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Arm Zeitung.

„âeiheit und Neckt!"

Wissbads». Sonntag, 9. September

185».

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v Die deutsche Frage.

Zwei gewalt'ge Kabinette ringen Um des deutschen Volks alleinigen Besitz; AlleFreiheit, jede Tugend zu verschlingen, Starren Bajonette, zuckt Kanonenblitz!

„Ganz England um ein Pferd !" rief einst Richard III. „Ganz Dentschland für einen Kroaten!" schien Oest­reich im Jahr 1848 zu denken, und gab seine „Erb­staaten" dem Raub uud der Schändung barbarischer Horden preis. Und dieses Oestreich, das schon zer­trümmert schien, aus dessen Verwesung schon lebens­kräftige Keime emporschossen, es hat Auflösung und Verwesung beschworen, hat die jungen Keime des Werdens freier Nationen erstickt und steht wieder, wenn auch leblos, wie immer, aber wie neu krystalli- sirt, neu versteinert als gefahrbringender Koloß da!

Durch welche Zaubermacht, durch welchen Talisman erhebt sich dieses Reich des Todes immer wieder, so oft ihm das Verfallen genahet?

Alle Kraft seiner Völker, alle unermeßlichen Hilfs­mittel der Natur und der Menschen, hält es mit eiser­ner Macht darnieder, das Genie flieht seine Grenzen und die Ohnmacht besiegt in seinem Dienste die Hel­den und die Denker! Was gibt diesem Koloß die Zähigkeit des Zusammenhangs? wer rettet seinen Be­stand? Das ist die Intrigue.

Durchblickt die Bücher der Geschichte, — immer war Oestreich unglücklich im Kriege, aber glücklich im Erschleichen und Heirathen. Oestreich bedarf kei­ner gewaltigen Geister, keiner genialen Feldherrn, kei­ner weifen Staatsmänner; denn Andere arbeiten für es, es hat eine Weisheit, seine Sache zur Sache An­derer zu machen.

Als im Jahre 1848 die Gagern'sche Partei die Träumereien der Jugend von 1820 verwirklichen, einen mächtigen deutschen Kaiser schassen und die deutschen Fürsten zu Pfeilern des gigantischen Thrones machen wollte, da blickte sie auf Preußen, aus dem Hause Hohenzollern sollte derjenige kommen, durch welchen alle deutschen Stämme regiert würden. Und Nichts konnte Preußen den alleinigen Besitz der deutschen Erde strei­tig machen, — als es selbst. Preußens Heere waren organisirt, um gegen das Vaterland, wie gegen die Feinde desselben, gleich gut verwendet zu werden, der Mensch war aufgegangen in der militärischen Maschine. Preußen galt seit Jahrhunderten als die Stütze des Protestantismus, und daher war ihm Deutschlands Norden zugethan; aber es galt auch als Förderer der Wissenschaft und der Industrie, uud deshalb war ihm die Sympathie des ProfessorentHums und der Bour­geoisie zugewandt, und beide liebten den Thron und das Vorrecht — und haßten die Demokratie und die Gleichheit der Rechte; beide forderten nur so viel Frei­heit, als nöthig, um den Glanz des Thrones zu er­höhen.

Die beiden Studenten.

(Aus den „Böhmischen Dörfern" von Uffo Horn.)

(Fortsetzung.)

Herr Walter, von dem er Abschied nahm, als er Leipzig verließ, that zwar das Möglichste, ihm davon abzurathen, er stellte ihm vor, daß seine Flucht noch in zn frischem Andenken sei, und daß er seine Freiheit riskire, aber Jakob war nicht zu halten. Seine bis­herigen Direktoren, welche den so beliebt gewordenen Sänger nicht fahren lassen, und der Bühne erhalten wollten, thaten ein gleiches Anbot wie die Hamburger, aber Jakob ging auch darauf nicht ein, es zog ihn un­widerstehlich nach dem Vaterlande. Mit stolzem Selbst­gefühle erreichte er mit einem ordentlichen Passe ver­sehen , in einem Postwagen, den e r bezahlte, das Grenz­zollamt von Peterswalde, das er vor einigen Jahren an der Seite eines Töpliyer Schmugglers, vorsichtig schleichend und zu Fuß, im jämmerlichsten Wetter, um­gangen hatte. Man empfing ihn dort höflich und zu­vorkommend, die seidenen Kleiderstoffe, die er in Ham­burg für die Familie des Direktors gekauft, wurden ganz übersehen, und als er am Abende in Prag an­langte, und durch dasselbe Thor, das er als geängstigter Flüchtling verlassen, nun unter den schmetternden Tönen Les Posthorns seinen Einzug hielt, liefen ihm die hellen

Oestreich , das darniederlag, mußte Preußen freie Hand in Deutschland lassen, und die übrigen Fürsten hatten aus Furcht vor der Demokratie sich glücklich gefühlt, Großwürdenträger des Reichs zu werden. — Aber Preußen opferte seinen schwärmenden Gagern und seine Doktoren, und horchte den Eingebungen frommer Theologen. Preußen entkleidete sich aller Mittel, durch welche es groß geworden, es verleugnete sein Prinzip, Oestreichs Gegensatz, und suchte Heil in einer Verschmelzung russischer und österreichischer Prin­zipien, wollte Oestreichs Rival mit Oestreichs Waffen werden, wurde der Nachtreter Oestreichs und alle seine Sympathien in Deutschland wechselten ihre Pole und wurden Antipatien.

