Verschiedenes
(Eine Wanderung nach Californicn.) Der Apotheker Lips aus Breslau verließ im Frühjahr 1849, in richtiger Ahnung der nächstkvmmnlden Zeiten, mit einem Bruder das Vaterland, um jenseits des Oceans die Selbstständigkeit und Freiheit zu suchen, die er diesseits bei den redlichsten Anstrengungen und bescheidensten Ansprüchen nicht erlangt hatte. Die Brüder begaben sich zuerst in den nordamerikanischen Freistaat Tennessee, fanden aber das hier zum Anbau disponible Land zu unfruchtbar, und zogen deshalb nach Missouri, wo sie in der Nähe der Stadt Lering- ton eine kleine Farm erwarben und unter befriedigenden Aussichten zu cultiviren ansingen. Da drang auch in diese Gegend der Ruf des Goldlandes jenseits der Felsengebirge; eine Menge Ansiedler vereinigten sich zum gemeinschaftlichen Auszuge dorthin, und die Gebrüder Lips, beide ohne Familie, beschlossen, ihre Farm zu verkaufen und sich dem Zuge anzuschließen. Am 6. Mai 1850 brach die Karawane auf; sie überschritt den Konzas und gelangte durch fruchtbare Gegenden zunächst bis Fort Caramie, von wo aus die Gebrüder Lips den ersten Reisebericht in ihre Heimath gaben. Der zweite ist aus Plaserville (auch Hangtown genannt, weil hier einige Diebe und Betrüger nach dem Lynchgesetze gehängt wurden) in Californien datirt, wo die Gebrüder Lips am 10. September, also nach einer ununterbrochenen Wanderung von 4 Monaten und 4 Tagen anlangten. Von Fort Caramie ging die Reise den Nordarm des Platte River entlang bis an das Felsenthor des Swentwaterflusses, dessen Eingang von dem ungeheuren „Nnabhängigkeitsfelsen" beschützt wird. Unweit von diesem feierte die Kara- Vane den 4. Juli, den Tag der Unabhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Freistaaten. Von hier wandte man sich nach dem Salzsee, dem Mormonensitze im District Deseret, welchem man durch einen langen engen Felsenpaß, den ihn durchströmenden Bach wohl vierzigmal durchschneidend, Ende Juli erreichte. Von den Mormonen wurden für die mit Ochsen bespannten Wagen Packpferde eingetauscht, mit denen man eine große Wüste zurücklegte und das Gebirge erreichte. Die Schilderung der jetzt folgenden Reise ist erschütternd. Hohe Felsengebirge wechseln mit ungeheuern, 50 bis 60 (kngl.) Meilen lagen Salzwüsten, heiße Sonnenstrahlen mit den eisigen Winden und Schneefeldern der Sierra Nevada und der Humbolvs- gebirge. Tagelang finden die Reisenden Nichts, um den quälenden Durst zu löschen; sie sind genöthigt, das Gepäck abzuwerfen und die Pferde zu besteigen, um nicht aus Erschöpfung das Schicksal mancher Vorgänger zu theilen, welches ihnen verlassene Wagen, gefallenes Vieh und werthvolles Gepäck auf dem trostlosen
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Wege allenthalben verkündet. Das erste Wasser, was sie finden, ist Salzwasser, aber sie müssen es genießen. Für die Pferde mangelt Futter, und auch sie scheinen, trotz seltener Ansdauer, erliegen ju_ müssen. Jeder neue Gebirgskamin wird mit der Hoffnung erklommen, daß sich hinter ihm das ersehnte Land mit Wasser und Weide eröffnen werde, und sind die Reisenden ^oben, so breitet sich vor ihren Augen nur eine neue Salzwüste aus, bis an den Fuß eines neuen Gebirgskam- mes. Endlich ist der letzte erstiegen; die Lebensmittel reichen kaum noch für eine Woche: da erfahren sie von anderen Wanderern, daß sie noch 240 (engl.) Meilen von dem Bett des Humboldriver entfernt, und daß erst hier Proviant und Futter zu bekommen seien. Von diesen Leuten erhandelten die Reisenden indeß einige Lebensmittel und gelangten endlich, von Salomon Troutriver die Sierra Nevada auf einem höchst beschwerlichen Wege über Schneefelder und steile Felsblöcke überschreitend, dann von Berg zu Berg, von Hügel zu Hügel niedersteigend, Plaserville.
Interessant sind die Notizen über den merkwürdigen Staat der Mormonen, deren Hauptstadt am Salzsee regelmäßig, aber sehr weitläufig gebaut ist, da sie so- gar Getreidefelder einschließt. — Da es im Sommer nicht regnet, so werden die Felder durch eine Menge Canäle bewässert, die von zahlreichen Bächen der Gegend Zufluß empfangen. Nördlich von der Stadt sind heiße Schwefelquellen, in denen man ein Ei absieden kann. Bei den Mormonen gilt Gütergemeinschaft und ist Vielweiberei gestattet. Geld ist bei ihnen reichlich, zumal sie ihre junge Mannschaft nach Californien sandten. An verschiedenen Bedürfnissen leiden sie dagegen Mangel und benutzen deshalb die Züge der Auswanderer, um sich damit zu versehen. Zucker und Kaffee fanden unsre Reisenden gar nicht in der Stadt; 100 Pfund Mehl kosteten 25 Dollars. Die Auswanderer werden von Mormonen auf alle Weise angelockt und besteuert, was Veranlassung geben dürfte, sie auch aus diesem Sitze zu vertreiben.
