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Entziehung der nöthigen Nahrung, Pflege undAiznei- mittel getödtet zu haben. . .

Im März b. I. fand man oben im Hause der Angeschuldigten ein unglückliches Geschöpf, welches, bei lebendigem Leibe eine Nahrung für Lause vor Hunger und Kraftlosigkeit zitternd, auf faulem Stroh in eiiicr Ecke zusammeugekauert lag. Das Westu war ein Weib, und redete irre. Es war die durch Hun- aer Rroft und die viehische Vernachlässigung zum Wahn­sinn und an den Rand des Grabes gebrachte Toch- t cv des A«geschuldigten, die seit November vor. Jahres: also vier Monate lang, den ganzen Winter hindurch in dem Gefängnisse feftgehalten war, und bald nachher starb

Wie? Wenn der Blick durch solche Thatsachen aus das "scheußlichste aller Verbrechen , auf die vollständige Entartung der menschlichen Natur hingelenkt, wenn man auf die offenen Wunden der geseilschastlichen Un- ordnung die solche Geschöpfe bildet, hingewiesen, wenn man an die Sagen über die Sitten bei rohesten Soi­fer der Urwälder erinnert wird, wenn die Leidensge­schichte des Caspar Hauser, die Tochter des pi eutz. Reg.- Rath Ehrenberg an dem geistigen Auge vorüber eilt, — unter dem Eindrücke solcher erschütternden Rcsterio- nen muß man da nicht ernst gestimmt, von sittlicher Anspannung gehoben, und ganz in jene Lage gebracht werden, in welcher man die feierliche <zorm des Schwur­gerichts als eine Nothwendigkeit heilig hatt , und »r ihren kleinsten Theilen gleichsam als einen Kultus be­trachtet?! Wir legen auf die Form als solche keinen Werth Wo sie aber von dem Wesen unzertrennbar, dieses ohne jene unerreichbar und unerkennbar ist, da soll sie ein Heiligthum sein. Wie kann aber die mündliche Verhandlung vor dem Schwurgerichte ihre Aufgabe erfüllen, sowohl de" Richtern und Gcychwor- nen ein unmittelbares Bild des Ganzen seinem sitt­lichen und rechtlichen Wesen nach zu geben, als auch zur Hebung der öffentlichen Moral durch die Einwir­kung auf das versammelte Publikum beizutragen, wenn der feierlichste, ernstteste Gegenstand durch Vernachla,- sigung der Hauptpunkte, durch eine formlose Behand­lung des Verfahrens, durch unnütze Wiederholungen von Nebensachen in ein ganz falsches Licht gebracht wird! , „ . ,

Der Präsident soll vor Allem eine würdige Ruhe behaupten. Wir fragen aber Herrn Flach, ob er sich bewußt ist, dieser Anforderung genügt zu haben?

Es könnte unbedeutend erscheinen, daß bei der Ab­brechung der Verhandlung gegen Mittag die Aeuße­rung des Präsidenten das Publikum in Erstaunen setzte: „Nun, meine Herren, ich denke wir gehen setzt Mit- tagsbrod essen." Eine solch gemüthliche Couverja- tions-Weise paßt aber durchaus nicht zu der Stellung, welche Gesetz und Geschichte einem Assisenpräsideuten der verknöchert en^ot masii aiè'n, gmde'rn "einer ruhigen, festen Sprache, eines sichern würdigen Benehmens Sei­tens der thätigen Personen, lassen die Möglichkeit zu, daß die Verhandlung den richtigen und sachgemäßen Endruck macht. Es kam uns aber gestern oft vor, als ob es sich um irgend ein alltägliches Ereigniß, etwa um eine Prügelei handele. So wenig Ernst und ruhige Wurde lag in dem Ganzen der Verhandlung.

Mit Nachmittags bei Wiedereröffnung der Sitzung erschien die Sache in einem andern Lichte. Der Herr Staatsprokurator Reich m anu, welcher schon während der Morgenverhandlung durch ein entschieden parlamen­tarisches Benehmen seine Befähigung zu der Stellung im vollen Grade bewiesen hatte, hob in einem klaren und ruhigen Vortrage die Anklagepunkte heraus. Es schien uns nur, als wenn die Anklage mit mehr Ener­gie und vielseitiger hätte aufrecht erhalten werden können.

Herr Prokurator Großmann hätte als Verthei­diger eine nicht so dankbare Aufgabe gehabt, wenn die ganze Verhandlung einen richtigeren Eindruck hervor­

gebracht hätte. Seine Rede war reich an psychologi­schen Betrachtungen, und führte uns in den sittlichen Theil der That, dessen nähere Beleuchtung wir eigent­lich von dem Herrn Staatsprokurator erwartet hätten.

