Asstsenvcrhaudlnngen zu Wiesbaden.
Erster -Proceß. *)
Anklage gegen Wilhelm Schafer von Dombach, wegen ausgezeichneten Diebstahls.
(Schluß.)
$ Wiesbaden, 14. Januar. Wilhelm Schäfer von Dombach gebürtig, in Esch erzogen, schon früher wegen Diebstahls zweimal bestraft, einmal mit fünf Tagen Gefängniß das zweitemal mit 14 Jahr Cor- rectionshaus, ist angeklagt, am 20. Juni 1849 im jo- genannten Zollhause bei Mudershausen, Amts Nastätten, eingebrochen zu sein und daselbst mehreres Weißzeug und verschiedene Kleidungsstücke entwendet zu haben, sowie, daß er sich seit seiner Entlassung aus dem Cor- rcctionshause vagabundirend Herumgetrieben habe. Die Zeugenvcrhörc ergeben darüber Folgendes: Due Zigeunerin Kath. Kreuz mit ihrem 13jährigen Söhnchen hatte sich in Gesellschaft des Joseph Zahmer im Walde in der Nähe des Zollhauses nicdergelagert, und sich, um Kaffeekochen zu können, von der Bewohnerin des Zollhauses, der Wittwe Schneider, ein Tigelchen geliehen. Der Angeklagte Wilhelm Schäfer kam während dessen zu diesen Leuten, unterhielt sich einige Zeit mit ihnen, ging dann aber weiter, dem Zollhause zu. Der kleine Heinrich Kreuz trug hierauf im Auftrage seiner Mutter das geliehene Ti- gelcheu in die Nähe des Zollhauses, um es unter einem Korbe zu verbergen, wie es die Frau Schneider befohlen» hatte, die mit ihren beiden Töchtern ausgc- gangen war und das Haus verschlossen hatte. In der Nähe des Hauses angekommcn , bemerkte der ^Kleine ein Gepolter darinnen und sah zugleich durch's Fenster, wie ic. Schäfer am Wandschranke stand und die Taschen vollsteckte. Das Fenster stand auf und war theilweise zertrümmert, er schöpfte Verdacht und lief zurück, seine Leute mit heftigem Geschrei auf das Wahrgenoinmcne aufmerksam machend. Auf das Geschrei eilten diese und der in der Nähe beschäftigte Stcinhauermeisicr Gabb mit dreien seiner Gesellen, den Gebrüder» Möbus herbei. Diese sahen den :c. Schäfer entspringen, er kam ihnen jedoch eine Zeit lang aus dem Gesicht, bis sie seiner endlich, von einer anderen Seite ihm entgcgengchend, habhaft wurden. Er hatte während der Flucht, was Ph. Möbus deutlich wahrnahm, zwei Paar Strümpfe weggeworsen, die dieser auch au dem Orte wiederfand. Auf die Frage dieser Leute an re: Schäfer, warum er gestohlen habe ?c. erklärte derselbe, es sei dies nicht wahr, er sei betrunken und sei wegen allzugroßen Durstes blos in das Haus gegangen, um sich durch einen Trunk Bier oder Master zu laben, von einem Diebstahle wisse er nichts. Inzwischen hatte der kleine Kreuz den Bürgermeister Diefenbach von Mudershausen, der sich in der Nähe auf dem Felde befand, yerbtigernfen; dieser arretirte sofort den Gefangenen, der sich eine Zeitlang ganz bewußtlos, schlafend und betrunken stellte, ging darauf mit ihm in das Zollhaus , nm sich die Sache näher anzusehen und lieferte ihn dann unter Bedeckung nach Nastätten an das H. Justizamt ab. Der Angeklagte will jetzt von Allen: nichts wissen. Die Zeugenaussagen sind aber für ihn zu gravirend, als daß ihn das Leugnen etwas helfen könnte. Außerdem hatte er ein falsches Attestat von einem Bäckergesellen bei sich, was er gefunden, seinen Zwangspaß aber verloren haben will. Kurz wir sehen in dem Angeklagten, einem noch jungen Menschen von 20 Jahren und sonst ganz angenehmem Aeußeren, einen durchaus verschmitzten Vagabunden.
