Die orientalischen Wirren
Ser Aufstand in Cattara, die russische Besatzung in den Donausürstcnthümcrn und der plötzliche Schlag, den England gegen das kleine Griechenland führte, haben dem überraschten Europa gezeigt, daß die orientalische Frage in eine neue Krisis getreten ist, daß die elektrische Spannung so groß ist, daß jeden Augenblick der vernichtende Blitzstrahl sich entzünden kann. Dieser Blitzstrahl würde vor allen Dingen das türkische Reich zerschmettern. Die Pforte weiß sehr wohl, daß beim ersten Kanonenschuß gegen Constautinopel der Halbmond der Sophicukirche sich seinem Untere gang zuneigt. Das türkische Heer ist trotz seiner Starke von 350,000 Mann, namentlich was das Fußvolk betrifft, in trostloser Verfassung und größten- theils nur auf dem Papiere. Aber noch schlimmer! Die ganze slavische Bevölkerung in Bosnien, Dtüga- rien, in der Herzogewina wird sich mit demstlbm Signal erheben, nm dem Reich der Dsmanen den Todesstoß zn versetzen. Ihnen erscheint der Czaar als der Befreier vom Joche eines fremden Herrschergeschlechts, als StammcSgcnosse und Schutzherr einer freien, nationalen Selbstständigkeit, und den Rajas, den Christen der griechischen Kirche, als der Erretter und Schirmherr, als das geheiligte Oberhaupt ihres alten Glaubens. Daß Rußland auf diesen Erplosionsmomcnt mit gewaltiger Macht hindrängt, nachdem eS sich der blinden Abhängigkeit Oesterreichs durch blutige Handlangerdienste versichert hat, zeigen vor allen Dingen die Unruhen in Dalmatien und tu Montenegro; daß ihr Ursprung mit russischen Rubeln und mit russischen Sympathien zusammenhängt, zeigt die gleichzeitige Verstärkung der russischen Hccrcsmagcn in der Moldau und Wallachci, da in diesen Ländern nach dem Vertrag von Balta-Liman (1. Mai 1849) zwischen der Pforte und Rußland, wenn die Pazifikation vollendet sei, nur 10,000 Mann voss jeder Macht zurückgelassen werden sollten, bis die Länder eine neue Versagung erhalten. Aber der Traktat von Balta-Liman hat ja bereits Rußland eine Souveränität über die Donaufürstenthümer eingeräuint, die bis dahin ausschließlich der Pforte zustand. Rußland hatte früher nur das Recht, die Privilegien, welche ihnen die Pforte (hauptsächlich durch die Friedensschlüsse von Akierman 1826 und von Adrianopel 1829) bewilligt, vor jeder Verletzung zu schützen. ..Diese Privilegien bestanden darin, daß die Fürstenthümcr 1) ihre Fürsten oder Hospodare selbst wählten, 2) die Unabhängigkeit der Gesetzgebung und Verwaltung hatten und 3) die Unverletzlichkeit ihrer Territorien. Die Pforte hatte das Ehrenrecht, die Hospodare zu bestätigen, und dafür 3 Millionen Piaster jährlich als Tribut von beiden Ländern in die Tasche zu stecken.
Alle diese Verhältnisse hat der Vertrag von Balta- Liman umgkstoßcn. Die Fürstenthümer hatten die Selbstständigkeit der Gesetzgebung benutzt und sich eine konstitutionelle Verfassung gegeben; die Rügen mar* schirten ein im Interesse der Ruhe und Ordnung; in demselben Interesse blieben sie und zwangen der Türkei die Hoheit zur Hälfte ab, in demselben Interesse haben sie sich bis auf mindestens 60,000 Mann verstärkt, obgleich die Länder in tiefer Todesruhe liegen und sie also abmarichiren müßten. — Aber was ist ein Versprechen vor dem großen Czaren Nikolai! Die dummen Türken sind wirklich zum größten Theil abgezogen, der russische General denkt nicht daran. Im Gegentheil, er lacht den Muselmännern in den Bart und macht ihnen noch Vorwürfe, daß sie zu früh abgezogen, da die Verhältnisse noch nicht geordnet. —
Es ist kein Wunder, daß England diesen Vorgängen mit besorglichen Blicken zusieht. Die Pforte selbst ist zu klug, um zur Offensive überzugehen, es wäre ihr Selbstmord. So muß denn der britische Leoparde sich bereit halten zum Sprung auf die feindlichen Bewegungen der Riesenschlange, die in langsamen, siche
Am andern Abend kam Ler alte Mönch wieder, kniete am Bette nieder und begann Lie Gebete. Dann ließ man die Gefangenen heraustreten und führte sie vor das Zelt; sie erkannten Apostvli und da Alle ihn geliebt hatten, meinten alle über ihn. Sie begleiteten ihn auch zu seinem Grabe und als der Sarg eingesenkt war, breitete Constantin die Arme aus und sprach mit Würde zu den Gefangenen —
„Der, welcher hier ruhet, hat von mir, ehe er starb, Euere Freiheit erbeten. Hier ist Euer Schiff, das ich Euch zurückgebe, da das Meer, das offen vor Euch liegt, und da der Wind, der sich erhebt. Reiset ab, Ihr seid frei."
