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JK 231. Wiesbaden. Sonntag, 21. Oktober lM$k

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D.T. Einige'BemerktMgen über die ersten Asstsenverhandluugeu zu Wiesbaden.

(Schluß.):

Wie Geschwornen haben — zur Zeit, da ich dieses schreibe — über vier Verbrechen geurtheilt und ihre Aussprüche sind gewiß im Allgemeinen den Verbrechen, wie sie sich durch Anklage, Zeugen und Vertheidigung zuletzt herausgestellt haben, vollkommen augemessen. Wohl mochten Manche, und namentlich Juristen, im ersten Falle ein schärferes Urtheil erwartet haben; allein wer den Verhandlungen aufmerksam gefolgt ist, wird den Ausspruch der Geschwornen billigen müssen. Zugleich läßt sich nicht verkennen, daß die meisterhafte Vertheidigung durch dcu Prokurator l^r. Großmann nicht wenig dazu beigeträgen hat, daß sich die Ange­klagten von der absichtlichen Tödtung freigesprochen sahen.

In Betreff des Mordversuchs auf den Frühmesser Schraub dagegen, erwarteten Viele ein gelinderes Urtheil, indem sie das Ganze nur als einen Erceß zu betrachten geneigt waren; aber auch hierin stimmen gewiß alle vorurteilsfreien Beurtheiler mit unsern Geschwornen überein, obgleich, wenn man von der Sache absehen könnte, den durchdachten und klaren Vertheidigungen der Prokuratoren Arnoldi und Dr. Geiger ein günstigerer Erfolg zu wünschen gewesen wäre. Prokurator Lang hatte das Glück, seinen Kli­enten freigrsprochen zu sehen. Wenn das nun auch wohl einem weniger geschickten Advokaten, der vorhan­denen Sachlage wegen, hätte gelingen können, so hat doch seine Vertheidigung allgemeine Anerkennung gefunden.

Der dritte Fall, die Tödtung einer Fran betreffend, bietet in Betreff der ärztlichen Gutachten der Beobachtung ein höchst bedeutendes Moment bar. Man hat hier gesehen, welche außerordentliche Vorsicht in Betreff solcher Gutachten den Geschwornen anzurathen ist, indem solche Berichte einerseits für die Feststellung des Thatbestandes von großem, oft entscheidendem Ein­fluß sein können, anderseits ,aber häufig an großen Mängeln leiden und auf reine Theorien gegründet sind, wodurch ihnen aller Werth benommen und zu den un­richtigsten Urtheilen Veranlassung gegeben wird.

Hatte ja doch sogar jiod) im zweiten Zehent dieses Jahrhunderts ein gewisser Dr. Servais zu Köln „das Mißgeschick, ein Mädchen in Anklagestand zu ver­setzen, weil er Rechte, die ein Schwein anzusprechen hatte, schlechterdings für Indizien eines Kindermords angab, und auch dann noch nicht von seiner Behaup­tung abging, als ein Professor der Entbindungskunst, ein Kreiöphysikus, ein Thierarzt und ein Schwein- schlächter erklärten, daß das Gefundene von einem Schwein sei."

Hieraus folgt, daß erstens die Aerzte in ihren Gutachten sich "der größten Sorgfalt und Umsicht be­

fleißigen, daß zweitens die Behörden in Kriminalfällen nie unterlassen sollten, solche Gutachten durch andere Aerzte nochmals begutachten zu lassen, und daß drittens den Geschwornen immer einiges Mißtrauen gegen die sogenannten ObduktionSberichte zu empfehlen sein dürfte. Denn, welche Ansicht sollen sich die Ge­schwornen bilden, wenn der Eine, wie in dem vorlie­genden Falle geschehen ist, sagt: „ti'e tödtliche Wunde kann nur durch das eine bezeichnete von zwei vorliegenden Instrumenten hervorgebracht worden sein", während der Andere behauptet: „die Möglichkeit ist nicht zu bestreiten, daß die Wunde sowohl durch das eine, als das andere der beiden Instrumente entstanden sein könne". Die beiden zugezogenen Aerzte, Dr. Vog­ler und Dr. Müller, haben in diesem Falle bewie­sen, daß sie ihren verbreiteten Riss verdienen, und daß sie auch im Staude sind, in einer so wichtigen Sache, wo es sich um das Leben ines Menschen yanoelt, frei von Pedanterie ein vernünftiges und gemeinverständli­ches Zeugniß abzulegen.

Jin vierten Falle, welchen die Geschwornen abge- urtheilt haben, lautete die Anklage auf Eidesverletzung und versuchten Betrug. Der Angeklagte wurde zu 3/V jähriger Correktionshausstrafe, die Mitangeschuldigte aber, welche blos des legern Vergehens verdächtig war, freigesprochen. Auch in diesem Falle zeichnete sich Prokurator Lang durch seine geschickte und um­sichtige Vertheidigung aus. Die Verhandlungen wa­ren äußerst interessant und dauerten bis tief in die Nacht.

