Deutschland.
* Wiesbaden, 8. Januar. Wir erfahren soeben, daß am letzten Sonntag in keinem Distrikt der Stadt eine gültige Wahl der Ausschußmitglieder zu Stande gekommen sei. — In dem sogen. Geheimcrathsviertcl fanden sich ebenfalls nicht % der Wähler ein, und trotzdem entschloß man sich, die Wahlen zu bewerkstelligen, welche bei dieser Gestalt der Sache auf Gültigkeit keinen Anspruch machen konnten. — Dieß zur Berichtigung des Artikels B. Wiesbaden in der gestrigen Nummer.
□ Amt Nassau. (Ehre dem, dem Ehre gc- b ü v r t.) Es wurde in diesem Blatte unlängst die Klage erhoben, manche Schulinspektoren hätten sich bei Bertheilung der 10,000 fl von sehr sonderbaren Beweggründen leiten lassen. Einige Geschmeidigkeit deS Rückens sei bei diesen hinreichend gewesen, Lehrern eine Remuneration zu sichern. Ich gebe dieses sehr gerne zu, wie auch außer allem Zweifel steht, daß mancher harte Thaler in die Tasche hohlköpfiger Com- plimcntcnmachcr wanderte, während tüchtige und um das Wohl der Schule verdiente Lehrer vergebliche Hoffnungen nährten.
Doch nicht alle Schulinspectoren ließen sich durch so niedere Beweggründe bei Festsetzung der Remunerationen bestimmen. Eine rühmliche Ausnahme machte unter Anderen der Herz. Schulinspektor, Herr Pfarrer Görner in Arnstein, was aus der einfachen Thatsache hervorgeht, daß nicht einige Lehrer seiner Inspektion, sondern alle mit Remunerationen bedacht wurden. Gewiß sind unter diesen Lehrern auch solche, welche sich nicht der Virtuosität im Krümmen des Rückens rühmen dürften. Möchten alle Schuliuspek- toren deßgleichen thun! Despotie erzeugt zwar Furcht, aber nie und nimmer Liebe, ohne welche alles Thun und Treiben nur grabesfrostig bleibt!
Frankfurt, 6. Januar. So ist denn die Mehrheit unserer republikanischen Bürger auf den Standpunkt der preußischen Opposition herabgesunken — sie wird sich deS Wahlens enthalten. Kein Anhänger der Verfassung, kein Wähler der Mehrheit der Constituante wird zu dem verrosteten Klassenwahlgesetze zurückgreifen, nach welchem der auferstandene gesetzgebende Körper berufen soll. Es wird dem patriotischen Verein, nachdem er den Sturz der neuen Verfassung bewirkt hat, übrig bleiben, die alte zu „rcvidiren", d. h. unverändert zu erhalt, n. Seine Vorstände haben beschlossen, jetzt, nachdem das Ziel erreicht, Nichts weiter zu thun. Vorgestern Abend wurden Vertrauensmänner ernannt, welche die künftigen Gesetzgeber de- signiren sollen. Es wird denselben leicht werden, ihre Kandidaten durch die Wahl zu bringen, da kein Demokrat sich an' derselben betheiligt. Bald wird der Sieg des „ächten Constitutionalismus" in Deutschland sich'allgemein darin offenbaren, daß die Mehrheit der Bürger überall auf ihre konstitutionellen Rechte verzichtet! Die Mehrheit der aufgelösten Constituante wird sich mit einem energischen Proteste an den Senat, mit einer Ansprache ans Volk wenden. Andere Waffen bleiben ihr nicht übrig. (M. Z.)