Das war die Gralr.de Apostolis.
Jeder machte seine Vorbereitungen zur Abreise. Die Waaren zwar hatten die Piraten an sich genommen, aber die Passagiere mißten sie unter dieser Bedingung gern, nnd der Capitain, der sein Schiff wieder erhalten hatte, begriff diese Großmuth eines Seeräuberchefs nicht. Ich selbst, ich gestehe eS, fing an, diesen Mann anders zu beurtheilen. Ich ging zu Fortunato nnd reichte ihm weinend die Hand. Es war für ihn nichts mehr zu fürchten, seine Wunde vernarbte und man brachte ihn noch denselben Abend auf die Feluke, die bald darauf sich entfernte.
Constantin erzählte mir seine Geschichte, die alte, aber immer neue von Männern, die durch eine Unge
ren Windungen ans dem Norden zum mittelländischen Meere herandringt und seinen Gestaden immer näher rückt. Schon die griechische Handelsmarine allein mit ihren leichten tiefgehenden Schiffen mit ihren 30,000 tüchtigen Seeleuten ist zu einem gefährlichen Conkurreuten Englands im schwarzen nnd im Mittelmeere herangewachsen. — Größere Schnelligkeit und größere Billigkeit der Frachten begünstigte die Griechen. — Eben so nachtheilig für den englischen Handel ist die österreichische Kaussartheiflotte mit ihren kühnen dalmatischen Matrosen. Sollte die russische Kriegsflotte die Dardanellen durchdringen, — und ein Land Heer kann die Durchfahrt binnen kürzester Zeit ertrotzen, — so würde sich der englischen Kriegsflagge gegenüber im Mittelmeer eine bedrohliche Seemacht entwickeln können. Dieses Interesse des englischen Handels und die Furcht vor einer kombinirten griechisch-österreichisch-russischen Flotte — haben England bestimmt, mit brutaler Gewaltthat Griechenland zu nöthigen, sich dein russischen Einfluß zu verschließen. —
DaS arme Griechenland ist vom Beginn seiner sog. Selbständigkeit der Spielball der europäischen Diplomatie gewesen; cs wurde später ausdrücklich unter die Vormundschaft seiner drei Schutzmächte, Rußland, Frankreich, und England gestellt. Als sie dem Lande einen deutschen Fürsten zum König aufgedrungen, ok- troyirten sie ihm zugleich ein Anleihe von 15 Millionen für den unvermeidlichen „Glanz" der neuen Krone; damals behielten sie sich mit dürren Worten den willkürlichen Eingriff in die inneren Verhältnisse Griechenlands vor; „insofern dieselben mit der griechischen Schuld in Verbindung stehen", war die diplomatische Wendung. Die griechische Schuld, deren Zinsen bereits unerschwingbar geworden sind, gab den Vorwand für die Intriguen der drei Mächte, womit sie, die Zustände des Staats verwirrend, ihrem eigenen Vortheil nachgingen. Dies blieb noch nach der Revolution von 1843; nur daß die Intriguen versteckter spielten und daß Rußland den Einfluß Englands, der unter der Regentschaft, während König Otto's Minderjährigkeit, vorwaltete, jetzt bei Hof und im Volk fast gänzlich verdrängt hat. — Das jetzige Ministerium, das diesem Einfluß blindlings dient, muß deshalb entfernt werden, daß ist der Plan Englands; — darum müssen ihm unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt werden ; man muß von ihm Zahlungen verlangen, die cs nicht leisten kann, Handlungen, die es entehren würden. Die Hand zur Versöhnung, znmNachgebcn, ist bereit, wenn ein englisch-gesinntes Ministerium an seine Stelle treten wird. —
Die orientalischen Wirren heißen Schach England! Schach Rußland! Schmach Oesterreich und Schmach — Frankreich! (MB. unter einem Louis Napoleon!) sHorn.j
DeutschLsKH.
