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hatte schon vor 8 Uhr Abends alle Tische, alle Räume des Saales bis über Gänge und Treppen hinaus in so dichten ©(haaren besetzt , daß später Eintreffeiche nur mit größter Mühe sich noch durch die freudig bewegte Masse durchdrängen konnten. Nachdem die Musik auf« gespielt und ein Gesangverein ein vaterländisches Lied vorgetragen hatte, gab der ehemalige Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. Rossel , der Stimmung des versam­melten Volks Worte, indem er, davon ausgehend, daß die Märzforderungen, die die große Masse des Volkes vor zwei Jahren ihrem eigentlichen Werthe nach kaum gekannt hätte, durch die Zeitereignisse selber auch dem Indifferentesten zum Bewußtsein gekommen seien und daß das Volk, nachdem es von ihrem unschätzbaren Werthe sich überzeugt, nimmermehr davon ablassen werde. Mit besonderer Auszeichnung gedachte er, auf die Veranlassung zu dem Fest übergehend, des AnklagesenatS des Wies- bader HosgericktS, der sich durch sein ganzes Verfahren, indem er auf so schwache, unhaltbare Anklagegründe hin einen riescnmâßigen Prozeß construirt und das ganze Land in Aufregung versetzt hätte, den Angeklagten Ge­legenheit gegeben, das ganze haltlose Verfahren der seit­herigen Politik vor den Augen des Volkes zu entlarven. DaS nassauische Volk sei bis in entlegensten Ortschaften hin, dadurch von dem unschätzbaren Werth der Schwur­gerichte erst recht überzeugt worden und der Anklage­senat habe sich damit auf die dankbare Anerkennung seiner Bestrebungen Seitens der nassauischen Demokratie die gegründetsten Ansprüche erworben. Er schloß mit einem dreifachen Hoch auf die wackeren Männer, die die Bank der Angeklagten in Wiesbaden geziert hätten, in das der stürmische Jubelruf der Volksmenge und der Tusch der Instrumente einfiel , daß die Wände schlitterten.

Nach einem weiteren musikalischen Zwischenakte be­stieg der Redner des Tags, Herr Prokurator Brann, die Tribüne, und Entwickelte in einem einstündigen, lichtvollen Vortrag in meisterhaft gezeichneten treffenden Umrissen den ganzen Verlauf des großartigen Prozesses, wobei er, obgleich Freund und Vertheidiger der Ange­klagten, doch auch den einzelnen Punkten der Anklage möglichste Gerechtigkeit widerfahren ließ. Mit der ge- spanntesieu Aufmerksamkeit war die Menge dem Gange der lehrreichen Darstellung bis zum Schlußakt der Freisprechung gefolgt und dem gefeierten Redner, der als Vertheidiger selbst so viel zu diesem glänzenden Ausgang des Prozesses beigetragen, lohnte ein dreifaches Hoch für seine Verdienste um die Sache des Vol­kes Kriegerische Klänge der Musik, Einzelgesänge und Trinksprüche wechselten miteinander, darunter der von dem Sohne eines der Angeklagten dem Vertheidiger seines Vaters in dankbarer Anerkennung ausgebrachte, besonders ansprach. Endlich ergriff der erste Redner noch einmal das Wort, um mit Hinweisung auf die hohe moralische Bedeutung des Schwurgerichts den Männern zu danken, die durch ihrNichtschuldig" dem allgemeinen Sinn und dem Rechtsgefühl des Vol­kes ihren Mund geliehen und und dadurch den tödtli- chen Pfeil von den Verfolgten abgehalten und auf die gegnerische Partei zurückgerichtet hätten, den Männern, die gewiß sehr wohl mit sich im Reinen gewesen seien, was sie von der ganzen Sache zu halten hätten, und bei denen es wahrhaftig keiner Bearbeitungen im Wirthshause bedurft hätte, wie einigeGutgesinnte" in Wiesbaden in kläglicher Verblendung gemuthmaßt.

^So verlief das Bankett, trotz der unerhörten Men­schenzahl und der erregtesten Stimmung aller Anwe­senden, in musterhafter Ordnung und auch seine fei­erliche Weihe sollte ihm nicht fehlen, als unsre wackeren Herborner Gäste, die 15 Mann stark er­schienen waren, mitten im Getümmel das alte Sie- geslied der Reformation anstimmten:Ein' feste Burg ist unser Gott" und als hernach die ganze Menge wiederholend in die Worte mit einstimmte:

Und wenn die Well voll Teufel war, (ie soll uns doch gelingen!