Berlin, 2. Jan. (Z. f. Nordd) Der erste Schritt des Interims hat unserer Reaction viele Freude gemacht. Er ist gegen Würtemberg gerichtet, er schützt ein mittelalterliches Privilegium, er zeigt, daß, wenn auch kein Kaijer, doch eine Oberherrlichkeit wieder in Frankfurt sitzt, und welch' ein Fortschritt! Diese Oberherrlichkeit wird jetzt von den beiden Großmächten allein ausgeübt. Man erzählt sich, daß in hohen Kreisen während der letzten Tage viel davon die Rede gewesen sei, daß diese neue Konstituirung der Bundesgewalt jedenfalls die Grundlage für Erfüllung des Bundesbeschlusses vom 10. März 1848 bilde, nach welchem die Revision der Bundesverfassung auf wahrhaft zeitgemäßer und nationaler Grundlage verheißen wurde. — Diese zeitgemäße Revision besteht nun darin,
daß Oesterreich und Preußen keinen Widerspruch der kleineren Staaten im Plenum mehr zu besorgen haben, daß diese kleineren Staaten sich durch ihre Abgesauvten bei der hohen österreichisch-preußischen Bundeskommift sion vertreten lassen, und daß diese hohe Bundcskom- mission die verheißene deutsche Einheit so versteht, daß sic einträchtig die Bundesgewalt ausübt, für Recht nach Außen und Innen sorgt, damit Jever dein Kaiser gebe, was des Kaisers ist, und den kleinen Souveränen das Leben von Wühlern und Demokraten nicht sauer gemacht werde. Man gedenkt Erfurts mit einem diplomatischen Lächeln. Es ist die letzte Zuflucht des veut- schcn Professors, der dort alle seine Schmerzen heilen mit» vie Siegespalme den Diplomaten wieder aus der Hand winden will; aber diese wissen besser, daß cs dort nichts gibt, als den Schluß eines Schauspiels, das eigentlich schon sein Ende erreicht hat. Man gebraucht nur noch einige drastische Scenen, um sagen zu können: wir haben versucht, was möglich war; jetzt bleibt nichts übrig, als die am 10. März verheißene Bunvesrevision auf wahrhaft zeitgemäßer und nationaler Grundlage. Diese Grundlage ist durch das Interim geschahen , sie darf nur weiter auegebildet werden, diese Ausbildung übernehmen wir. Dies Ende prophczeiht man mit triftigen Gründen der deutschen Revolution, die das deutsche Volk zu einem freien und großen Volke machen sollte. Der 10. März 1848 wird die Grundlage des neuen Fürstenbundes werden, und Alles, was dazwischen liegt, bis auf Einsetzung des Interims, wird auSgestrichen werden. Sa laßt es sich auch erklären, daß die Vermehrung der österreichischen Truppen an der sächsischen Grenze hier nicht die geringste Besorgniß erregt. Ein Krieg mit Oesterreich gehört zu den Unmöglichkeiten; der Geist des Heeres macht ihn dazu. Preußen müßte für die Freiheit Deutschlands das Schwert ziehen, cs müßte darauf gefaßt sein, nicht allein mit Oesterreich , sondern auch mit Bayern, mit Rußland und Dänemark den Kampf zu beginnen, und cs könnte keine Hoffnung zum Siegen haben, als wenn es die Begeisterung des Volkes aufweckte, die deutsche Jugend unter seine Fahnen sammelte und an der Spitze der Zcitidcen ein neues freies Deutschland proklamirte.
Berlin, 4. Januar. Ueber den gestern in Bellevue abgehalteucn Minigerrath, dem auch der König beiwohnte, verlautet noch nichts. In Betreff der un- mer wieder anftauchcnden Gerüchte über eine Minister- knsiö sagt heute die Spener'sche Zeitung: Die während der Weihnachtstage im Anzuge gewesene Mini- sterkrisis ist, wie wir schon neulich sagten, glücklicherweise an der Festigkeit des jetzigen Kabmets gescheitert, indessen sind der Fragen von der allgemeinen deutschen bis zu der geringsten des Ablösungsgeses, so viele, die eine ernste Verwickelung drohen, daß wir erst die nächsten Tage erwarten müssen, ehe wir eine sichere Erwartung für die Zukunft auszusprechen wagen dürfen." Dieselbe Zeitung berichtet ferner: „Der Gedanke an die Creirung einer erblichen Pairie als Theil der gesetzgebenden Gewalt scheint in hohen Kreisen immer mehr Boden zu gewinnen, und es werden den Kammern bei ihrem Wicderzusammentritt behufs der Zusammensetzung der ersten Kammer die nöthigen Vorlagen gemacht werden. Man spricht zunächst von einer Creirung von 60 Pairs des Reichs."
In militärischen Kreisen unterhält man sich sehr ernstlich von einer bevorstehenden Mobilisirung der Garden. Verschiedene Vorkehrungen und Anordnungen lassen schließen, daß man auf einen bei Beginn des Frühjahrs möglichen Kampf sich vorbereiten zu müssen glaubt. (E. BI
Posen, 3. Jan. Gestern Abend haben die Soldaten hiesiger Garnison sich untereinander so gehauen, daß bereits Einer gestorben ist.
Hamburg, 3 Januar. An diversen Punkten de Stadt und auch in der Vorstadt St. Pauli haben gestern Abend wiederum Soldaten-KrawaUc stattgefun- den. Die preuß- Militärs scheinen dabei am übelsten weggekommen zu sein, da sich mehrfach das Hamburger Publikum der attakirten „Hanseaten" thatkräftig anzunehmen nicht umhin konnte. Wir hören von verschiedenen Verwundungen. (Wes. Z.)
