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„Lreiheil unb Recht!"

M 70.

Wiesbaden. Freitag, 23. März

1849.

Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deS Montags, täglich in einem Bogen. — Der AbonnementSprriö beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fL 45 fr., auswärts vurch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem grf0[ge, — Die ZnserationSgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Bestellungen auf das mit dem 1. April beginnende neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. Ritt er' schen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

M Das Vaterland ist in Gefahr!

unb

Herr von Beckerath hat geweint!

Lindernde Thränen, euch gab die Natur dem mensch­lichen Elend Weis' als Gesellinnen zu.

Wäret ihr nicht, und könnte der Mensch sein Leiden nicht weinen,

Ach, nie ertrüg' er eS da.

K l o pjst o ck.

Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, wo selbst große Männer dem Weltgeist so entfernt, als möglich, stehen, wo sie, überwältigt von dem Moment, der menschlichen Schwachheit nachgeben müssen. Solche zwei große historische Momente lieferte neulich die Nationalversammlung, als Welcker neulich erkannte, daß das Vaterland in Gefahr sei. Merkwürdige Schauspiele! der eine sieht die Reaktion nicht, als bis sie ihm über den Kopf gewachsen, und. der andere er­kennt erst die Gefahr, als wir schon beinahe darin umgekommen! Wie oft ertönte nicht schon der Ruf: das Vaterland ist in Gefahr! durch die Paulskirche! Wurde nicht laut unb oft genug beim schmachvollen Waffenstillstand von Malmö der Gefahr des Vater­landes gedacht? doch man hielt es für unnöthig, und jetzt werden wir die Früchte jenes unseligen Traktats genießen nnd neuer Schmach entgegengehen. Unb war das Vaterland nicht in Gefahr, als ein barbarischer Feldherr die Bürger Wiens schlachtete und mordete? War das Vaterland nicht in Gefahr, als hohnlächelnd der grausame General einen Abgeordneten des Vater­lands erschießen ließ? Ein fürchterlicher Nothschrei stieg vom Osten auf, und schallte durchs ganze Land. Allein man glaubte nicht an Gefahr von dort her, und jetzt droht das ganze Vaterland an dieser Klippe scheitern zu wollen. — Als der neue Kampf in Ber­lin entstand, wo der schwache Baum der jungen Frei­heit in Staub getreten wurde, erschallte da der Ruf: das Vaterland ist in Gefahr! nicht durch ganz Deutsch­land? Selbst Gagern und Hergenhahn haben sich in Berlin zu überzeugen gesucht. Unb doch er­kannte man damals keine Gefahr; keine Thräne zeigte sich in eines Ministers Auge. Als aber in Baden der Aufstand ausgebrochen, als die Frankfurter Geschichte verunglückte, da schien eine Gefahr durchs ganze Land; als cs in Wiesbaden und Altenburg sich regte, da mußte die Gefahr durch eine Masse von Reichstruppen gedämpft werden. Mit funkensprühenden, zornerfüll­ten Augen wurde der Krieg gegen die Rebellen be- .chlossen; freilich da konnte keine Thräne im Ange des

Ministers erscheinen! Jetzt aber, da der alte Welcker seine Ideen wieder einmal geändert und unter den vie­len gerade die getroffen hat, die dem Minister am besten zusagte, da wurde des Ministers Gemüth gerührt, er erbebte in seinem Innern, er weint, er, der sonst nicht Thränen kannte. Eine solche historische Thräne muß man der Nachwelt aufbewahren. Der dankbare König wird wohl dem frühern Oppositionsmitglicd des vereinigten Landtags Stern und Band nicht vor­enthalten können für diese inhaltsschwere Thräne. Der König hatte ja einst selbst geweint, und welch' herr­lichen Erfolg hatten diese Thränen? O, daß solche Thränen verloren gehen! sie müßten im kostbarsten Thrânengläschen aufbewahrt werden! und wie schön müßte sich die Weckerath'sche in Potsdam ausnehmen! Schade, daß diese Thräne auf den Boden floß! Und schrecklich, vielleicht wird sie zertreten von dem Fuße eines jener frevlerischen Linken, die es wagt, gegen den

Erbkaiser aufzutreten!

Herr v. Beckerath nannte sich einst einen Mi­nister der Gegenwart, ein Minister der Zukunft könne er nicht sein. Deßhalb ist er zu entschuldigen, wenn er die Gefahr nicht vorher überlegen konnte, wenn er sie erst sah, als sie am höchsten war. Und macht es nicht seinem Herzen Ehre, daß er endlich die Gefahr erkannt, als sie ihm Welcker demonstrirte, und noch mehr, als Welcker das einzige Mittel nannte, dieser Gefahr zu entgehen, da mußte sich der Minister der Gegenwart die feuchten Augen trocknen. — Als Na­poleon einst Joh. V. Müller fragte: „nicht wahr, die Deutschen sind ein bischen dumm", da lächelte der speichelleckende Professor; — jetzt ist das Vaterland Gefahr und Herr von Beckerath hat geweint.

in

Nassauischer Landtag.

90te Sitzung vom 22. März.

