Freiheit «nn riecht'."
1849.
Wiesbaden. Montag, 1. Januar
Mit dem 1. Januar beginnt ein neues Abonnement ans die „Freie Zeitung". Unerschütterlich wird dieselbe an ihren bisher verfochtenen Prinzipien festhalten. Sie wird „die Gleichberechtigung Aller im Staate" unausgesetzt vertheidigen und da diese „Gleichberechtigung Aller" nur in den sogenannten demokratischen Grundsätzen ansgesprochen ist, so wird sie für letztere einsteheu. . . .
Die „Freie Zeitung" wird sich nie und nimmer dazu hergeben, unsere faulen Zustande der Gegenwart zu vertheidigen, oder zu beschönigen. Des Volkes Elend ist noch viel zu ungeheuer groß, als daß" das blanke Schwerdt der Opposition schon in die Scheide gesteckt werden könnte, — nein, wie alle Welt weiß, sind wir jetzt wieder zu einem solchen Grade der Reaktion angelangt, daß mehr als je dieß Schwerdt des freien Worts ge- zogen werden W^,^ Errungenschaften des Märzes sind nicht solche des ganzen Volkes geworden: die Beamten und Geldsäcke haben allein wieder das Fett abgeschöpft und das arme Volk, welches mehr Steuern zahlen muß, wie früher, ist lc-r ausgegangen
Eine Errungenschaft — das heilige unschätzbare Gut der Preßfreiheit — hat man uns zwar zu schmälern versucht, aber keine Frevlerhand hat sie bis jetzt zu rauben gewagt. Dieß „Heilige Gut" wollen wir treu zu bewahren suchen und, soviel wir vermögen, cs zum Heile und Nutzen des Volkes auzulegen bem iZ se.n.
Leitende Originalartikel werden jeder Nummer vorangeschickt werden; du. Verhandlungen des nassanischen Landtags werden w.r in größter Schnelle zur Kunde unserer verehrten Leser bringen; tüchtige und freisinnige Männer in allen Teilen des Landes werden uns durch häufige Corresponveuzen unterstützen. Bei allen wichtigen Ereignissen wird, wie bisher, dem Hauptblatte eine Beilage beigegeben llerven.
Die „Freie Zeitung," das von den nassauischen Zeitungen bei weitem am meisten verbreitete Blatt ist auch ganz besonders zu A.'tzeigen aller Art geeignet.
Bestellungen darauf beliebe man $if machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunä hst gelegenen Postämtern — Der Abonnements-Preis vom 1. Januar au beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr., Halbjährig 3 fl. 33 fr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen Herzogthums Nassau vierteljährig 2's. 12 fr., halbjährig k fl. 23 fr., des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2fL lösn, halbjährig 4 f. 30 fr., innerhalb aller übrigen Thurn- und. Tarw- schen Postbezirke 5 fl. D i 0 N e d a k t i 0 U.
Abschied vom Jahr 1848.
§ Aus dem Amte Weilburg, Ende D?c. DaS Jahr geht zu Ende: was haben wir gewonnen? die „Einheit"? — Deutschland ist zerrissener, als jemals! — Kein Fürst gibt Etwas von seiner Souveränität aus, und Oestreich hat sich gar förmlich von Deutschland getrennt! — Die „Freiheit" ? Die absolute Herrschaft steht wieder fest und wirft selbst den Schein des Konstitutionalismus verächtlich von sich; die zur „Vereinbarung" berufenen Volksabgeordneten in den einzelnen Staaten werden nach Hause geschickt, und dem Parlament $fb es bald eben so ergehen! — Den „Volkswohlstand"? Die Staatslasten haben sich um ein Bedeutendes vermehr und alle Geschäfte stocken. Und waS haben wir, die wir für die Einheit, die Freiheit und den Wohlstand des Vaterlandes gekamp t haben, für unS selbst gewonnen? Wir haben den Haß Derer, welche die Gewalt haben, auf uns geladen; wir haben unfrn Rücken den Prügeln und Fäusteu des irregeleiteten Theiles des Volk s ausgesetzt; wir haben unsere Freunde oder Anverwandten uns entfremdet; wir haben unsere Stellung oder unser Vermögen auf geopfert, oder wir haben uns eine Wohnung bereitet hinter den Eisengittern der Kerker mau ern, oder in der Fremde fern von dem Lande, das uns geboren! D-S haben die Demokiaten