M ISS.
ZALesbüden. Freitag, I3 Juni
1851
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deS Montagü, täglich ui einem Bogen. — Der AdonncmenlopreiS beträgt vierteljährlich hier in Wiesbaden 1 ff. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmätzigcm Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnsrrationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 kr.
Uhlich und die freie Geurcilide in Magdeburg.
(Schluß.)
□ Uhlich schreibt: „Er t^ weiter getrieben, als er gehen wollte! — So sagt man «von mir. So sagen in Ländern, wo noch rationalistische Kirchen- behörden sind, diese zu Mitgliedern freier Gemeinden, wenn sich dieselben auf mich und -meine Christlichkeit berufen. - Sie haben ein anerkennendes Wort für mein Streben, aber, so meinen sie, ich sei durch die freien Gemeinden, durch die radikalen Elemente darin, weiter getrieben, als ich hätte gehen wollen. Darüber muß ich selbst wohl am Besten Auskunft geben können, zumal da ich mir bewußt bin, ein ruhiger Beobachter zu sein, sowohl der Dinge um mich her als auch mei« nes eigenen Seelenlebens. Freilich bin ich weiter geführt worden, als ich mich vor drei Jahren befand, aber nicht weiter als ich habe gehen wollen. Das ist ja das geistige Leben, daß man nicht abschließt, sondern weiterstrebt, der Vollkommenheit zu, nicht bloß in sittlicher Entwickelung, sondern auch in der Entwickelung des Denkens. Das ist ja eben die Untreue des Menschen gegen sich selbst, und zugleich der Ungehorsam gegen Gottes ewige Ordnung, wenn der Mensch sich einfallen läßt, zu sich selbst, und dann auch zu andern zu sagen: „Halt! Bis hieher und nicht weiter!" Ich habe der Wahrheit dienen wollen von Anfang an. Ich wurde Prediger der alten Kirche zu einer Zeit, wo die Behörde den Prediger noch nicht in die Fesseln der Glaubenssatzung einschränkte. Ich wirkte für Wahrheit und Freiheit mit der Schonung, die man üben kann, wenn man auf eine ungehemmte Entwickelung im großen Ganzen rechnet. Als seit 1840 die Behörde die Lehrfreiheit zu verbieten anfingen, da trat ich mit Gleichgesinnten zum Kampfe für dieselben zusammen, immer noch in der Hoffnung, in der großen Gemeinschaft der alten Kirche der Lehrfreiheit ihr Recht erringen zu Helsen, also auch immer noch mit Schonung des Hergebrachten. So entstand unter Anderm mein kleiner Katechismus („Büchlein v. Reiche Gottes",) in welchem ich nichts sagte, was ich nicht glaubte, aber Manches nicht sagte, was ich jetzt sage. Der Kampf endete damit, daß ich, wie auch Andere, aus der Kirche hinausgedrängt wurde, und es bildeten sich nun um uns freie Gemeinden. Da stand ich nun unter lauter Gesinnungsgenossen; die schonende Berücksichtigung der Altgläubigen in der alten Kirchengemeinde hörte auf, Pflicht zu sein. Aber ich befand mich auch in dem lebendigen Strom eines wirklichen Gemeindelebens, während die alte Kirche kein Gemeindeleben hat. In diesem Strome, sowohl des Gemeindelebens, dem ich unmittelbar angehöre, als auch der größern Gemeinschaft freier Gemeinden in Deutschland, schwimme ich und befinde mich wohl darin. Wie könnte es mir einfallen, mich au einen
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l Der Prozeß Bocarme.
(Fortsetzung.)
Sitzung vom 3. Juni.
Ueber die heutige, und wahrscheinlich auch über die weiterfolgenden Sitzungen können wir uns kürzer fassen; die wichtigsten Zeugen, scheint es, sind nunmehr vernommen worden, und unsere bisherigen Berichte haben den Leser in den Stand gesetzt, sich von dem Gange dieses furchtbaren Assisenkampfes ein Bild zu machen.