Hoffentlich können wir über die folgenden Sitzun­gen erfreulicher berichten.

p Wiesbaden, 9 Oktober. (Zweite Sitzung des Schwurgerichts. — Anklage auf Mordver­such.) Balthasar Kohl, Joseph Müller, Bibo und Jakob Ringel sind augeschulvigt, in der Nacht vom 15. auf den 16. August v. J. einen frechen Mord­versuch gegen den Frühmeßner Schraub ^u Nauen- thal mittelst geladenen Schießgewehre gemacht zu ha­ben. In der gegen Mittag abgebrochenen Verhand­lung waren nur die Angeschuldigten und 6 Zeugen vernommen. Es sind noch 34 Zeugen zu vernehmen, so daß vor morgen nicht an die Fällung des Urtheils gedacht werden kann. — Wir hoffen, unsern Lesern eine Darstellung der Verhandlung im Einzelnen schon morgen geben zu können.

* Wiesbaden, 9. Oktober. Bereits in einer der letzten Sitzungen der vertagten Ständeversammlung des Herzogthums wurde von Seiten der Regierung nach geschehener Anfrage die Zusicherung ertheilt, die Er­satzwahl für den aus der Ständeversammlung ausge- schiedenen K r ä m e r solle demnächst ausgeschrieben werden.

Wiewohl nun seit dieser Zusage bereits mehrere Verordnungsblätter erschienen sind, so haben wir uns doch in jedem derselben nach der Anordnung einer Er­

satzwahl für den ausgeschiedenen Krämer vergebens umgesehen, und wir ersuchen deshalb die Staatsbehörde, entweder die Ersatzwahl unverzüglich einzuleiten, oder die Gründe, aus welchen die fragliche Ersatzwahl so des Landes zu

lange verzögert wird, zur Kenntniß bringen.

M. Von d r UsqueU. Obgleich von 1848 von vornherein schon im

die Revolution principe erstickt

würbe und eben dadurch nicht nur die Frucht einer durchzuführenden Revolution, sondern bald die Revo­lution selbst verloren ging; so war sie es doch die manches Räthsel loste, manchen Schleier Hinwegriß, und Wahrheit und Lug offen und klar dahinstellte. Wie im Großen, so im Kleinen. Schon drei Jahre fragten wir uns, warum wird jener schöne, starke Jüng­ling bei der Eonskription jedesmal zurückgewiesen? Die Frage ist je.tt beantwortet: er war angeblich der Ernährer seiner Familie und somit unentbehrlich; ging aber, während seine Kameraden in Baden und Schles­wig-Holstein, Zeit und Geld aufwandten, selbst das Leben wagten, als Musiker in fremde Länder und legte ein schönes Capital für sich zurück. Ein Anderer, der nach dem früheren Eonscriptions-Gesetz auf Be- r ' u ♦♦ •• rr ‘ “*yv »»m^ --. .......4-, »vvC/i #.«c^ hpt bom alten Willkürsystem sicher auf Befreiung hätte rechnen können, scheint die Zeit zu begreifen, daß auf diesem Wege nichts mehr zu machen sei, seine Politik geht weiter, er ätzt durch Salben das eine Bein, um an­geblich, es sei eine alte, nie heilende Wunde, vom Militärleben befreit zu werden. Wir glauben jedoch, beide werden sich dieses Jahr in ihren Hoffnungen getäuscht finden; die Kenntniß, sowie die Ehrlichkeit der ConscriptionS-Beamten, sowie der Aerzte werben derartige Intriguen baldigst aufdecken, und der Angabe und Aussage der übrigen Conscriptions-Pflichtigen ge­neigtes Ohr leihen und somit auf dem Wege der Wahr­heit und des Gesetzes jene Prellereien vereiteln.

Wir bedauern nur, daß diese Jünglinge der Par­tei angehören, welche den Sinn der Demokratie als Anarchie und Sucht nach Gütergleichheit ausposaunen und jeden Freisinnigen einen Lumpen nennen. Für wenn hat denn das Militär gekämpft, wessen Ansich­ten hat es vertheidigt und feststellen helfen? Die der Demokratie wohl nicht und dennoch wollen solche Jüng­linge sich weigern Soldat zu werden.