Gegen Mitternacht erst verlor sich die Masse und

das Fest schloß würdig damit, daß der Rest der An­wesenden, mit der Musik an der Spitze, nach der Wohnung des Hrn. Braun abzog und demselben ein Lebehoch und ein munteres Ständchen brachte.

So feiert die Demokratie in Dillenburg ihre Feste; so greift der Geist der neuen, der freien Zeit trotz alles äußeren Druckes mächtig um sich, und Maßre­geln, wie die gestern erfolgte Quiescirung unseres unerschrockenen Vorkämpfers, des Herrn Rossel, bringen hier das gerade Gegentheil von dem hervor, was man etwa damit erreichen wollte. Doch davon ein andermal!

0 Diez , 24. Februar. (Wislicenus und Pfarrer Spieß.) Der Herr Pfarrer Spieß in Mensfelden weiß sehr wohl, daß sein Kirchspiel gerade nicht allzustark im Glauben ist, und daß der sengende Brand des Lucifer seine Spuren zurückgelassen hat. Es hat ihm deswegen ohne Zweifel eine große Freude gemacht, daß er endlich seine Gemeinde mit den vielen und langen Paragraphen der von der geistlichen Com­mission entworfenen Kirchenverfaffung beglücken konnte, welche auf der nächsten Kirchensynode ihre endliche Lö­sung finden soll. Die Bauern haben aber zu alledem ellenlange Gesichter gemacht, namentlich mochte ihnen der Paragraph, der die Betheiligung des Volks an den Wahlen auf eine Betheiligung der Kirchenvorstände reduzirt, gar schlecht behagen. Der Herr Pfarrer klagte über die niedrige Besoldung, die ihm kaum gestatte, seine Söhne gleichfalls wieder Prediger werden zu las­sen; ein Landmann meinte sie könnten ja auch ein­mal ein Gewerbe ergreifen, wie andrer Leute Kinder. Der Herr Pfarrer sprach auch über die freien Gemein­den, und erklärte den Bauern vier Predigten von Wislizenns. In einer Predigt werde gesagt, die Bibel sei einLügenbuch"; in einer andern, Christus sei ein H.... kind"; Wislicenus mag sich bei dem Herrn Pfarrer Spieß in Mensfelden für diese naive Aus­legung seiner Predigten bedanken. Die Bauern aber verstanden die Predigten besser. Sie wissen und glau­ben, daß die Bibel ein Werk ist von Menschenhänden, voll hoher und ewiger Wahrheiten, aber auch nicht ohne Irrthümer; daß sie ein Allsbruch des damaligen Zeit­bewußtseins war, eine Offenbarung des Geistes, wie er zu Christus Zeiten die Völker beherrschte, aber auch nicht mehr. Die Bauern wissen aber auch und glauben, daß Christus nicht ist Gottes Sohn in dem Sinne, als ob er von Gott gezeugt oder Gott selber wäre, sondern daß er ein Mensch war, wie wir Alle sind, geboren aus dem Volke, erzogen im Volke. Sie lieben ihn gerade um so mehr, da er als Mensch so Unerreichtes erreichte, da er ein menschliches Vor­bild sittlcher Größe für alle Jahrhunderte hindurch sein wird, das zur Nacheiferung^ spornt.

Nur so fortgefahren, Herr Spieß! Wislicenus, ob­gleich viele Meilen entfernt von Ihrer Gemeinde, steht derselben doch bereits geistig näher, wie Sie glauben, näher, wie Sie selber, trotzschlechter Besoldung" undfreier Kirchenverfassung".

0 Diez, 25. Februar. (Herr Bayer und die Geschworenen.) Der in der Nass. Allg. jüngst alS Dr. erwähnte Bayer meint, es könne gar nichts scha­den, daß die wegen deS Idsteiner Kongresses Angeklagten sämmtlich von den Geschornen wären freigesprochen wor­den. Denn nach solchen Vorgängen sei keine Gnade i mehr für daS Schwurgericht, und einStaatSgerichts- bof müsse je eher je lieber inS Leben treten. WaS solle eS auch mit Geschwornen, die blos ihr Nichtschul- diq ausgesprochen hätten, um daheim keine Prügel zu bekommen?

, Wir erwähnen diese Aeußerung deS sonst grade nicht berühmten Bayer, weil sich darin die Meinung noch I gar vieler anderen Herren aue-spricht, die sich daS ! V.lk ohne Zweifel schon lange gemerkt haben wird.