Heute ward die Vernehmung der Zofe Emerance Bricout beendigt. Das Wichtigste aus ihren Aussagen ist folgendes: Als sie Licht bringen wollte, sagten beide Angeklagte: „Nein, später" — Die Angeklagten consulkirten den Dr. Semet, ob Gustav noch zu helfen sei, nachdem man die Leiche schon seit einer Stunde umgekleidet und den Dod vollständig constatirt hatte. Ihre Konsultation erregte den Argwohn der Zeugin aufs Höchste, obwohl sie an eine Vergiftung nicht dachte; sie glaubte nur, der Graf habe sich mit seinem Schwager geschlagen. — Der Graf hat sich bei allen Domestiken nach der grauen Katze erkundigt, die er selbst vergiftet und verscharrt hatte; er sagte immer, sie sei wahrscheinlich gestohlen. — Der Graf hatte am 21. in Gegenwart seiner Frau ein Gespräch mit Eme- rance, um' sie zu bereden, vor der Justiz die verbuch-
Pfahl am Ufer festzuklammern, ängstlich, daß die Strömung mich zu weit führen werde! Ich will Wahrheit, nichts als Wahrheit, volle Wahrheit, so weitste nun eben mein Geist in seinem Erbendasein fassen kann, und wenn ich morgen lerne, was mir heut noch nicht zugänglich ist, so ist's ja meine Pflicht, es anzunehmen und wciterzuvcrbreiten. Dabei bin ich meiner früheren Richtung treu geblieben, aber nicht weil ich sie um jeden Preis festhalten möchte, sondern ^weil ich sie heut noch wie damals in der Wahrheit -begründet finde, und mich unbefangen in ihr bewege. Ich halte mich mit inniger Verehrung an Christus als meinen Meister, ich bete zu meinem himmlischen Vater, den ich allenthalben finde, ich übergebe meinen WOnnen Händen in Hoffnung einer bewußten Fortdauer. Dabei aber gehe uns wirke ich Hand in Hand mit den Freunden , welche d..s Geistige und Göttliche anders auffassen als ich, und freue mich des Wechselverkehrs, in welchem einer vom andern lernen kann. Von demjenigen, mit welchem ich in Gemeinschaft wirken foll, fordere ich dreierlei: Volles Bekennt- lii-'ß zur Freiheit; fleißiges Denken und sittliches Streben; wo ich dieses finde, da mag er von der alten christlichen Glaubenslehre Viel beibryalten haben, da mag er mit den bisherigen religiösen Vorstellungen gänzlich gebrochen haben, ich kann mit tym Hand in Hand gehen, und wenn er in unserem gegenseitigen Verhältniß mich spüren läßt, daß er engherziger ist als ich, so kann ich lächeln und Geduld haben. Ich wundere mich aber nicht im Mindesten, daß ein Konsistorialrath, ein Professor, ein Pastor der alten Kirche kopfschüttelnd das Urtheil über mich fallt: ich hätte mich weiter treiben lassen, als ich selbst gewollt hätte, und wenn er überzeugt ist, damit etwas Beklagenswerthes bezeichnet zu haben. Wer die Freiheit nicht aus der Ausübung, aus einer wirklichen Lebensgemeinschaft kennt, der wird über sie urtheilen, wie der Minde über die Farbe. Nicht einen Schritt bin ich weiter gegangen als ich gewollt, denn ich befinde, mich heut wie sonst auf dem Wege der Wahrheit, das ist aber wirklich ein Weg, auf dem man gehen, nicht aber eine Bank, auf der man sitzen bleiben muß."
Was würde uns GesammtösterreichS Eintritt in den deutsche» Bund kosten?
$ Es gehört jetzt zum Stichworte der österreichischen Partei, den Gesammteintritt als „die große Sache der Ordnung" für unerläßlich zu erklären. Die De- mokratie ist anderer Meinung von jeher gewesen; ihre Gründe sind bekannt. Was aber sagen sie dazu, welche im Jahre 1848 mit den Regierungen gegen die Revolution Front machten, jene reichen Leute, welche „Ordnung" haben wollten, um ihre Geschäfte in Ruhe forttreiben zu könnend Die „Köln. Ztg." darf a^
tigsten Umstände zu verschweigen; er behauptete, trotz ihres Widersprechens, Gustav sei in ihren Armen gestorben. Der Graf jagte u. a.: „Du wüst unS und dich ins Gefängniß bringen; sage so wenig wie möglich." Die Gräfin unterstützte diese Ermahnungen ihres Mannes. Mit den anderen Dienstboten sprach der Graf ebenso; fie klagten weinend und ganz eingeschüchtert ihre Noth der Emerance, welche mit ihnen zum Pfarrer ging und demselben unter dem Siegel der Beichte alles was sie wußte mittheilte. Der Pfarrer ermahnte sie, der Justiz die Wahrheit zu sagen. — Der Graf war sehr unehrbar in ,einem Betragen gegen die Mägde; er belästigte sie mit seinen Zudringlichkeiten fast täglich und oft in Gegenwart der kleinen Kinder.
Der Angeklagte behaupten, auf die Frage eines Geschworenen, er habe die Flasche mit Nicotin, aus welcher seine Frau, ohne es zu ahnen, daS Gift ihre.» Bruder einschenkte, vor längerer Zeit in einen leeren Weinkasten in den Keller gestellt, und es sei aus die. sein, wahrscheinlich aus Versehen, von irgend jemandem in den Schrank des Spcisesaales getragen worden. Die Gräfin leugnet dies bestimmt- Am Tage des Ereignisses sei nur Bordeaurweiu aus dem Keller geholt worden, und in der Kellerabtheilung für Bordeaux habe niemals ein Weinkasten eristirt; eine Verwechselung sei unmöglich gewesen.