Anwesend die RegierungSkommiffäre Scholz und Reich­mann; Vorsitzender Wirth. Der in St. Goarshausen gewählte Vertreter Amtsaccessisi Carl Braun wohnt heute zum erstenmale den Sitzungen bei und nimmt derselbe, nachdem er von dem Prä­sidenten Vollpracht vereidigt worden, seinen Sitz zwischen Jung II. vnd Siebert. Mit Urlaub abwesend sind Müller II., Lang und Raht. Auf der Tagesordnung befindet sich heute: 1) Bericht des Ausschusses über den Antrag des Abg. Bertram und Genossen, die Beseitigung der Uebergangssteuer bei den Wei­nen welche ins Preußische gehen, betreffend. Berichterstatter ist GergenS. Nach einer kurzen Debatte, an welcher sich die Ab­geordneten Jung IL, Braun, Hehncr, Bertram, GergenS, sowie Regierungskommissär Scholz betheiligen, erhebt die Kammer nachstehenden Antrag des Ausschusses: ,

„Die Kammer möge die Regierung ersuchen, bei der National- ' versammmlung und der Königl. Preuß. Regierung Schritte zu thun, daß dieUebergangssteuer sofort ausgehobenwerde,

sowie auch daß die mancherlei Belästigungen, welche dies­seitige Geschäftsleute durch die preuß. Zollbeamten zu er­dulden haben, aufbören; im Falle, daß die Regelung der Zollverhältuisse Schwierigkeiten habe und die grüße Be­steuerungsverschiedenheit die sofortige Aufhebung der Uebergangssteuer nicht gestatten sollte, gemeinschaftlich mit den übrigen süddeutschen Regierungen eine unverzügliche Einigung mit den nördlichen Vereinsstaaten über eine ent­sprechende Herabsetzung der NebergangSsteuer zu erwirken." einstimmig zum Beschluß. 2) Die Anträge von Siebert und Creutz auf Herabsetzung der Diäten, resp, auf Herabsetzung deS SkaatsdienergehaltS während der Sesston. Eine Diskusston und B schlußnahme über die beiden vorgenannten Anträge findet jedoch nicht statt, weil die Antragsteller in Erwägung, daß die jetzige Session bald zu Ende gehe und in fernerer Erwägung , daß die Diätenfrage ohnehin demnächst bei der Revision deS Wahlgesetzes zur Sprache kommen müsse, ihre Anträge als selbstständige zurück- gezogen^und selbige dem VerfaffunzSauSschuß zur geeigneten Rück­sichtnahme überwiesen haben.

v Nationalversammlung zu Frankfurt.

197. Sitzung.

ES wird sofort nach Verlesung des Protokolls mit der Tages­ordnung begonnen. Romer spricht als Referent für das Mi- noritätserachten, und beginnt mit Wiederholung seines Wider­spruchs gegen Wurm'S Behauptung, der König von Württemberg habe im vorigen Frühjahre dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone angeboten, und entschuldigt die Wiederholung damit, daß Gagern gestern diesen Punkt nochmals erwähnt habe. Es sei zwar richtig, daß man damals in Stuttgart erwogen habe, ob nicht die Leitung des neu zu schaffenden Bundes an Preußen zu verweisen wäre, aber von einer Kaiserkrone sei gar nicht die Rede gewesen. Jetzt stehe iu Württemberg der Entschluß fest, ob nun das Haus Hohenzollern die Kaiserkrone erhalte oder nicht, jedenfalls treu zu Deutschland zu stehen. (Beifall.)

Er theilt die Furcht vor einem Krieg mit Rußland oder Frankreich nicht. Oesterreich habe genug mit sich selbst zu thun. Also diese Besorgnisse seien leer und nicht geeignet, die Beschleu­nigung des Verfaffnngswerkes zu motiviren. Störunge» des Verkehrs und Mißtrauen zwischen den Staatsbürgern und den Regierungen seien allerdings vorhanden, aber hauptsächlich durch die fortgesetzten Agitationen der Furchtsamen, welche den Kredit gestört nnd das Vertrauen untergraben hätten. (hört! hört!)

Durch einen Erbkaiser würde das Vertrauen auch nicht wie, der hergestellt, Bureaukratie und Reaktion auch nicht abgeschafft, jeder Widerstand gegen die Grundrechte auch nicht beseitigt wer­den. Was Oesterreich aubetrifft, so müsse er wiederholen, daß Oesterreich sein letztes Wort noch nicht gesprochen habe und daß es jetzt zu sehr mit Krieg und innern Zerrissenheiten beschäftigt sei, um sich anhaltend mit seinem Verhältniß zu Deutschland zu beschäftigen. Aber ein Grund ist nicht da, ihm nicht noch eint Frist zu gestatten, darum sollte man die zweite Lesung der Ver­fassung nicht beschleunigen. Geben wir jetzt Oesterreich auf, so haben wir es für immer verlöre», und reizen es, wenn auch nicht geradezu zum Krieg, doch zu fortdauernden Machinationen gegen die allgemeinen deutschen Angelegenheiten.