Preußen unterdrückte die Geistesfreiheit, die Mutter seiner Größe, Preußen zog zu Felde gegen Wissenschaft und Schule, Preußen müht sich ab, Priesterherrschaft und Priestertyrannei zu schaffen.

Aber die organisirte Priestermacht der Hierarchie weiß, daß ihr Dasein an Oestreich gebunden, daß sie mit diesem steigt und fällt und trat in die Schranken mit der ganzen Macht ihrer Heuchelei und Schlangen­klugheit.

Der Piusverein, scheinbar harmlos, wie alle Ge­schöpfe der Priesterzunft, verbreitete sich netzartig über das katholische Deutschland, und nicht nur das „blinde Volk", auch das „hellsehende" Preußen sing sich in diesen Netzen.

Der Volkskultur wurde die Ursache der Revolu­tionen zugeschrieben, mit ihr war also dieser der Nerv der Kraft zerschnitten, nnd Preußens König vertraute den frommen Reden der Pietisten und verstieß die Schule. Aber die Führer der Piusvereine lehrten, daß alles Heil von Oestreich komme und erweckten die Sehnsucht nach dieser glücklichen Herrschaft. Hub die Männer des frommen Vereins wetteiferten mit den von Preußen verfolgten Männern der Freiheit in Flüchen und Verwünschungeu gegen Preußen.

Auch der russische Czar sah in der Freiheit Un­garns Gefahr seines Thrones, denn die Freiheit ist dem Despotismus eine Seuche, welche die Völker ansteckt — und Ungarn grenzt an Polen.

Wie in Deutschland, hatte sich das Pfaffenthum in Frankreich erhoben, hatte Bund mit dem Despotis­mus der Gewalthaber geschlossen und zernichtete die Freiheit Roms, verhinderte dadurch den einheitlichen Kampf Italiens, und machte es Oestreich möglich, Italien zu knechten, während ihm der Czar Ungarn eroberte.

Jetzt blickt Oesterreich nach Deutschland, wo seine Sendlinge bei den Fürsten und seine Piusjanitscharen bei dem Volke Alles vorbereitet haben zu seinem Empfang. Preußen hat die Freiheit zertreten, Preußen hat sich den Fluch der geknechteten Stämme erkämpft, Preußen hat Geld und Menschen geopfert, — jetzt erntet Oest- I reich die Früchte des Sieges; Preußen hat fürOcst- ' reich gekämpft.

Thränen über die Wangen. Er stieg im „schwarzen Roß" ab, dem vornehmen Gasthofe, an dem er als Student immer mit einer Art chrfurchtvollen Schauers vorübergegangen war, und als seine Koffer untergebracht waren, drückte er die Reisemütze in die Augen, nnd eilte der bescheidenen Wohnung seines Freundes zu.

Johann, dem er, um ihn desto sicherer zu über­raschen, seit vierzehn Tage nicht geschrieben hatte, war ärgerlich und verstimmt darüber, und machte eben in einem Briefe seinem Herzen Luft, als an die Thüre ge­klopft ward, nnd ein fremder Herr hereintrat. Da die Beleuchtung in der Stube eben nicht die glänzendste war, so währte cs eine Weile, bis Johann den schim­mernd eleganten Fremdling erkannte. Der Jubel des ehrlichen Jungen war maßlos — er drückte den ersehnten Freund hundertmal an sein Herz, und küßte ihn unter Lachen und Freudenthränen.

„Nun laß uns aber gleich beschließen, was geschehen soll!" drängte Jakob, „ich möchte am liebsten gleich nach Lhotta hinaus, um dem Leid meiner armen Milada ein Ende zu machen!"

„„Das möchte ich Dir nicht rathen,"" meinte Jo- bann, „ „singe erst hier, und wenn die ganze Stadt Deines Ruhmes voll ist, wollen wir hinaus — aber halt! ich wüßte noch 'etwas — es wäre am besten, wenn wir die Direktorin mit ihren Töchtern hereinbe­kommen könnten , daß die Alte Zeugin Deines Triumphes wäre, das könnte Dir am,schnellsten zum Ziele helfen!""