,, Weilburg, 4. Oktober. Der protokollarische Be­richt über die erste Versammlung deS Vereins für die Naturkunde Nassau's als Wanderverein wird Ihrem Blatte durch den Vorstand zukommen, weßhalb ich mich hier über die Thätigkeit der Sektionen kurz fassen kann. Wie bereits von hier berichtet wurde, hatte der Vorstand die Mitglieder der drei Sektionen (Minera­logie, Botanik nnd Zoologie) zu einer Versammlung am 1. und 2. Oktober nach Weilburg eingeladen. Die etwas späte Einladung, sowie die gleichzeitige Versamm­lung der Forstleute und Laudwirthe in Mainz, verur­sachten zwar, daß nicht so viel Gäste kamen, als man erwarten konnte; oben ^erwähnter Bericht wird jedoch zeigen, daß unser Nassauischer Verein wohl bald im Stande sein wird, ähnlichen der Nachbarschaft würdig zur Seite zu stehen nnd die Zeit nicht mehr ferne ist, wo uns nicht mehr der Vorwurf treffen kann, Nassau sei ein von der Natur höchst gesegnetes Ländchen, aber nur Fremde seien im Stande seine Schätze auszubeu- ten. Der llmstand, daß nur arbeitende Mitglieder des Vereins speziell eingeladen waren, sowie daß man eine oder zwei öffentliche Sitzungen mit den Schaugerichteu der sogenannten populären Vorträge erwartete, schien von Manchem in an beim Sinne aufgefaßt zu sein. Die Sektionen selbst betrachteten sich im Einklänge mit der Einladung des Vorstandes als eine constituirende Versammlung unb die einzelnen Sektionen müssen zu­erst ihre Kräfte kennen lernen, ehe sie sich mit Erfolg öffentlich produciren können. Daß übrigends Riemäü-' den der Zutritt verwehrt war, und über vorliegende Gegenstände die genauste Auskunft ertheilt wurde, be­darf um so weniger Erwähnung, da es Zweck des Vereins ist, bic Naturwissenschaft zu fördern und ge­meinnützig ;u machen. Mit großer Bereitwilligkeit waren von Seite des Herrn Oberschulrath Metzler bic Rätline des hiesigen Gymnasiums zur Benutzung des Vereins überlassen worden und Herr Regierungs- Assessor Odern heim er leitete mit gewohnter lttn- sicht unb Erfahrung die Verhandlungen. Aus den all­gemeinen Verhandlungen heben wir heraus, die Be­sprechungen über die innere Bildung der Sektionen, ihr Verhältniß zum Vorstand, bic Jahrbücher des Ver­eins, die bis jetzt so sehr erschwerte Benutzung der Landesbibliothek re. Die Arbeiten der mineralogischen Sektion nahmen den Rest des Morgens ein. Ein ge­meinschaftliches Mittasgessen im deutschen Hof ver­einigte die Vereinsmitglieder mit einer Anzahl befreun­deter Bürger. Hierauf wurde die Obst- und Ge- müseausstellung in Augenschein genommen und fand allgemeinen Beifall. Diese in der Eile vorbereitete Sg)umlung zeigte, welchen Obstreichthum unsere Gegend hegt und dieselbe dürfte in Bezug auf edle Aepfelsorten wohl von keinem Theile Nassau's übertroffen werden. Ein nach den Gruben Friderike und Lahnsteiu, in weis chen treffliche Notbeisenfteiuversteinerungen vorkommen, unternommener Ausflug, wurde durch starkes Regen- wetter, welches die Gesellschaft unterwegs überraschte, vereitelt. Abends fand eine musikalische Abenduiiter- Haltung des Liederkranzes im Görz'schen Saale statt, welche noch dadurch verschönert wurde, daß seit langer Zeit heute wieder die Frauen mitsangen. Die Aus­wahl der Gesänge wie ihre Ausführung gefielen all­gemein. Die Herren Odern Heimer, Horstmann und sch üb! er dankten den Sängern und Sängerin­nen; dem Concert folgte ein Bällchen. Gleichzeitig brachte die Regimentsmusik vor dem Hause des Herrn Professor Schenck ein Ständchen. Den zweiten Mor­gen wurden die Sektionsverhandlungen fortgesetzt und zwar so, daß die mineralogische ihre Berathungen be­endigte, welcher alsdann die botanische nnd zoologische folgte. Einen größern mineralogischen Vortrag hielt Herr^Dc. Fridolin Sandberger und Herr Professor s ch c n et theilte seine schönen Beobachtungen über mehrere Jnsektenfamilien mit. Selbst einen größern Leserkreis durfte die Idee des Herrn Professor B arbieur inte- I ressiren, welcher eine Anzahl Insekten sehr gelungen

BZKE5CEI

licbcn und nach dem k. Prokurator, — aber Sie sind ein Hausfreund und sie freut sich gewiß, wenn Sie kommen."