Die „N. Fr. Pr." sagt über diesen Vorfall: „Seit dem Unglückstage, dem 13. August, der Hamburg mit einer preußischen Garnison beglückte, haben die Hamburgischen Soldaten jeden Umgang mit den Preußen sowohl in Wirthshäusern, als auf der Straße anstän-- dig vermieden —; nur zwischen den beiderseitigen Of- fizierkskorps schien ein Einvernehmen wenigstens formell zu herrschen. — Die preußischen Soldaten, welche es nicht zu begreifen schienen, daß zur Liebe Niemand gezwungen werden könne, berührte diese Zurückhaltung der Hamburger unangenehm und so konnte eS nicht ausbleiben, daß zuerst inx Tanzlokalen kleine Kollisionen entstanden, die ihre direkten Ursachen größtentheis darin hatten, daß Hamburgische Tänzerinnen keine preußische sein wollten. Da sich nun preußische Soldaten sehr anmaßend und beleidigend benahmen, so wurden dieselben häufig von bürgerlichen Personen mit Gewalt hinausbegleitet, wobei der Weg durch die Thür nicht immer als kcr nächste betrachtet worden ist. Von diesen Skanvalen haben sich die Hamburgischen Soldaten so ferne wie möglich zu halten gesucht; ja, Hamburgische .Patrouillen haben stets die'einzelnen verfolgten preußischen öoloaten in Schutz genommen.
Nachdem aber seit dem letzten Weihnachtsfeste all- abcndftch Hamburgische Soldaten von preußischen auf der Straße überfallen und mit Säbeln theilweise schwer verwundet worden sind, kam es vor, daß auch preußische Soldaten verwundet wurden und zwar gewöhnlich mit ihren eigenen Säbeln, welche ihnen von den angegriffenen Soldaten und hinzugekommenen Hamburgischen Bürgern entwunden worden. Am Syl- Vesterabend kam es nun ebenfalls zu blutigen Konflikten zwischen Nachtwächtern und Polizeibeamten einerseits unv Preußen andererseits, indem die letztem zur Feier des Tages durch Schießen auf der Straße und aus den Fenstern ihrer kriegerischen Laune eine sehr anarchische Richtung gaben. Dieser Skandal mußte selbst die ruhigsten Bürger erbittern, und als nun endlich gar die Preußen sich am gestrigen Abend in Trupps von 10 bis 30 Mann über die ganze Stadt vertheilt hatten, um einzelne Hamburgische Soldaten aufzufangen und zu mißhandeln, sammelten sich große Volksmassen, die im Verein mit den angegriffenen Soldaten den Preußen Gleiches mit Gleichem vergalten. —
Da diese blutigen Szenen sich nicht von heute und gestern datiren, so mußte das preußische Oberkommando entschiedene Maßregeln zur Verhinderung derselben ergreifen, was bis diesen Morgen nicht geschehen war. Somit ist das im Publikum zirkulirende Gerücht von einer demnächstigen Verlegung des Hamburger Kontingents mehr begründet, als früher, obgleich es sich rechtlich nur um eine Verlegung der jetzt in Hamburg stationirten preußischen Truppen handeln kann. Die Zukunft, welche uns die Machinationen einer bekannten Partei entschleiern wirv, läßt uns vielleicht auch erfahren, weßhalb gegen die von den Preußen mit Gewalt hervorgerufenen Erzesse keine entschiedene Vorsichtsmaßregeln getroffen sind.
Hamburg, 3. Januar. Zahlreiche Geschäftsbriefe aus London bestätigen, daß Unterhandlungen zwischen den Kabineten von England und Rußland stattfinden, welche nichts Geringeres bezwecken, als einen sehr umfassenden Handelsvertrag zwischen beiden Ländern abzuschließen. Der russische Minister Baron v. Brunner in London hat zu diesem Zweck sehr häufig Con- ferenzen mit Lord John Russel, obgleich die eigentlichen Unterhandlungen in Petersburg gepflogen werden;
Crimrerung an Vilagos. .
Bei Arad erhebt sich das Menescher Gebirge, das Gebirge, das sich bis nach Siebenbürgen hin erstreckt. Auf dem Gipfel des höchsten Berges jener Kette, zwei Meilen von Arad, liegen die Ruinen der Feste Vilagos. die durch die Kalbastrophe vom 13. August eine Berühmtheit erlangt hat. Der wallachische Flecken Vilagos, liegt am Fuße des Berges. Hier streckten 30,000 ungarische Krieger die Waffen. Dem „Lloyd" geht aus der Feder eines Mitglieds des Armeecorps ein Bericht über dies Ereigniß zu; der Verfasser hat sich seitdem bekehrt. Wir stellen aus dem Vorliegenden das Thatsächliche zusammen.