UebrigcnS wären wir doch gespannt, von Herrn

Bayer die Namen derjenigen Geschwornen zu erfahren, welche bloS aus Rücksicht für eine etwaige Prügel­suppe die Idsteiner Angeklagten freisprachen.

Herr Bayer, nur frisch heraus mit der Sprache!

-f-ff Caub, 24. Februar. Daß allgemeine Bru­derliebe und ächt christliche Theilnahme an dem Wehe unglücklicher Brüder noch nicht von der Erde ver­schwunden ist, davon geben die reichlich und vielseitig eingegangenen Beiträge für die armen Wafferbeschä- digten den sprechendsten Beweis. Das Hauptaugenmerk ist nun, wenn der edle Zweck der menschenfreundlichen Gaben erreicht werden soll, auf eine würdige Verthei- lung der milden Beiträge zu richten. Wenn auch im Allgemeinen in Folge des fast unglaublich hohen Was­serstandes das Elend in unserer Stadt nicht in so hohem Grade herrscht, wie dies in dem benachbarten Lorch der Fall sein soll; so haben gleichwohl viele un­serer Mitbürger einen namhaften Schaden an ihren Ländereien, Gebäulichken, Wintervorräthen u. dgl. er­litten, der namentlich für diejenigen um so fühlbarer wird, die erst durch den großen Brand im Herbst 1848 so schwer heimgesucht wurden, und wir dürfen wohl von der fürsorglichen Umsicht unserer Ortsbehörde er­warten, daß sie sich der einzelnen, nun zum andermal so stark heimgesuchten Familien helfend annehmen wird.

Kastel, 25. Febr. (Mainz. Z.) In der heutigen Sitzung des Gemeinderathes unserer Stadt stand die Erfurter Wachlangelegenheit auf der Tagesordnung. Ein Mitglied nahm das Wort, begründete die in der ohne Mitwirkung der Ständeversammlung erlassenen Wahlverordnung liegende Verfassungsverletzung, die fortwährende Gültigkeit des Frankfurter Reichswahl- gesctzes, die politischen und materiellen Nachtheile eines kleindeutschen Bundes, und gab darauf folgende Er­klärung ab:

In Erwägung, daß die deutsche Nationalver­sammlung am 27. Mär; 1849 für den künftigen Reichstag ein Wahlgesetz in letzter Lesung feststellte, welches am 12. April 1849 im Neichsgesetzesblatte erschien und dadurch auch für das Großherzogthum Hessen Gesetzeskraft erlangte;

In Erwägung, daß ein solches Gesetz nicht durch eine ministerielle Verordnung seine Geltung verlieren kann:

Aus diesen Grü nden

kann ich mich an den Wahlen für den kleindeutschen Erfurter Reichstag nicht betheiligen."

Dieser Erklärung schlossen sich die übrigen Gemeinde- räthe e i n st i m m i g an.

Wie gefällt dws Herrn Jaup? Es scheint, daß die Disziplinar-Strafordnung noch nicht die nöthige Furcht eingeflößt hat. Dabei möge aber Herr Jaup noch bedenken, daß der hiesige Stadtrath nicht aus lauter Demokraten besteht, daß vielmehr die Hälfte derselben zu der konstitutionellen Fahne schwört.

Köln, 24. Februar. (Westd. Ztg.) Heute vor zwei Jahren rief das französische Volk die Republik aus und heute verbietet die Kölner Polizei den Dreh­orgeln die Marseillaise.

Köln, 25. Fbr. (Wesid. Ztg.) Der 24. Februar ist dieses Mal in kleinern Privatkreisen gefeiert worden. Was man vom Rückgänge der demokratischen Bewegung auch fabelt, das Alles wird widerlegt durch die That­sache, daß Leute, die vor einem Jahre die Demokratie als ein Unglück an sahen, dies Mal mit Begeisterung anstimmten:Frisch auf zur Weise von Marseille!", und daß gerade Männer aus derbesitzenden" Klasse derNeuen ganzen Revolution" das Hoch ausbrachten. Avis a Msr. Manteuffel !