Arthur, der wie alle Menschen, deren Gewissen nicht ganz rein ist , mißtrauisch war, glaubte in diesen Worten Ironie zu sehen, die jedoch dem Herzen des ehrlichen Gärtners ganz fremd war. Auf der andern Seite fürchtete er, eine ausweichende Antwort könne Argwohn erwecken und übrigens fühlte er in Folge des Unglücks, welches Lucien betroffen , selbst den Wunsch sie zu sehen und ihr seine ewige Treue zli betheuern , als den ein­zigen Trost den er ihr bei einem so schrecklichen Vor­fälle bieten konnte. Er begleitete demnach den Gärtner Piquet, der mit dem Dolchmesser und dem Knotenstrick nach dem Hause zurückging.

„Er hatte siel' vor gesehen, der Rösemichl!" sagte der Gärtner unterwegs; „er dachte gewiß, die Leiter sei zu schwer und er werde sie nicht auf die Mauer hin­auf unb darüber hinüber heben können, deßwegen nahm er diesen Strick mit dem Haken mit, ein ächtes Diebes- instrumcnt. Es gehören übrigens kräftige Arme dazu, um an diesem Stricke hinauf- und himmterzuklettern."

— „Ist Herr Gorsa; tobt?" fragte Aubian.

„Todt nicht, aber viel besser auch nicht," antwortete der Gärtner indem er schneller ging.

Das Verbrechen war in dem Schlafzimmer begangen worden, in welchem der Alte einige Stunden vorher eine Unterredung mit dem Galeerenselave gehabt hatte.

Der Mörder war durch das Fenster hindurchgestiegen, indem er durch bic Jalousie gegriffen und den Haken j derselben ausgehoben, dann mittelst eines Stückes Pech : die Glasscheibe weggenommen hatte, an welcher sich der j Fensterwirbel befand. Gorsaz, der im Bett und viel­leicht im Schlafe überfallen worden war, schien nur ge­ringen Widerstand geleistet zu haben, denn er lag wie gewöhnlich im Bett. Kaum war das Deckbett etwas verschoben. Man hätte glauben können, er schlafe, wäre das Bett nicht von Bluc überströmt gewesen. Nach dem Morde hatte der Thäter versucht den Secrc-. tair aufzubrechen. Unterdeß war aber eine Vase auf dem Kamine, an die er wahrscheinlich gestoßen hatte, lärmend heruntergefallen , so daß ein Bedienter, der neben­an schlief, aufwachtc und Lärm machte.

Der Anblick, der sich den Augen Arthurs darbot, als er hincintrat, erhöhte noch die Aufregung, in wel­cher er sich bereits befand. Im Scheine mehrerer Lichter erkannte er eine schweigende, gestürzte, aber beschäftigte Gruppe. Das Bett, in welchem das Opfer lag, war mitten in das Zimmer gezogen, damit der Arzt dem Verwundeten bequemer seine Hilfe angedeihen lassen konnte. Zu Häupten stand ein alter Priester, der auf ein Lebenszeichen wartete, das ihm erlaubte, seine Pflicht zu thun. An feinen Lippen sah man, daß er mit dem Gebete nicht gewartet, bis es möglich sei, die Absolution zu geben. Die beiden Männer, der Arzt und der Geist­liche, waren fast gleichzeitig augekommen und da sie

einander oft am Sterbebette trafen, hatten sie kaum ein Wort gewechselt. Der Arzt hatte ohne Zeitverlust seine Arbeit begonnen, während der Geistliche auf die feinige hoffte.

Illiten am Bett stand die Frau deS ermordeten , Greises unbeweglich und hielt sich an dem Bette mit I beiden Händen so krampfhaft fest, als habe man sic von 1 dieser blutigen Scene wegreißen wollen. Ueber ihre Wangen rann keine Thräne, über ihre Lippen kam sein Scufzep; bleich als sei sie selbst dem Tode nahe, mit stierem Auge und zusammengepreßlen Zähnen betrachtete sie ihren Gatten mit stummem Entsetzen, und um besser sehen zu können, strich sie von Zeit zu Zeit hastig ihr schwarzes Haar zurück, das aufgelöset über ihre Stirn und ihre Schultern hing.

Bei dem Anblicke ihres Geliebten verrieth Lucie werter Unruhe noch lleberraschung; die übergroße Er­schütterung schien in ihr die Quelle der gewöhnlichen Gefühle vertrocknet zu haben, mit einem tiefen Blicke zeigte sie ihm den leblosen Körper des Greists, sogleich aber nahm sie ihr früheres Aussehen wieder an, das an die Opfer deS Schicksals im Alterthume erinnerte.

(Fortsetzung folgt.)