Hatte der Staatsanwalt zur Begründung seiner Anklage kein sehr schwieriges Feld, da die Thatsachen zu deutlich vorlagen, so daß sie näher zu beleuchten
*) Der Geschworene Joh. Bender ist nicht von Delkenheim, wie cs im ersten Berichte irrthümlich heißt, sondern von Schwickershausen.
eigentlich gar nicht nöthig gewesen wäre, so hatte um so mehr der Vertheidiger des Angeklagten, Herr Prokurator von Eck, eine undankbare Aufgabe, denn im Grunde genommen war bei diesem Falle, außer einigen Schwächen in den Zeugenaussagen, gar nichts zu vertheidigen. Die Geschworenen erkannten auch sehr bald das „Schuldig", worauf der Gerichtshof, bestehend aus den Herren Hofgerichtsräthen Forst, als Stellvertreter des Präsidenten, von Bierbrauer und Stahl, Justizamtmam: Dilthey niw Justizamtsverwalter Cramer, dem Anträge des Staatsanwaltes gemäß und die Strafmilderungspersuche des Vertheidigers unberücksichtigt lastend, den Angeklagten zu einer Correktionshausstrafevon drei Jahren, vierteljährig wiederkehrender vierzehutägiger Einzelhaft bei Wasser und Brod und in die Kosten, 133 fl. ohne die weiter entstandenen betragend, vcrur- theilte, sowie die Rückgabe der gestohlenen Effekten verfügte. Der Verurtheilte blieb kalt und unbewegt ob des Urtheilsspruchs; er war gleichgültig wie vorher.
Im Ganzen genommen verlief die Verhandlung in recht würdiger Haltung, einige Zwischenfälle abgerechnet, in welchen der Präsident seine Funktionen theil- weise vergessen hatte. Man sah deutlich, daß er das erstemal präsivirte, weshalb solche kleine Fehler auch sehr zu entschuldigen sind.
Deutschland»
Rudolstadt, 9. Januar. Die Regierung soll jetzt ernstlich mit der Absicht umgehen, unser Militär den: preußischen einzuverleibcn.
Braunschweig, 10. Januar. Leider hat sich in der letzten Zeit ein bisher unbekanntes Denunziationswesen bei uns eingeschlichen. Dasselbe richtet seine heimlicheTpätigkett zunächst gegen Beamte, welche sich der Volksparte: angeschlossen und an dem öffentlichen Wirken derselben Tyeil genommen haben. In Folge offizieller Verwarnungen haben deshalb mehrere Angestellte von dem besonders mißliebigen Volksvereine sich zurückziehen müssen; andere sind von hier versetzt, wieder andere sind geradezu in Disziplinaruntersuchungen verwickelt worden. Natürlich wird dadurch nichts erreicht, als die Beförderung des politischen Jesuttismus und der VersteUungokunft, — ein heimlich nagendes Mißtrauen zwischen Bürger und Bürger und ein wachsender Groll der Parteien. (Nat.-Ztg.)
Hannaver, 12. Januar. Gestern Abend hat auch die erste Kammer den Windthorst'schcn Antrag ai:ge- nammen. (Nat Z.)
Breslau, 9. Jan. (N.Od^-Z.) fEine Haushälterin bedingt die politische L>elbstständigkeitZ Der Begriff der politischen Selbstständigkeit hat der hiesigen Commission zur Entwerfung und Prüfung der Wählerlisten viele Schwierigkeit gemacht. Man schien sich endlich darüber zu einigen, daß als „selbstständig" im Sinne des Wahlgesetzes nur diejenigen zu betrachten seien, welche verheirathet wären und einen eigenen Hausstand hätten. „Ja, sagte ein unverheiratheter Stadtrath, da bin ich ja auch nicht selbstständig und verliere mein Wahlrecht." „„Aber, Sie haben doch eine Haushälterin?"" — wurde ihm entgegnet. Und in der That — die Haushälterin rettete das Wahlrecht. Natürlich ist später eine solche Beschränkung des Begriffes „Selbstständigkeit" zurückgenommen worden. Es wäre in der That spaßhaft, wenn Männer, welche jährlich mehrere Tausend Thaler Einnahme haben, deßhalb das Wahlrecht verlieren sollten — weil sie zufällig Mittags im Gasthofe speisen. — Der äußerst zahlreichen Reklamationen wegen mußten früher mehrere Hülfsarbeiter beschäftigt werden; bei den jetzigen Wahlen kommen gar keine oder nur sehr wenige Reklamationen vor — auch ein Beweis der negativen Begeisterung für die Erfurter Wahlen.