Hier war außerdem die Abhörung der Zeugen ganz besonders geeignet, den Werth der öffentlichen Ver­handlungen zu bethätigen. Wenn bei der Frage des Vertheidigers, ob bei Aufnahme des Jnvantars der Augeschuldigte betrunken gewesen sei, Zeuge zugeben mußte, daß überhaupt bei dieser Amtshandlung ge­trunken worden war, so lege ich darauf kein besonderes Gewicht, um so weniger, da nur Bier getrunken wor­den, denn daß auch zwei Flaschen Wein getrunken worden sein sollen, wie die Angeschuloigte behauptete, wurde nicht weiter erörtert: aber das Ganze brachte doch bei dem Publikum und gewiß auch beim Zeugen einen peinlichen Eindruck hervor; und soviel ist gewiß, daß durch solche öffentliche Verhandlungen nach und nach noch manches Unpassende, was bei Amtsverrich­tungen wohl oft vorkommen mag, verbannt werden wird, da man ja nie wissen kann, auf welche Weise man vor die Assisen, wenn auch nur^als Zeuge, ge­stellt werden dürfte.

Im Interesse des Instituts darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß Verhandlungen vorkommen können, welche ans Rücksicht für die Sittlichkeit einer unbeschränkten Oeffentlichkeit entzogen werden müssen. So wäre es ganz am Platze gewesen, wenn nament­lich bei gewissenVerhandlnngen im ersten Falle wenig­stens die Kinder auS dem Saale entfernt worden wa­ren, wenn es überhaupt nicht für besser gehalten wer­den sollte, dieselben gar nicht zuzulassen.

Die religiösen und socialen Fragen.

O Diez, im Oktober. Oede und leer ist jetzt das Feld der Politik. Unaussprechlich langweilig sind die diplomatischen Vei Handlungen zwischen Oesterreich und Preußen und bem ganzen Schweif von Kleinstaaten, die |td) daran reihen. Die Frage, ob DreikönigSver- sitstuug oder Bundesstaat, interessirt höchstens noch das Häuflein der getreuen Konstitutionellen, die eine Hoff­nung nach der andern ' zerschellen sahen: erst die ReichS- versapung durch das wilde Geberden der Demokratie, dann die Dreikönigsperfassung durch den Sieg Oester­reichs über die Insurrektion in Ungarn. Nur die Verhandlungen über das Loos der Flüchtlinge in Wid- diu halten noch die Gemüther in Spannung, und ver­leiten hier lind da zu der erzentrischen Hoffnung eines Krieges zwischen den Großmächten. Im klebrigen ist das Volt der Politik herzlich müde; es bekümmert sich nicht um das Treiben der Kabinette, der Kammern; es ist scheinbar der Bewegung ganz überdrüßig und zieht sich zurück in das Schneckengehäuse des eignen Innern: aber einst wird es auch mit manchen ande­ren Forderungen hervorrücken, als mit den bekannten politischen Freiheiten.

Unter allen Episoden der jüngsten großen Euro- pailchen Umwälzung war keine volksthümlicher, keine mehr von den glühendsten Wünschen der Nationen ge­tragen, als das revolutionäre Drama in Ungarn oder vielmehr in Oesterreich: vom Falle Wiens bis auf die Unterwerfung Görgeys. Mit dem letzten Akte dieses Drama'S hat das Volk der Politik Valet gesagt. Desto intensiver aber wendet es jetzt seine Aufmerksamkeit den religiösen und sozialen Schäden zu. Hier gilt es jetzt, das Feld zu bebauen, den Boden zu lockern und aufzuwühlen; hierhin gilt es, alle Energie zu kon- zentriren, denn gerade von hier wird die nächste Er- plosion erfolgen. Auf dem Wege der Empirie macht sich jetzt die Nothwendigkeit der Demokratie geltend: an dein zunehmenden Elend werden alle Heulereien des Spießbürgers über Communismus zerschellen , wird dein Geldbürger ein hundertköpsiger Feind erwachsen, wird der Pfaffe merken, wie wenig stichhaltig seine himmlischen TrosteSworte sind, wie kein Mensch mehr seine „Wechsel auf die Sterne" acceptir.n will. Hier ist der Ort, den politischen Gauklern ein hic Rhodus hic salta zuzurufen.

Die religiöse Entwicklung schreitet rasch vorwärts. Der Kampf der Gemeinde Langenbach wiederholt sich allenthalben, wenn auch nicht mit der Zähigkeit und der Einheit der Interessenten. Daß die Gemeinde in Langenbach ihren von der geistlichen Oberbehörde ver­folgten Prediger um jeden Preis festhalten will, wäh­rend man z. B. hier umgekehrt einen bei der geistli­chen Oberbehörde in besonderer Gunst stehenden Pre­diger um jeden Preis aus den Mauern haben möchte, ist im Wesentlichen kein Unterschied. Die freie Wahl

Der iinfd)ulbiße Galeerensclave.

