage zwischen den österreichischen und preußischen Unterthanen eine entsetz­liche Prügelei statt, auch schoß ein österreichischer Grenz­jäger einer Frau, welche ein Körbchen Lebensmittel über die Grenze tragen wollte, eine Schrotladung in den Leib und äußerte in seinem Unverstand dazu:Wartet Ihr preußischen H, unser- Erzherzog wird Euch schon zur Ordnung bringen." Aus Schweipnitz meldet man vom 9., daß, trotz alles Protestirens der Behörden, der ge- sammten Bürgerschaft und trotz der, von dem Comman­danten dem Oberst v. d. Raidt gegebenen Versprechung, die Mannschaften des 32. Regiments nicht zum Wacht- dienst zu verwenden, diese dennoch am 9., Mittags 11 Uhr, die Wachen bezogen habe. Die Bürgerschaft fühlte sich daduch aufs Neue gekränkt.

Oderberg, 8. August, (Cholera.) In dem Dorfe Niederfinow am Finow-Canal, eine Meile von hier und eine Meile von Neustadt-Ew., sind Cholera ähnliche Krank­heiten .vorgckommen. Namentlich ist ein Zimmermann an der sogenannten Schleuse am Sonnabend Abend (den

5. August) plötzlich von der europäischen Cholera, wie der Arzt sie nennt, befallen, und schon am Sonntag den

6. Morgens verstorben. Merkwürdig ist hierbei, daß gerade an der Schleuse im Jahre 1831 sich die Krank­heit auch zuerst gezeigt hat. Der zweite Fall kam am Sonntag Abend vor und zwar bei einer Frau von 29 bis 30 Jahren, welche noch am Abend gewaschen hatte, und völlig gesund, jedoch innerhalb 12 Stunden todt war. Der Doktor Ostkens, welcher die beiden Leute zwar nicht behandelt hatte, gewann jedoch nach der ein­gezogenen Erkundigung und Besichtigung der Leiche der Frau die Ueberzeugung, daß sie an der europäischen Cho­lera verstorben sei. Zwei Kinder sind ebenfalls in kurzer Zeit, am Sonntag und gestern, gestorben. Sieben Per- fönen sind noch jetzt in der Behandlung, aber in so zweck­mäßiger, daß der Doktor Ostkens glaubt, Keiner der Patienten werde sterben. Starke Ruhranfälle zeigen sich auch im Dorfe Bellinchen an der Oder. In Nieder- . fiuow sind sämmtliche genannte Kranke an der Wasser-

seite wohnhaft, in den andern Wohnhäusern hat sich bis ' jetzt (Mittag) kein Krankheitsfall gezeigt.

Königsberg. Aufsehen macht hier ein vom hie­sigen demokratischen Verein erlassenerAufruf an die Provinz Preußen," denn er fordert unumwunden zur Begründung der Republik auf. Es war schon längst bekannt, was für ein Treiben in diesem Club herrscht, doch hat man eine solche Proklamation für jetzt noch nicht erwartet. Es beißt, Abegg, der frühere beliebte Polizeipräsident, soll Oberpräsidcnt der Provinz werden.

Koblenz, 10. August. Gestern ist die Nachricht hier eingetroffen, daß der König nach dem Dombaufeste zu Köln hierher kommen wird. Es werden zu dem Ende alle Vorbereitungen im hiesigen Schlosse getroffen ; wahrscheinlich wird der König seinen Freund, den Erz­herzog NeichSverweser, durch die Rheinlande begleiten.

Hannover, 10. August. Einem Berichte der hie­sigenMorgenzeitung" zufolge, sollte die mit mehr denn 4000 Unterschriften bedeckte Adresse dem Könige durch eine Deputation überreicht werden. Der König lehnte den Empfang der Deputation mit dem Beifügen ab, daß er der schriftlichen Einreichung ihrer Wünsche cnt- gegensehe. Die Deputation übergab die Adresse und verfügte sich zu dem Ministerpräsidenten, Grafen Ben- ningsen, der die Versicherung gab, die hannoversche Regierung stehe mit der C^ntralgewalt in Frankfurt im besten Einvernehmen und in freundlichster Corre- spondenz. Die in der Adresse geforderte Huldigung des hannoverschen Militärs solle sofort in dem Mini­sterrathe in Berathung genommen werden. Ein Schreiben des Grafen Benningsen benachrichtigte später den Präsidenten des Volksvereins: in der mittlerweile stattgehabten Sitzung des Gesammtministeriums sei die Huldigungsangelegenheit noch nicht vollständig erledigt worden; spätestens bis zum 12. August werde aber eine Entscheidung erfolgen, bis wohin man sich in Ruhe gedulden möge.