gewonnen! Sollen wir nun bereuen, was wir in diesem Jahre gethan haben? Ihr meint das, die ihr j tzt triumphirend uns zuruft: seht, wie wir recht hatten, ihr habt zu früh ange- fangen, wir sagten's immer, das Volk ist noch nicht reif! — Ich möchte wissen, ob derjenige, der einst von dem „unreifen" Volke der Juden gekreuzigt wurde, weil er sein „Wehe" über die, welche die Gewalt hatten, ausgerufen, — ob dieser große Demokrat, als er da zwischen Himmel und Erde am Kreuze hing, bereute, was er gethan? Ich möchte wissen, ob Huß, als er die Flammen seines Scheiterhaufens um sich auflodern sah, bereute, daß er den Pfaff n den Krieg erklärt hatte? — Ich glaube doch schwerlich! Nein, ehr Guten, nur der Tropf oder der Schurke bereut hintennach, was er gethan hat! Nichts, was für eine höhere Idee gethan worden, ist vergebens gethan! Es wird bald die Zeit kommen, wo ihr die Früchte drssn, was wir gewirkt haben, sehen werdet, ihr werdet bald die „Drachenzähne", die wir, wie ihr euch ausdrücket, ge- säet haben, aufgehen sehen! Uno dann werdet ihr erkennen, daß wir nicht „zu früh" begonnen haben! Die Eiche fällt freilich nicht auf den ersten Hieb, fonbirn erst nach dem allerletzten; aber daraus folgern zu wollen, daß der erste unnütz sei, das wäre ein sonderbaier Schluß, da ja der letzte enn'ch idende Hieb nicht gethan werden kann, wenn nicht zuvor der erst? geschehen ist. — Nein, das Bereuen wollen wir der Bourgev sic überlassen, die hauptsächlich den Sieg des Absoluticm.es ruf dem Gew ffen hat, und die jetzt schon rheilweise .inzusthen beginnt, daß, wenn man uns gefolgt hätte, te Wiedergeburt des Vaterlandes vollbracht worden ,oäre. So aber endet das Jahr unter einem geistigen jb materiellen Drucke, der härter ist, als zu den Zei- ,r Metternichs. Wir haben das Alles voraus- 'gt; aber man hat es nicht geglaubt, und wer nicht ii will, der muß fühlen! Die Demokratie ist in »großen Kampfe des Jahres 1818 unterlegen; die aeoisie, die in grandioser Verblendung nur ihren ächsten Vortheil vor Augen hatte, hat ge- . Aber wir hören sie schon im Geiste aus- „o weh! ich hab' gewonnen!^
O Aus dem Amte Weilburg. (Petition der nassauischen Hütten deslßer an die Versammlung der Landcsdeputirten zu WlcF^. baden.) Die nassauischen Haltende sitzer £abea nachstehende Petition, tüoiin um Schutz für die vat rlan- d.sche Arbeit nachgesuchtZvird, an Oie Nassauische Kain--, mer cingesenbct: ' . r
Hohe Versammlung!
Die Unterzeichneten hat ein bis hierher noch nicht erlebter, ungemein trauriger Zustand ihrer Geschäfte zu gemeinsamer Bitte vereinigt.
Die Ursache Dieselben ist bekannt ünorrSrfrrf; die allgemeine Noth spricht so beredt von form Mund? zu jedem Ohr, das ganze Volk blickt mit so ängülecher Spannung dem nächsten Verlaufe unserer thatenreichen Zeit entgegen, daß es keines Ausdruck's mehr bedarf, um das traurig stllle Einve ständniß Aller zu bekun en, daß unser gemeinsames Vaterland in seinem Entwicklungsgänge von G fahren tausendfach umgeben sei.
Niemand aber suhlt dies mehr, w e der Gewerb- treibende, keinen ergreift die Noth der Zeit so stark, so unmittelbar wie ihn, dessen ganzes Vermögen fast mit der Erlahmung der Geschäfte in Frage gezogen ist, dessen Stehen oder Fallen so vielen Familien eine sichere Erestenz erhalten oder den Untergang bereiten wird. — Seiner Stimme verschließe man nicht das Ohr, denn er kennt Oie Roth deö Volkes von Angesicht zu Angesicht, ihn hat sein Beruf, sein ganzes Wir- ken gelehrt, die eigene Toat-gkeet aus dein Höheren Gesichtepunkte, aus dem Pstichtgkfuhle herzulliten, seinen Standpunkt in der bürgerlichen Gesell chast mit der B;- f munui 5 uned segensreichen Wirkens in weit-m Un- kreise zu vereinigen, so sehr man auch stets bereit ist, seinen Handlungen nur Beweggründe der Selbstsucht unterzuichieben.