Die heiße Sonne des 13. August beleuchtete mit ihren scheidenden Strahlen die düsteren und stummen Reihen des JnsurgentenheereS, das auf beiden Seiten der Landstraße vor SzöllvS in dichten Collonnen aufge- stellt war. Im traurigen Gespräche standen Gruppen von Offizieren vor ihren Bataillonen. Stabsoffiziere in glänzender Uniform ritten auf und ab, hie und da ein tröstendes Wort an die Verzweifelnden richtend; die sonst den Magyaren so eigenthümliche geräuschvolle Lustigkeit hatte einem tiefen niederdrückenden Schmerze Platz gemacht. „So weit mußte es mit uns kommen", hörte man von allen Seiten schmerzvoll ansrufen. Flüche,
wie sie nur dem Magyaren in seinem Unglück zu Ge- ! böte stehen, hallten dumpf anS den geschloßenen 9tiil)cn. i I Wohin man blickte, Trauer und Verzweiflung! Es schien
als befände man sich auf einem großen Leicbenfelde.
I Hier sah man die wilden Gestalten des Prinz von I Prenßcn-RegimcntS, ebenso brave Soldaten im Krieg als I undisciplinirt im Frieden, die zusammengeschmolzenen I Bataillone Alexander, Schwarzenberg, Franz Karl, Don Miguel, Wasa. Wenige von denen, die die Fahne deS Kaisers verlassen hatten, waren hier um die Siege des rächenden Doppeladlers zu sehen. Auf den blutigen Schlachtfeldern Oberungarns, an den Ufern der Donau und der Waag, hatten die meisten den Tod gefunden , denn geschont wurden sie nicht. Als der Kern der Görgcy'schen Armee mußten sie jeden ersten Anstoß aushalten, jeden schweren Kampf bestehen. Wie in jedem heißen Kampfe, so auch hier, schlossen sich an sie die beiden Rivalen an Tapferkeit, die „Schvoßkinder" Dam- janichs und Földvary's, daS dritte und neunte Honved- Bataillon. Diese, die sogenannten Rothkäppler, bildeten die Elite der Honved. Sie verstauben nur das eine Commando: „Elöre" .(Vorwärts), und ihr wilder Schlachtruf: „Eljen amagyar" , den sie nm lustigsten im dichten Pulverdampf ertönen ließen, brachte öfters Schrecken und Verwirrung hervor. „Drittes und neuntes Bataillon Elöre", hieß es, wo Gefährliches auszu- ; führen war, Der dritte Theil, die Hälfte fiel, aber die ; Aufgabe war gelöst. }
Die Husaren lehnten an ihren mageren abgejagten - Pferden, schienen mit ihnen eine letzte stumme Zwiesprache zu halten und den letzten Abschied zu nehmen. „Ich muß dich verlassen und zu Fuße gehen, wie ein Hund," murrten sie ihrem treuen Gefährten ins Ohr. Dem größten Theil aber schien dies ein Unglück daS ihm daS Herz brechen würde. Lieber setzt er sich den größten Gefahren auS. Er wirft feinen Stolz ven bcschnürten Dolmany, von sich und, entpuppt von der militärischen Hülle, schnallt er auch den Sattel von seinem Pferd und jagt im Gallvpp davon, um wieder das zu werden, was er früher war: der wilde Csikos der endlosen Pußta. Hier war das tapfere Regiment der Ferdinand-Husaren, den alten Wehrwolf ihren Obersten an der Spitze. Er war es, der bei dem Kriegsrathe zu Vilagos am heftigsten gegen die Waffenniederlegung sprach. Als er überstimmt wurde, warf er zürnend seinen gewichtigen Säbel klirrend vor die Füße Görgey's, daß der Saal erdröhnte. In den finstern Mauern Arads mag er wohl auch das geahnte fürchterliche Schicksal trauernd erwarten.
Etwas abseits von der Landstraße führte eine steinerne Brücke über ein kleines Gebirgswasser, das, sich rauschend über die Räder stürzend, in die umliegenden Wiesen verliert. Der geräumige Hof dieser Mühle war in diesem Augenblick vollgepfropft mit allen Arten von Fuhrwerken. In buntem Gemisch jtanden hier brüderlich neben ; einander die prächtige vierspännige Kalesche des Ministers i und der abgejagte Einspänner der Maketenderin; der