-èi- Wiesbaden, 18. Februar. Bei dem Feste, welches zu Ehren der freigesprochenen Angeklagten des Idsteiner Eongresses am Tage der Freisprechung in den Vier Jahreszeiten dahier veranstaltet wurde, fchl- ten einige der Angeklagten, und zwar einige, weil sie ! schon in lhre Hcimath abgereist oder überhaupt verreist waren; Lang insbesondere deßwegen, weil er, nach- ' dem er bereits 15 Tage in aufregender und aufreiben- j der Thätigkeit im Assisensaale als Vertheidiger oder . als Angeklagter zugebracht hatte, unbedingt der Ruhe bedurfte, — und Oppermann: weil er einmal es für seine Pflicht halten mußte, an dem Abend der Feier unverzüglich einen Theil der stenographischen Berichte über Vie Verhandlungen des Prozesses zum Druck vorzubereiten, und ferner, weil er eine Versammlung, die voraussichtlich lange dauern würde, in jedem Falle aus Rücksichten der Gesundheit vermeiden mußte, nachdem ihm im Laufe der Prozeßverhanblnngen gar keine Erholung und selbst nur eine sehr spärliche Nachtruhe zu Theil geworden war.
rechtigkeit aus der Gesellschaft getrieben und mit ihr nur wieder in Berührung kommen, um den Menschen das Uebel zurückzugeben, das sie von ihnen erlitten haben. Constantin war ein Mainvt; seine Vorfahren gehörten zu jenen Wölfen Les Tapgetos, welche die Türke» nie bändigten und die endlich ruhig in ihren Bergen Hansen durften. Demetrius, sein Vater, hatte sich in eine junge Griechin verliebt, die ihren Eltern nach Cvnstan- tinopcl gefolgt war. Er hatte seine Geliebte begleitet und sich in Pera niedergelassen. Er erlebte da unter seinen Kindern glückliche Tage, bis eine Feuersbrunst in dem Hause eines Türken, unweit des (einigen aus- brach. Acht Tage darauf verbreiteten sich Gerüchte, die bei solchen Gelegenheiten immer entstehen ; man sagte, Griechen hätten die Wohnung eines ihrer Feinde angezündet und einst in Ler Nacht wurden alle Griechenhäuser von dem wüthenden Volke überfallen. Constantin vertheidigte sich mit Fortunato lange, entfloh aber, als er seinen Vater fallen sah und erreichte den Archipel wo er Seeräuber wurde, um sich an Len Türken zu rächen. Ich mußte schwören, nichts zu verrathen von dem was ich gesehen und gehört; die Seeräuber schwuren dagegen, mir die Freiheit zu geben, wenn ich sie verlangen würde und so gelangten wir an die Insel Zea, das alte Ceos.
Wir kamen in dem Hause des Seeräubers Constantin an mid ich bemerkte am Fenster eines -Pavillons meiner Wohnung gegenüber bald zwei Franengestalten,
Das sind die Thatsachen, welche das Nichterscheinen nicht nur entschuldigen, sondern sogar das Erscheinen selbst, nach allen Regeln der Vernunft, verbieten mußten. Gleichwohl haben sich einige Leute ein Geschäft daraus gemacht, auf dieses Nichterscheinen die sonderbarsten Anschuldigungen, ja Verdächtigungen zu gründen. Es ist sehr charakteristisch für diese Leute, daß sie die politische Gesinnung nach dem Besuch eines „Festmahles", wo man bekanntlich in großer Gefahrlosigkeit essen, reden und trinken kann, bemessen wollen; es ist aber perfid, daß diese Leute so frevelhaft leichtsinnig über die Mannesehre wegzuschreiten wagen.
Uns sind nicht wenige Dinge ganz gleichgültig, welche andern Menschen sehr wünschenswerth erscheinen: den Schild der Ehre werden wir aber stets gegen jede Beschmutzung, und bestehe sie nur in dem leisesten Hauche, mit aller Energie zu vertheidigen wissen.