Von den Indianern wurden unsere Reisenden nicht belästigt; doch hatte kurz zuvor noch eine andere Karawane ein blutiges Gefecht mit ihnen bestehen müssen.
Plaserville (Hangtown) zunächst liegt S>acra- mento-City; doch ist im Winter die Communikation unterbrochen und die Lebensmittel sind dann sehr theuer. Ueber die Golkgräberei lautet der Bericht übereinstimmend mit den bekannten Nachrichten. Wenige gewinnen mehr als den täglichen Unterhalt. Die Gebrüder Lips wollen zwar darin auch ihr Glück versuchen, sie haben jedoch für ihre Unternehmung eine solidere Basis. Der Apotheker findet seinen Verdienst durch die Arzneikunde und der andere Bruder, welcher daS Zimmergewerbe versteht, hat bereits einen Hausbau in Entreprise genommen. — Nach so großen Gefahren kanntma dpi n g
und harten Beschwerden und ohne glänzende Aussichten sind unsere Landsleute doch guten Muthes und sehnen- sich keineswegs in die bundestaggesegnete Heimath zurück.
(Lösung der sozialen Frage in Rußland.) Im ganzen russischen Gebiete ist es Gewohnheit oder Pflicht der russischen Gouverneure, die Wege, welche ein Glied der kaiserlichen Familie zu betreten beabsichtigt, von „verdächtigen und bettelhaften Menschen" zu reinigen. Fast scheint ein höchster Befehl zu Grunde zu liegen, wenn aus folgendem Vorkommniß ein Schluß gezogen werden darf. Als nämlich der Kaiser Nikolaus bei seiner vorletzten Anwesenheit in Warschau die Citadelle besuchte, fiel ihm ein sonderbares Geräusch in einem großen Schuppen, der sich wenig entfernt in der äußersten Ecke des Wall« carre's befand, auf. Er begab sich kürzesten Weges nach diesem Schuppen, und verlangte, daß er geöffnet werde. Allein weder der General Abra- mowicz, noch der Intendant besaß den Schlüssel; sie waren in arger Verlegenheit. Da meinte der Intendant, daß es vielleicht mit einer mündlichen Auskunft abgemacht sein dürfte, und versicherte der Majestät, daß sich in den Schuppen nichts weiter be- sinde, als die Bettler von Warschau, welcher vor Ihrer Anknnft aufgefangen worden seien, und bis nach deren Abreise hier eingesperrt bleiben sollen. Vollkommen befriedigt, äußerte der Kaiser auf diese Mittheilung nur: „So„, und wendete sich einem anderen Ziele zu.
Es gibt keine Stadt der Welt, welche sich in Hinsicht auf Wohlthätigkeits-Anstalten mit London messen könnte. Es eristiren dermalen dort: 12 allgemeine Hospitäler, 50 Spitäler für besondere Krane, 35 Dispensaries (Lokale, wo unentgeldlich Arzneien vertheilt werden), 12 Institute zur Beförderung der Gesundheit und Moral, 18 Gesellschaften für entlassene Sträflinge, 14 zur allseitigen Unterstützung Nothleidender, 12 andere für besondere Arten von Dürftigen, 14 zur Unterstützung von Gewerbsleuten, 11 für Taubstumme und Blinde, 103 Institute ähnlich den deutschen Armenbäusern (aber unvergleichlich besser) 16 milde Pensions - Institute, 74 ditto für besondere Arten, 31 Asyle für hilflose Kindrr, 10 Erziehungs-Fundationen, 3 milde ditto, 40 religiöse und 50 Bibel - Missionsgesellschaften für Ärmere. Sie verausgaben im Durchschnitt jährt. 1,764,833 Pf. St. (über 24 Mill, fl), davon kommen über eine Million Pfd. Sterling durch freiwillige Beiträge zusammen, der Rest ist durch fundirte Kapitalien gesichert. Die Regierung hat mit allen diesen Anstalten durchaus nichts zu schaffen. Das ist eine der Lichtseiten der britischen Selbstregierung.
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Mit dem 1. Januar 18dl beginnt ein neues Quartal-Abonnement auf die Mainzer Abendpost. Sie ist der Sache des Volkes gewidmet; seine Interessen und seine Rechte find eS allein, welche in ihr vertreten und vertheidigt werden. Wie weit fie ihre Aufgabe seit ihrem Bestehen erfüllt hat, überläßt fie dem Urtheile ihrer Leser. Möge fich das Volk daran erinnern, daß eine unabhängige Presse die erste Bedingung seiner politischen Entwicklung ist und daß, le mehr dieselbe bedrängt und dezimirt wird, desto größer die Verpflichtung wird, fie zu unterstützen.