Licgnitz, 7. Jan. (So ändern sich die Zeiten.) Als im Jahre 1848 am letzten Oktober eine Brigade Militär hier eingezogen war, um das verschrieene Katzbach- Babylon für seinen demokratischen Frevel nöthigeufalls mit Bajonetten und Spitzkugeln zu züchtigen und die gesetzliche Freiheit an einem Orte zu begründen, dessen Name sonst einen so guten Klang gehabt hatte, da stieß der friedliche, harmlose Bürger alle Augenblicke in seiner Wohnung und außer derselben auf ungesetzliche Unfreiheiten; die stets vorhanden gewesene Ordnung ging in ein Chaos von seltsamen Erscheinungen über, und die Wohlfahrt bestand für die Meisten darin, daß sie sich glücklich preisen konnten, bei manchem Zusammenstöße mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Empörende Anfälle auf mißliebige resp, verleumdete Personen kamen häufig auf der Straße und in den Häusern vor, und sogar gute Bürger, die um diesen Prätorianer-Schutz petitionier hatten, trugen verschiedene Verwundungen davon. — Soldatenprügeleien gehörten zur Tagesordnung, und an all diesem Spektakel, an diessem betrübenden Unwesen sollten nach der Interpretation gewisser Leute einzig und allein nur die Demokraten schuld fein. Diese Deutung ist aber im Laufe der Zeit schmählich auf den Sano gerannt. Die Soldaten, selbst die Fünfer, haben kinsehen gelernt, daß die Demokraten keine Menschenfresser, keine Gottesleugner find, sondern daß sie nur Rechte zu erstreben suchen, auf die sie volle und durchaus gültige Ansprüche zu machen haben, und an deren Erreichung auch der Soldat sein gutes Theil habe. Die Fünfer von jetzt und die Fünfer von 184& bis hinein nach 49 scheine» fast nicht ein und dieselben Mensche» zu sein, und doch sind es bis auf einige Rekruten ein und dieselben Personen, nur mit andern Gesinnungen, mit andern Ansichten. Sie verkehren meist friedlich und freundlich mit den Bürgern. Von Zank und Schlägereien hört man nur selten, und wenn solche einmal vorkommen, so sind sie durchaus von keinem politischen Charakter. So ändern sich mit der Zeit die Dinge, und wir hielten uns deßhalb für verpflichtet, in Bezug auf Liegnitz über die Wandelung dieser Verhältnisse der Oeffentlichkeit einen kleinen Abriß zu übergeben. (N.O.-Z.)
Aus Königsberg i. Pr. geht uns folgende interessante Privatmitthetlunglzu:
26. December entstand in einem Hause auf der Lang-Gasse Feuer. In demselben wohnte ein sehr achtbarer Wirth, Besitzer der Deutschen National-Halle, die nur von Demokraten besucht wurde. Diese ist bei Gelegenheit des Feuers von den Prcußen-Vereinern auf eine schauderhafte Weise zerstört und geplün- dert worden , ohne daß die Behörde sich zum zeitigen ernstlichen Einschreiten bewogen gefühlt hätte. Es wurde beim Retten mit einer Brutalität zu Werke gegangen, wie es früher hier nie vorgekommen. Die Menge fand beim Eindringen in die Räume der Halle Wein, Bier und Schnaps in Fülle vor^ worüber gleich hergefallen wurde, so daß von den Getränken nicht das Mindeste übrig blieb und sich die Gemüther aufs Schrecklichste erhitzten. Schränke und Comoden wurden gewaltsamer Weise erbrochen , ihres Inhalts beraubt und es war nicht möglich dem Unwesen zu steuern, da es an Schutz von Seiten der Behörden Anfangs ganz und gar fehlte.
Ganz abgesehen von der politischen Seite dieses Vorfalles, hören wir, daß solche Zustände auch anderweitig sehr bedauerliche Folgen haben könnten. Die inländischen und für den Preußischen Staat concessio- nirten Feuer-Bersicherungs-Gescllschaften sollen für das Versicherungs-Geschäft in Ostpreußen überhaupt nicht sehr günstig gestimmt sein und demselben so viel Schwierigkeiten entgegensetzen, daß diese in Folge von Bejchwcrdcn wiederholt Gegenstand ministerieller Ve^ Handlungen geworden sind. Wenn aber die Feuer- Versicherungs-Gesellschaften zu allen übrigen trüben Erfahrungen, die sie in Ostpreußen gemacht, solchen
daß ich die Ursache zu wissen wünsche, wenn Sie wirklich eine haben."