Wir haben schon öfter die Erfahrung machen müssen, daß die Menschen mit den verläumdcrischen Zungen sehr unsichtbar werden, wenn Thaten verlangt werden. Wo werden die Verläumder sein, wenn es sich darum handelt, unter Gefahren für die Sache des Rechts und der Freiheit einzustehen, und wo, wenn die Trommel zum Streit ruft? Nous verrons!
□ Wiesbaden, 16. Februar. In unserem lieben Nassau regnet es ja mit Eisenbahnen vom Himmel herab! Kaum ist ein Projekt gehörig herausgestrichen und breit getreten, so folgt ihm ein anderes auf dem Fuße nach. Wir haben jetzt schon sechs Projekte und wer weiß, wie viele noch nachfolgen werden. Das ist ein gesegnetes Land für Eisenbahnen! Ich fürchte nur, vor lauter Projekten werden wir zu keiner Bahn gelangen. Nicht genug, daß jedes Städtchen eine Bahn für sich haben will, nein, jeder Hauöeigenthümer will sie auch noch vor sein Haus gelegt haben.
Wo soll man da anfangen, wo enden? Wie soll sich unsere Negierung anstellen, um es Jedem recht zu machen?
Da wollen die Einen außer ihren speziellen Inte» ressen (nämlich die Legung vor ihre Thüre), auch die allgemeinen Interessen gewahrt wissen und ihren nassauischen Patriotismus zu Tage bringen. Durch eine Lahnbahn sollen nämlich die Steinkohlen so wohlfeil geliefert werden, daß keine einzige Braunkohle mehr auf dem Westerwalde zu Tage gefördert werden könne, so daß die armen Leute dort nicht nur das Salz nicht mehr zu ihren Kartoffeln verdienen, (doch dieses Gewürz verdienen sie ja schon längst nicht mehr) sondern die Kartoffeln selbst nicht mehr sich zu erwerben vermögen.
Ferner sollen die Reisenden im Interesse des allgemeinen Verkehrs von Koblenz nach Frankfurt auf der Lahnbahn einen Umweg machen, der länger ist, als die Hälfte des allen Weges.
Diejenigen aber, welche die Eisenbahn längs deS Rheinufers hinführen wollen, haben vermuthlich die löbliche Absicht, das bischen Schifffahrt der Uferbewohner ganz zu vernichten, den Dampfschissen die Lokalfahrten wegzunehmen und die Dampfschissfahrtsgesell- schaften überhaupt zu ruiniren.
Noch Andere beabsichtigen von Frankfurt nach Dillenburg zu bauen und von da mit Umgehung Kölns direkt nach Arnheim zu fahren, um Arnheim zu einem Hafen von Frankfurt zu machen und Köln ein Schnippchen zu schlagen.
Lauter wohlmeinende Jutensionen.
Wir vermögen in der That keine so nützlichen Dinge für unsere Westerwäldcr-Wiesbadener Bahn ausfindig zu machen. Sie verletzt keine Interessen, fördert im Gegentheil den Bergbau, die Industrie und den Landbau, überhaupt den Wohlstand des ganzen Landes auf gleiche Weise. Den Bergbau und das Hüttenwesen, indem sie das billigste Brennmaterial durch Verführung der Braunkohlen liefert und dadurch ein größerer Verbrauch von Holzkohlen für die Hütten im Lande er-
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erfuhr auch, daß sie die Töchter Constantins waren, Stephan», tie größere und ältere, und Fatinitza. die jüngere und kleinere, hießen; aber Constantin erwähnte sie nie und ich hatte keine Gelegenheit, .sie zu sehen und meine große Neugierde zu befriedigen. Ich hörte blos, Laß die eine heirathen solle.
Eines Abends endlich trat Constantin in mein Zimmer und sagte mir ohne weitere Einleitung, eine seiner Töchter sei krank, und er werde mich Deßhalb den andern Tag zu ihr führen. Ich schloß diese Nacht kein Auge; zwanzig Mal stand ich auf, um an das Fenster zu treten und zu sehen, ob der Tag noch nicht erscheine. End- sich brach der ersehnte Morgen an. Ich machte schnell meine Toilette und nm acht Uhr kam Constantin, um mich abzuholen.
Ich folgte ihm mit ruhigem Gesichte, aber mit klopfendem Herzen über den Hof und eine mit türkischen Teppichen belegte Treppe hinauf, wo uns eine laue Luft voll Rosen- und Benzvcduft cntgcgenkam.
(Fortsetzung folgt.)