Mag man die Pläne ändern, wie man will, kei­ner führet zum Ziele. Wird Oesterreich den Norden Preußen lasten, da es unmöglich den Süden nehmen darf? Oestreich muß das Haus Wittelsbach schonen und erhalten und um Wittelsbachs willen müssen auch die norddeutschen Häuser erhalten werden.

Und welche Lösung der deutschen Frage wäre bei der jetzigen Dynastienpolitik noch möglich? — Antwort der alte Bundestag. Die Revolution ist geen­det, wir sind wieder am Ausgangspunkte angelangt. „Aber der Bundestag hatte zu viele Frei­heit dem deutschen Volke gelassen, dadurch wurde das Volk frech, verwegen unb for­derte, was nicht in des Herrschers Macht gelegen" - wird Metternich sagen.

Der Bundestag war zu nachsichtig, deßhalb wähnte Gagern ihn todt; drum muß er jetzt regeres Le­ben zeigen. Das, deutsches Volk, ist Deine' Errungen­schaft! Doch vielleicht ändert Preußen und mit ihm der engere Fürstenbund die bisherige Politik, vielleicht steigt der Geist Friedrichs II. wieder ans der Kruft und lehrt den Enkel, daß ein Monarch mächtig sein kann bei einem großem Maße der Volksfreiheit, und daß ein kleines Maß groß scheint, wenn man auf der anderen Seite Alles versagt; vielleicht zeigt Friedrichs Geist, daß er Preußen groß gemacht, indem er eine entgegengesetzte Politik als Oestreich geübt? — Wir glauben es nicht, wir hoffen es nicht einmal!

Die absolute Sperrung aller Lebensthätigkeit spannt die Kräfte, bis die Fesseln springen, während halbe Lebensthätigkeit die Kraft erschlafft. Die jetzige Poli­tik erzieht sich einen fürchterlichen Feind, der wie ein brennender Vulkan einst Verderben ausspeien wird, — nämlich ein ungeheures Proletariat!

^ Das unnütze und widersinnige Insti­tut der zweiten oder praktischen Corrcurs-

Prüfung der Mediziner.

Lediglich in der Absicht, den jüngeren College» eine Prüfung vom Halse zu schaffen, deren Werth sehr problematisch ist, deren Einfluß sogar sehr schädlich sein kann, die daher jedem Verstandesmensch nur als eine unsinnige Plagerei erscheint, übernimmt es der Verfasser, angeregt wieder durch einen neulichen Artikel der „Nass. Allg.", einen wenig erquicklichen Gegenstand öffentlich zu beleuchten, und sollte es ihm ganz erwünscht sein, wenn die folgende Darstellung sich einer Widcr- legnng erfreuen könnte.

Die Candidaten der Medizin zum Staatsdienst werden im ersten Eramen in allen vorbereitenden und in allen medizinischen Wissenschaften geprüft (Verord­nungsblatt vom 1. Februar 1845), sie werden ge­prüft, nachdem sie sich in klinischen Anstalten zur selbst­ständigen Behandlung der Kranken ausgebildet haben.

„Ach Bruder Hans! ich bin zu ungeduldig, um so lange zu warten — ich möchte Milada nur einmal sehen! Ihr Anblick wird mir mehr Muth und Kraft geben, als die Erinnerung an alle Erfolge, die ich be­reits hinter mir habe, mir verleihen kann. Wir fahren morgen hinaus, steigen bei Deinen Eltern ab, und Du kannst mir dann Gelegenheit schaffen, sic wenigstens zu sehen!"

„„Nun, wie Du meinst — ich werde auch $er Asten nach Kräften zureden , daß sie herein kommt. Auf die Milada kannst Du übrigens stolz fein, das ist ein Mvrdmädel, sie hat Zeiten gehabt, daß uns Allen das Herz weh that, aber sie war nicht von Dir abzubringen! Mit dem Direktor würde es noch gehen, aber die Alte, die Alte hat den Teufel im Leibe, und einen wahren Haß auf Dich. Sie kann es durchaus nicht vergessen, daß Du als Rekrutirungsflüchtling in der Zcituna qc- standen bist!""

„Komm' jetzt in meinen Gasthof, Bruder! wir wollen auf Mitava's Wohl ein Glas Champagner trinken, ich habe — mittlerweile auch gelernt, eine Flasche aufmachen!"

Johann zog den Rock an und folgte seinem Freunde in den glänzend erleuchteten Speisesalon des Hâtcls. Dort waren alle Tische besetzt, sie fanden nur noch in einer Ecke Platz. Kaum hatten sie dem harrenden Kellner ihre Aufträge gegeben, und die Gesellschaft gemustert, so wurde ihre Aufmerksamkeit, durch einige Herren an-