Die Mainzer Abendpost erscheint in groß Folio täglich, mit Ausnahme des Montags. Das Abonnement beträgt vierteljährig in den Ländern des Fürstlich Thurn und Taris'schen PostVerwaltungSbezirks 2 ff. — m allen übrigen deutschen Staaten 2 fl. 22,/2 kr.
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Ankündigungen werden mit 4 Kreuzer für die Petitzeile (% Breite) oder deren Raum berechnet.
Mainz, im Dezember 1850. Die Expedition der Mainzer Abendpost.
(1 °7) Turnverem. Donnerstag den 26. l. Mts., (zweiten Weihnachtsfeiertage) Abends 7 Uhr, findet eine Abendunterhaltung des Turnvereins unter Mitwirkung der Erheiterung im Saale der Vier Jahreszeiten statt, wozu dieMitglieder des Turnvereins, des Vereins zur Wahrung der Volksrechte, des Bürgerschützen-Corps, und des Arbeiterbildungsvereins hiermit eiogkladen werden. — Karten â 30 kr. für die Mitglieder oben genannter Vereine können in Empfang! genommen werden: Sonntag den 22. d. Mts. in der Stadt Frankfurt, von Morgens 10 dis Nachmittags 2 Uhr; ebenfalls Donnerstag den 26. um dieselbe Zeit. — Nichtmitglleder dieser Vereine können durch Mitglieder eingeführt werden und haben für die Karte 48 kr. zu zahlen. — Abends an der Kasse kostet jede Karte 6 kr. mehr.
Der Vorstand.
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Jacototschen Methode, verbunden mit der Schreiblesemethode von M. Budich,
Direetor einer vollständigen Schulanstalt zu Dresden, gr. 8 brock). mit 10 Tafeln. 8 Ngr.
Der Verfasser hat in diesem Werkchen die neuesten und wichtigsten Anforderungen der Pädagogik zu vereinigen gesucht und zum ersten Male die gesammelten Anfänge des Elementar- wissenS, namentlich für Mütter, Erzieherinnen und Vorschulen, in einem Buche vereinigt, dem bald auch eine ausführliche Gebrauchsanweisung folgen soll. Ferner ist hier die Schreibmethode mit der Jacotot'schen Methode in einer konsequenten Weise verbunden worden. Ein mannichsaltigeres und brauchbareres erstes Lesebuch möchte nicht leicht eine Bibliothek aufweisen können; es wird deshalb einem jeden Pädagogen, wie überhauvt Schulanstalten, eine willkommene Erscheinung sein, und dieses vortreffliche Buch nach Durchsicht mit Vergnügen in die betreffenden Anstalten eingeführt werden.
Wiesbaden. H. W. Ritter'sche Buchhandlung.
Der in Frankfurt a. M. erscheinende
Deutsche Volkswirth
wird seine fich gestellte Aufgabe:
die ökonomischen, besonders die handelspolitischen Interessen Deutschlands vom Standpunkte der Gerechtigkeit, der Wissenschaft und geläuterten Praxis zu besprechen und zu behandeln,
auch im nächsten Jahre mit qllen ihm zu Gebote stehenden Kräften verfolgen und dürfte eben derhalb noch um so mehr Aufmerksamkeit jetzt verdienen, als durch die neueste Wendung der pplitischen Angelegenheiten Deutschlands die Ausstcht vorliegt, daß jene Interessen bald wieder das ihnen gebührende volle Gewicht erlangen werden.
Der deutsche VollSwirth wird aber außerdem auch ferner entbalten:
1) belehrende Artikel und neue Nachrichten überkLandWirthschaft und sonstige gewerbliche Technik, Geld-, Finanz- und Bankwesen, -Versicherungswesen, Transportwesen aller Art u. s. w.;
2) alle neue Verordnungen und Gesetze des In- und^AuslandeS, von Interesse für Handel und Gewerbe;
3) fortlaufende tägliche Berichte über alle belangreiche Produkten- Jlnd Waarenmärkte des In- und Auslandes;
4) dergleichen über die wichtigsten Fonds- und Effektenbörsen, mit Einschluß eines täglichen umfassenden CourszettclS der Frankfurter Börse;
5) eine tägliche Uebersicht aller erhellen politischen Ereignisse;
6) Anzeigen aller Art.
Der „Deutsche Volkswirth" erscheint Lqlich, mit Ausnahme der Sonn- und Festtage, und kostet pro Quartal im Thurn- und Tarn'scheu Postgebiete nur l fl. 30 kr. (etwa 25 Silbergr. pre ßisch). Bestellungen auf denselben nehmen alle Postämter an; hier am Orte: das ErpedUiouslokal, Ziegelgasse No. 11 (Buchdrucks von Carl Knatz).
Frankfurt a. M. im Dezember 1850. Die Redaktion.
Verantwortlicher Herausgeber und Verleger C. Ritter. — Druck der C. Ritter'schen Buchdruckerei.