— „Ich habe eine."
„Und welche "
— „Nun, Herr Doktor," sagte der junge Mann mit der schneidendsten Kälte, „wenn Sie in der Zeit der Ferien, die ich auf meinem Schlosse Newstead zubringe, in meine Nähe kämen, würde ich Sie sicherlich nicht zu Tische laden; ich kann demnach eine Artigkeit von Ihnen nicht aunehmcn, welche ich nicht geneigt bin zu erwiedern."
„Ich muß Sie daraufaufmerksam machen, Mylord," entgegnete der Rektor zornglühend, „daß Sie nicht in der Schule bleiben können, wenn Sie in dieser Weise fortfahren."
— „Und ich will Ihnen anzeigen, daß ich morgen die Schule verlasse und nach Cambridge gehe. Hier der Brief von meiner Mutter, worin sie Ihnen diese Bestimmung meldet."
Er reichte ihm dabei den Brief hin, ohne näher zu treten.
— „Kommen Sie nur her, Mylord, man weiß es schon, daß Sie hinken."
Die Reihe war an dem jungen Manne, sich verletzt zu fühlen; statt aber zu erröthen wie der Professor, wurde er entsetzlich bleich.
„Wenn ich auch hinke," antwortete der junge Peer, indem er den Brief in der Hand zerdrückte, „so werden
Sie mir doch schwerlich Nachkommen. James," rief er einem Bedienten in Livree zu, der wahrscheinlich den Brief gebracht hatte, „las; meine Pferde sattle», wir brechen auf."
Er warf drmit die Thüre zu, ohne weiter von dem Doktor Abschied zu nehmen, der mir darauf sagte, ich möge mich in meine Classe begeben und mir das Beispiel des jungen Menschen, der> sich eben entfernt, zur Warnung dienen lassen.
Auf dem Hofe trafen wir den jungen Mann wieder, umringt von seinen Schulkameraden, von denen er Abschied nahm. Der Reitknecht saß schon auf dem Pferde und hielt ein "zweites am Zügel. Der junge Lord schwang sich behend in den Sattel, grüßte noch mit der Hand und jagte im Galopp davon.
„Frage doch, wie er heißt," sagte ich zu Tom.
Tom ging zu einem Schüler, sprach mit demselben und meldete mir dann: „er heißt Georg Noel Gordon Byron."
Ich kam also an dem Tage nach Harrow, als Lord Byron die Schule verließ.
Am nächsten Tage kehrte Tom nach Williams-House zurück und ich war nun im Leben zum erstenmale allein mir selbst überlassen. Ich gestehe es gern, daß ich im Stille» viele Thränen vergoß, bis ein für sein Alter sehr ernster Schüler von etwa fünfzehn Jahren sich meiner annahm, mich beruhigte und mir sagte: „der Sohn eines so tapferen Seemanns wie Sir Eduard
Da ys darf nicht weinen. Fasse Muth und wenn einer Streit mit Dir sucht, wenn Du meiner bedarfst, so denke an mich, ich heiße Robert Peel."
Ich bedurfte die Hisse des jungen Freundes bald, denn einer der jünger« Schüler wollte mich tyrannisiren, mich zu seinem Diener erniedrigen und mißhandelte mich, als ich mich mit aller Kraft sträubte. Ich fühlte mich schwer beleidiget und griff zuerst nach meinen Pistolen, da ich von meinem Vater immer gehört hatte, eine solche Beleidigung könne nur durch Blut abgewaschen werden. Mit den Pistolen, mit Pulver und Kugeln ging ich zu Robert Peel, dem ich erzählte, wie es mir ergangen sei und den ich um seine Hilfe bat. Er sah mich mit großen Augen an, als er die Waffen in meiner Hand erblickte und ich mußte ihm zuerst erzählen, daß und wie ich Unterricht im Schießen gehabt habe.
„Würdest Du die Wetterfahne dort treffen?" fragte Peel indem er ein Fenster in einem Fenster aufriß und mir einen Drachenkopf in der Entfernung von etwa 25 Schritten zeigte.
— „Ich glaube es," antwortete ich.
„Laß sehen."
Ich lud eines meiner Pistolen, zielte scharf und die Kugel saß in dem Kopfe des Drachen.
(Fortsetzung folgt.)