Hannover. (Verbürgte und weniger verbürgte Ge- rüchte.) Zu den verbürgten Gerüchten rechnet ein hiesiger Correspondent der -Weserzeitung" die »eben so plötzliche als geheimnißvolle Entsendung des frühern Bundestags­gesandten, Hrn. v. Wagenheim, an die Höfe zu Berlin und Wien, wie einen lebendigen Depeschenwechsel zwischen jenem und der hannoverschen Regierung.» Zu den we­niger verbürgten Gerüchten gehört, daß der König das Ansinnen einer ihm zu überreichenden Adresse, die Trup­pen unaufschieblich huldigen zu lassens entschieden zu ver­weigern entschlossen sei und daß mehrere Offiziere Ent­lassung für d^n Fall erbeten hatten, daß der König in die Huldigung einwilligen würde.

Göttingen, 7. Aug. (Gegen den Separatismus Han­novers und für den Anschluß an ein einiges Deutschland.) Auch in dem Osterstadischen, in dem Land Wursten, Vier­land macht sich in Volksversammlungen, Adressen, Auf­rufen und Feierlichkeiten für den 6. August die Volks­stimmung gegen die separatistischen Erlasse des hanno- ver'schen Ministeriums und für den innigen Anschluß an Deutschland und die Unterwerfung unter den Reichsver­weser Erzherzog Johann und die Beschlüsse der Reichs- Versammlung wiederholt und entschieden geltend.

Hamburg, 8. August. (Erklärung einer Reformver- sammlung.) Hier hat eine lebhafte, von 1806 Personen besuchte Versammlung stattgefunden, in welcher folgende Beschlüsse gefaßt worden sind: »Die Versammlung erklärt hierdurch: 1) daß sie eine constituirende Versammlung für nothwendig hält, weil nur eine durch eine solche be­wirkte Umgestaltung dem Begriffe der Volkssouveränetät entspricht, und weil es sich um solche umfassende politi­sche und sociale Verbesserungen bandelt, zu denen ein Neubau erforderlich ist, wie er nur durch neu dazu be­rufene Vertreter des gejammten Volkes beschafft werden kann; 2) daß die definitive Annahme der Staatsversas- sung nur unter der Bedingung rechtliche Kraft und Gül­tigkeit erlangen könne, wenn die Sanction des Verfas­sungsgesetzes in der Urversammlung durch einen Majori­tätsbeschluß aller mündigen Staatsangehörigen erfolgt sei; 3) daß der Rath und erbgesessene Bürgerschaft nicht fer­ner für berechtigt erachtet werden können, die gesetzgebende Gewalt in unsrer Republik auszuüben, sondern daß viel­mehr jeder noch etwa zu erlassende Rath- und Bürgcrbe- schluß als ein Attentat gegen die Souveränetät des Volks anzusehen sei, dem kein diesiger Staatsangehöriger Gehor­sam zu leisten brauche; 4) daß namentlich jeder in Folge solcher anmaßlichen Rath- und Bürgerbeschlüsse erlas­sene Befehl, Steuern oder Abgaben zu bezahlen, in recht­licher und politischer Hinsicht als null und nichtig zu be­trachten sei; 5) daß gleichfalls aus den fernerweitigen, in Gemäßheit eines Rath- und Bürgerbeschlusses zu con- trahirenden Anleihen oder zu verkaufenden Staatsschuld­scheinen der zweiten Hälfte der Prämienanleihe der Staats­kasse überall kein Präjudiz erwachsen könne, sondern daß vielmehr die Uebernehmer solcher ungültigen Verträge sich lediglich an die Privatkasse der unbefugterweise contrahi- renden Staatsbeamten zu halten haben. 6) -Die Ver­sammlung erklärt sich bis zur Erreichung der constituiren- den Versammlung für permanent und hält alle Montage Sitzungen, sei es in geschlossenen Räumen, sei es unter freiem Himmel. 7) Die Versammlung wählt bis zur nächsten Versammlung ein provisorisches Comite, beste­hend aus den H H. Löwe, Trittau, Gallois, Ree und Marr.» Man verband sich gestern feierlich Einer für Alle und Alle für Einen zu stehen und nicht eher zu ruhen, als bis man Alles erlangt habe, was man wolle. Der Jubel mit welchem die einzelnen Beschlüsse angenommen wurden, war unbeschreiblich. Die nächste Versammlung