Die 17. Zeugin, Virginie Chevalier, 17% Jahr alt, Kindermädchen, sagt aus, daß Madame es
das eigentliche Organ dieser Geschäftsleute betrachtet werden, welche, so beschränkt auch sonst ihr politischer Horizontalst, wenigstens sich trefflich auf Zaylen ver- stehei. Das Hauptorgan der rheinischen Bourgeoisie stellt folgendes Rechenerempel über den Segen auf, den jene Maßregel bringen würde: ,^Es dürfte die Wohlthat des Eintritts von Gesammt-Oesterrcich am deutlichsten zu erkennen sein, wenn man annimmt, dieses Düno- »tß habe schon vor vier Jahren bestanden. Das Günstigste, was sich vom Standpunkte der Regierungen denken läßt, ist dann ohne Zweifel, daß die Bewegung des Jahres 1848 so geendet hätte, wie sie es gethan. Der wesentliche Unterschied wäre dann nur der gewesen, daß, wo inzwischen Oesterreich Krieg geführt hat, der große Bund Krieg geführt haben würde, und daß anstatt der Russen die Preußen, Baiern, Hannoveraner, Hessen, Schwaben u. s. w. durch ihre Uebermacht die Ungarn besiegt hätten. Nun kosteten die verschiedenen Feldzüge der österreichischen Armee, opne die Contrebutionen, welche die Generäle fleißig auferlegten, in runder Summe mindestens 300 Millionen Gulden, die russische Intervention 75 Millionen Gulden, wobei zu bemerken, daß die letztere Rechnung durch den schlechten Sold der russischen Truppen, durch die Menge russischen Getreides, welches Rußland ganz umsonst oder doch sehr billig lieferte, und durch die freundschaftliche Uneigennützigkeit des Ezaren so niedrig gestellt wurde. Wie nach den franz. Kriegen würde Oesterreich die in seinem Lande erhobenen Evattwutionen und Ratural- Lieferungen in Abzug gebracht hab.«; die deutsche Intervention in Ungarn würde mindestens doppelt w viel g - kostet hab-n: es mag daher Ms das Minimum der Schätzung anzunehimn s tu, daß obige 375 Millionen Gulden ziemlich dem Betrage entsprechen, welcher den anderen Gliedern des pevieetirce» mittel europäischen Bundes zur Last gefallen wäre! Etwa hundert Millionen Thaler würde Preußens Antheil daran gewesen sein. — Die Geschäfte Oesterreichs in den letzten Jahre» kosteten aber nicht nur Geld, sondern auch Menschenleben. Die Listen der österreichischen Armee sollen in den Jahren 1848 und 1849 an Todten auf dem Schlachtfelde und in den Spitälern (durch Cholera, Wußt fieber, Thyphus :c ) 185,000, die Listen der russischen Interventions-Armee gegen 50 000 aus weisen, was ungefähr 25 Prozent der ins Feld gestellten Truppen sein mag. Es ist klar, daß, wenn der mittel-europäische Bund bestanden haben würde, Ö sterreich weniger Soldaten ansgehoben und seiner Bundesgenossen Armee wahrscheinlich die Hälfte der Aus- ziehenden wie die Hälfte der Eingescharrten geliefert hätte. Etwa 120,000 Preußen, Schwaben, Sachsen, Hessen rc. würden jetzt in Ungarn oder Italien den kaiserlichen Boden düngen! Der mittel - europäische Bund, wie er von Oesterreich gedacht ist, würde aber nicht nur diese unmittelbaren Resultate, er würde auch einige mittelbare gehabt haben. Der mittel-europäische Bund wird bekanntlich mit Einem Zoll - Systeme gedacht. In jenen Jahren hat Oesterreich noch weniger Zölle alS sonst ein
war, welche am 20. November befahl, diesmal die Kinder nicht zum Nachtisch zu bringen. Zeugin erinnert sich dessen mit großer Sicherheit. Sie hat von dem andern Kindermädchen, Justine, alle die einzelnen Umstände gehört, welche den Inhalt der Aussagen dieser letzteren bilden, daß sie auf der Treppe rufen ge- hört habe: „Hippolyt, zu Hülfe!", daß sie hernach in der Küche gesehen habe, wie Madame ins Zwischenzimmer trat und die Thüren schloß u. s. w. Die Erklärungen der Zeugin bestätigen vollständig die Darstellung des Vorgefallenen, Vie wir von Justine, Emerance und dem Kutscher gehört haben; nur ist sie in ihren Erinnerungen noch klarer als Justine, welche an dem verhäugnißvollen Abend mehr erschrocken und erschüttert sein mußte. Der Graf hat der Zeugin eingeschärft, sie solle vor Gericht auSsagen, Gustav habe gerufen: „Hippolyt! zu Hülfe!"
Die Zeugen Nr. 18 bis 32 werden hierauf vernommen; sie sind großentheils Grwerbtreibende aus Peruwelz, welche ihre Beschwerden über unbezahlte Rechnungen vortragen. Zwei dieser Zeugen sind Flur- schützen, welche darüber aussagen, wie ver Grai ihnen einst 30 Fr. angeboten habe, um gegen einen Pächter zu zeugen. Der Angeklagte behauptet, er habe die Flurschützen nur für ihre Mühe entschädigen wollen. Dagegen spricht, daß er ihnen sonst für ihre Müo- waltnugen während des ganzen Jahres nur 5 Fr. Trinkgeld zu geben pflegte.