Münster, 22. Februar. (W.V.H.) Es verlautet aus guter Quelle, daß heute das Kreisgericht hierselbst I die Anklage gegen den Herrn Appellationsgerichts-Di­rektor Temme erörtert und für begründet erachtet hat.

angenehmste Weise die HvnneurS. Er war ein edler Italiener, obwohl daS Gerücht ging, er stamme ursprüng­lich auS einer der nördlichen Provinzen Oestreichs; allein wäre dies auch wahr, die Liebe einer Beatric hätte ja den verstecktesten Barbaren in kurzer Frist in einen Menschen und Italiener verwandeln müssen! ? fragte ich mich. Der Name erinnerte mich an eine alte flüchtige Bekanntschaft. War der Dottore derselbe, den ich in ihm vermuthete, so hatte er im Jahre 183* mit mir zugleich die Prager Hochschule besucht. Später hatte ich vernommen, baß er nach Venedig ging, um durch die milde Lagunenluft sein Brustleiden zu heilen, daß er dort blieb, beiratbete und seinen Namen ins Italienische übersetzte. y4* Haug ungefähr wie eine solche Ueber- tragung. Meine Neugierde war doppelt rege geworden und Mateo konnte auf ein Dutzend Paoli rechnen, denn ich beschloß nun, einige Tage zu bleiben.

Es ward mir nicht schwer, bei Signor T's. einge- führt zu werden. Ich ei kannte in dem Dottore augen­blicklich meinen Mann; er hatte eine jener Physiogno­mien , über welche ein Jahrzehnd weggleitet , ohne die leiseste Aenderung darauf hervorzubringen ; noch immer dieselbe kühle Vornehmheit und Geheimnißthuerei in den regelmäßigen Zügen deS blassen pockennarbigen Gesichts wie einst; ein schwacher röthlicher Backenbart war die einzige Neuerung an ihm, denn die Glatze, welche ihn jeyt angemessen kleidete, hatte ihm vor zehn Jahren schon

ein altkluges Ansehen gegeben. Er schien sich nicht gleich auf meine Person besinnen zu können, empfing mich jedoch überaus freundlich, nöthigte mich in den Lehnstuhl und ließ türkische Pfeifen bringen. Allmälig zeigte er ein sehr treue» Gedächtniß für die kleinsten Prager Begebenheiten auS dem Jahre 183*; am liebsten aber sprach der Dottore von seinem Advptiv-Vatcrlande und der behaglichen Existenz, die ihm da geworden. Einige Jahre glücklicher Praxis in den ersten Häusern Venedigs hatten ihn in den Stand gesetzt, fortan seiner Muse und den Wissenschaften zu leben. Beatrice war arm und stammte auS einer altehrbaren, aber so hcrab- gekommenen Familie, daß ihre Eltern selbst die erbliche Loge in derFenice" (Phönixtheater) aufzugeben ge­zwungen waren; und wer Venedig kennt, weiß, welche Entbehrungen der Venetianer sich auferlegt, nur um in die Fenice, dem einzigen und geliebten Nationalinstitut aus der Dogenzeit, mit ein paar großväterlichen Juwelen zu prangen. Der Dottore verschaffte ihnen die Loge zurück, er erzog sich ihr einziges Kind Beatrice und führte sie an den Altar, ehe ihr Herz ein anderes Gefühl als die Dankbarkeit kennen lernte. Beatricens Eltern waren vor dem AuSbruch der sicilianischen Revo­lution gestorben, und die Venetianerin hatte nun keinen andern Beschützer, als ihren Abälard. Er hielt eS für nothwendig, unmittelbar vor der venetianischen Bewegung, die er vvraussah, die Lagunenstadt zu verlassen, um die zartbesaitete Beatrice vor den stürmischen Aufregungen,

deren Schauplatz ihre Heimath werden mußte, zu be­wahren ; sie sollte daS zweifelhafte Schicksal ihrer Vater- ffadt aus einer friedlichen Ferne mit ansehen, wo er Hiobsbotschaften ihr leichter verhehlen und ihr Herz in hoffnungsvolle Traume wiegen konnte; denn sie war ein rechteskleines Freih itSwefen" und aufgelegt zu den gefährlichsten Schwärmereien. Es war natürlich, daß er wenig Lust hatte, sie eine Heroine werden zu lassen; allein auch andere persönliche Gründe bewogen ihn, während des politischen Erdbebens ein Wanderleben zu führen. Der freundschaftliche Fuß, auf dem er durch seine frühere Stellung als Arzt zu den angesehensten Patrioten Venedigs und zu den östreichischen Notabili­täten daselbst gestanden, zwang ihn neutral zu bleiben, wenn er die peinlichsten Conflicte vermeiden wollte; au­ßerdem besaß er wenig oder gar keinen Sinn für 's po­litische Treiben, und so tiefe Theilnahme ihm daS Schick­sal der Italiener einflößte, glaubte er doch nicht an den Erfolg ihrer Waffen und wünschte, ihre Erlösung auf friedlichem Wege gesichert zu sehen.

(Fortsetzung folgt.)]