UAus^der -„Allgemein« Moden-Zeitung".)

(Fortsitzung.)

„Herr Präsident/ sagte einer der Geschwornen, „ich wünsche, der Zeuge sage uns, ob vor dem Mord­versuche zwischen ihm und dem Angeklagten irgend eine Spannung oder Feindschaft stattgefunden."

Diese Frage erregte lebhaftes Interesse, besonders unter den Frauen, welche wohl an die Schuld Arthurs glauben mußten, aber nicht zugcbcn wollten, daß ein Diebstahl fein Zweck gewesen. Der Angeklagte selbst erröthete leicht und schien einige Unruhe zu empfinden; aber Gorsaz war ans alle Fragen vorbereitet und jo überraschte ihn auch diese nicht.

„Herr von Aubian und ich sind lange Nachbarn gewesen," antwortete er, „und wir lebten immer auf fast freundschaftlichem Fuße mit einander; von meiner Seite hat auch mein Gefühl in dieser Art keine Ver­änderung gelitten, trotz dem vergossenen Blute."

„So kennen Sie also keine Ursache," fuhr der Prä- sindcm fort, „welcher daS Attentat zuzuschreibcn wäre, dessen Opfer Sie waren?"

— „Die Ursache," antwortete Gorsaz mit melan­cholischer Stimme, „ist meinen Meinung nach jene trau­

rige Spielsucht, die schon so viele junge Leute ins Ver­derben gestürzt hat. Der Herr von Aubian spielte viel und unglücklich; mein gutgemeinter Nath vermochte nicht, ihn von diesem jeden Tag tiefer werdenden Ab­grund zurückzubringen. In einem Augenblicke der Ver­zweiflung dachte er vielleicht an das Geld, daS ich, wie er wußte, einige Zeit vorher erhalten hatte; warum sprach der Unglückliche mich nicht darum an, statt daß er cs auf so traurige Weise zu erhalten suchte? Hätte er mir Vertrauen geschenkt, so würde alles nicht ge­schehen sein und wir wären heute beide eicht hier."

Diese Heuchelei gewann dem Alten alle Herzen.

„Haben Sie eine Bemerkung gegen die Aussage des Zeugen zu machen?" fragte der Präsident Aubian.

Der Angeklagte stand auf und schien gegen eine starke Versuchung zu kämpfen, die er endlich bemcisterte.

„Zur Ehre meines Namens," sagte er, „nicht meines Lebens wegen, muß id> hier wiederholen, daß ich un­schuldig an dem Verbrechen bin, dessen man mich anklagt. Es kommt mir nicht ;zu, die Aussage des Herrn Gorsaz zu erörtern; sprechen Sie Ihr Urtheil ; wie es auch ausfallcn möge, ich unterwerfe mich ihm."

Diese Protestation war so kalt, so erzwungen und machte einen ungünstigen Eindruck. Das Verhör wurde einen Augenblick unterbrochen, plötzlich aber ging das allgemeine Flüstern in das tiefste Schweigen über, denn

der Präsident hatte befohlen, Madame Gorsaz cinzu- führen.

Die junge Frau, welche augenblicklich der Gegen­stand der allgemeinen Neugierde wurde, erschien wenige Minuten darauf. Mit hocherhabenem Haupte, mit von dem Fieber geratheten Wangen, wie eine Begeisterte trat sie festen Schrittes bis an den Rand der Erhöhung wo sich die Zeugen befanden. Hier blieb sie stehen, scheinbar ohne Die Fragen des Präsidenten zu höern. Ihr Blick, aus welchem das Jrrsein sprach, durchlief mit übernatürlicher Sicherheit die zahlreiche Versamm­lung, haftete auf Aubian und nahm dann einen unbe­schreiblichen Ausdruck von Liebe und Verzweiflung an; mit einer maßlosen, aber nicht unwillkührlichen Geberde streckte Lucie Die Arme ihrem Geliebten entgegen und sprach mit lauter Stimme:

„Arthur, da bin ich."

In dem allgemeinen Staunen über diese Worte erhoben sich zwei Männer zitternd, der eine v r Wuth der andere aus Mitleid, der Gatte und der Lub- Haber.

„Das verräth Wahnsinn," sprach Gorsaz; „das Zeugniß einer Wahnsinnigen ..."

— „Wahnsinnig!" entgegnete Lucie, die mit dem Blicke ihrem Gatten trotzte und sich an den Präsidenten richtete: „fragen Sie mich und Sie werden erkennen,