Sonach wird durch einen preußischen Erbkaiser die Ruhe nicht wieder hergeflcllt, noch ein besserer Zustand des Vaterlandes ge­sichert. Und wenn auch Welcker auf die Revision der Verfassung vertröstet, so steht dann immer dem Erbkaiser das absolute Veto zu, womit er jede Abänderung verhindern kann. Die Annahme

Heinrich von Gagern

(Aus der „Neuen Zeit.")

Diese alopothischen Staatsoperateure betrachten sich in ihrer ärztlichen Liebe gewöhnlich selbst als volkofreuud- lich gesinnt und jeder unter ihnen sein System als das einzige Heil der Menschheit. Diese Art von Volks- thümlichkeit scheint ein Familienzng der Familie Gagern zu sein und mag schon früh dem Sohne zum Sporn ähnlicher Auszeichnung gedient haben. Die englische Politik war immer das Steckenpferd freisinniger Staats männer Ju ihr findet sich die ganze Scheinheiligkeit einer vvlksthümlichcn Verfassung und Nationalität, für welche die Chartisten und Irländer den sprechendsten Be­leg geben. Den Acel auf englische Grundsätze u basireu, (durch den Grundbesitz zu kräftigen und dessen eigenes Interesse an das des Landes und der Gesammtheit zu knüpfen,) scheint eine Lieblingsidee des Vaters zu sein und mit seinen Auswanderungs- und Colonisirungspläuen, wie mit seinen patriarchalischen Neigungen in Verbindung zu stehen.

So erhielt der Name Gagern einen aristokratisch frei­sinnigen Klang. Dieser Liberalismus par excellence, dieser Freisinn nach vorgeschricbcnen Endreimen mußte als der erste und mächtigste Eindruck sich tief in das Gemüth des Sohnes prägen. Daher stammt der roman­tische Zug, dah ritterliche Wesen, das mehr rückwärts

als vorwärts blickt und mehr in den gefeierten Helden als in den Märtyrern der Vergangenheit seine Vorbilder sucht. Was bereits die Sanction erhielt und unter den Koryphäen Vertreter fand, ist deßhalb berechtigt: so ein Alexander wie Diogenes, wenn ersterer ein Fürst ist oder doch ein fürstliches Reich gründen will und letzterer sich darauf beschränkt, Menschen zu suchen. Dagegen ein Sokrates, der sie frei aus der Natur heraus bilden will, der die Götter läugnet, und dadurch die Religion gefährdet; ein Aristophancs, der die Staatsmänner öffent­lich verhöhnte; eine Demokratie, die ihre Richter un­mittelbar selbst wählte; ein Crispin, der den Reichen das Leder nimmt, um den Armen Schuhe daraus zu machen — Dies Alles ist nur für Griechenland rechtsgiltig und nothwendig, indem es dort weder Staatsakadcmien, noch eine christliche Religion, noch ein Preßgesetz, noch ein Zweikammersystem, noch indireete Wahlen, noch englische Armenanstalten gab. Unb diev kam daher, daß sich „die von der Natur dictirte Fundamentallehre von der drei­fachen Gewalt" noch nicht entwickelt hatte. Daher ist sogar die Demagogie bis zum Jahre 1848 berechtigt, so weil sie bis dahin ein würdiges Ziel (ein deutsches Reich, einen deutschen Kaiser) erstrebte. Aber eine De­magogie, die mit armen Teufeln für ein besseres Loos schwärmt, die mit pöpelhaftem Lumpengesindel fraternisirt, die mehr als eine ärztliche Fürsorge auf dem Wege der gesetzlichen Blutegel verlangt, diese muß nothwendig für Hochverrach gelten.

Diese Bemerkungen dürfen wir wohl als einleitenden Prospcctus einer Charakterschilderung Gagern's voraus­schicken.

Die folgende biographische Einleitung entnehmen wir dem eben im Frankfurter Converfationsblatte erschienenen Aufsätze „Gagern," welcher sich gleichfalls auf „Rotteck's Staatslexicon" stützt.

Wie einer der Patriarchen der Vorzeit lebt der zwei­undachtzigjährige Greis (Gagern's Vater) auf seinem Landsitze Hornau im Nassauischen und unähnlich dem Vater Mirabeau's, welcher das größere Talent des Sohnes mit Eifersucht und Haß betrachtete, sonnt er sich im Ruhme Dessen, dem er das Leben gegeben.

Heinrich Wilhelm August von Gagern wurde am 20. August 1797 zu Weilburg in Nassau, wo sein Vater damals geheimer Nath und Regierungspräsident war, geboren. Er erhielt eine äußerst sorgfältige Erziehung, die jedoch vorzugsweise auf eine militärische Laufbahn hinsteuerte, wie sie schon sein älterer Bruder Fritz an« getreten hatte. Im dreizehnten Jahre trat er in die Militärschule zu München ein, wo er die beiden Kriegs­jahre 1812 und 1813 zubrachte. Später verließ er die Anstalt wieder, um sich einem bürgerlichen Berufe zu widmen, da mit dem Abschluß des Pariser Friedens jede Aussicht auf Krieg vorüber zu sein schien.

(Fortsetzung folgt.)