Groß, unendlich groß ist die Noth, die bald ein* brechen wird, und wir wagen eS nicht, die Folgen zu schillern, die kommen werden, wenn der letzte Damm, der dem Hunger des Volkes wrhit, gefallen sein wird! — Es ist unsere Pflicht, tüS Drohende rückhaltslos zu schildern! U fr guter Wille dauert fort, aber die Mut l hören auf, auch die, welche hohe Versammlung mit dank-nswerther Bereilivsti^kell gegeben hat. Erhebt sich nicht bald wieder der Handel, ergeht richt bald die Nachwage nach unsern Produkten, dann ist der Stillstand aller Werke auszezpioch n, dann sind tausende von Familien brodlos!
Di's sei genug!
Wir legen aber hiermit nich die ung-stumme Bitte vor den V rtretera unserer J t ressen ni.der, daß sie btejen jetzt aufhelfen, daß sie der großen Noth im Momente steuern sollen; denn Unmöglich; s verlangen wir nicht. —
Vorfühien müssen wir jedoch das Bedenkliche unserer Lage und ihre Einwiikungen , denn wir zeichnen damit den Umriß des düsteren Beides einer Zukunft, die nicht ausbleioen wird, wenn die Gesetzgebung das materielle Volks wo hl nicht sicher stellt. Ja, wir möchten der Fügung, die uns zu diesem Punkte führte, danken, statt sie zu beklagen, wenn gelesen würde, gelesen von Deutschlands Vertrauensmännern, was zwischen den Zeilen d r Geschichte unserer Taze zu lesen steht. Es ist die ei fache Wahrheit, so un- läugbar, wie die Wechselwirkung zwischen Körper und Seele, daß ein Volk erst materiell in seinem großen Haushalte gesunden müsse, ehe denn eS die Freiheit zu
ermeiben, ehe es die Beschcerte festzuhalten v ringg. Ungesund, vercherflA war aber die Kâik der Vergangenheit, verachtet, verhöhnt, und cy-ßbrauHt • unser Volk. Baue, es jetzt seinen Staatsban auf bef . feie» Pfeilern auf. . -
D i e Ma ch t. der Arbeit hat man nicht aner* krnut^ bem fleißigsten Volke der Welt, hat man di? es E'emcnt' seines Gluck?s nicht sicher gestellt, man ist der Pestimnmng nicht gelo'gt, die eine höhere Hand dem i Menschen gab. Nur die Arbeit schafft Selbstständigkeit unb durch sie — die Freiheit. —
, ’ -Die Schranken fallen j tzt, die ein großes Völk kN Sonderi ter ss u, trennten, man reicht sich die Hand zu h ‘sauern Der Si^K^g — wohlan brnuJ io vcrlc l e lief» auch dem Volke die Eimichtungen, die seinen Verband erhalten, sein? Größe sichern können. Sind wir fft ei st zu einer Nat on gewo den, so schaffe man auch ein nationales System unseres Handels, sopfl'ge man auch im Schutze der Arbeit endlich die oft ztltretenen Keime einer materiellen Größe, die unS den anderen Nationen erst gleich ß Um soll n. Beda f es mehr als die Hindeutung auf den Entw cke- lun^zsgang dieser, um das Rechte zu wählen? Wi d man, prüfend die Ergebnisse der Geschichte, bm z^eist nicht ei kennen, der aus der Ges'tzgebung entsprungen, du ch alle Schichten der Gesellschaft reges Leben, Thätigkeit unb glückliches Gedeihen wi kt? Man w rd ibn U'cht abläugnen, nicht verwerfen können und doch peinigt u s das ängstigende Vorgefühl vereitelter Hoffnung und doch b oht uns unh.ülvei kündend der bethörend? Ruf nach Freiheit des Handels, de, die Massen, die nicht weiter denken als ft? sehen, auffheb ft und irre leitet, da sie nicht ahnen, daß hier das s.rne Wort „Freiheit" Bestrebungen birgt, die nichts weniger, als freiheitsfreundlich genannt zu werden verdienen.
Eine mächtige Partei ist mit allen Mitteln gegen unser Prinzip in die Schranken getriten, die Partei der Freihändler verbreitet ihre Lehren unermaeet und erfolgreich, w-il st? mit vecfübreiischen Scheing ün- ben anstatt und dem Volke ein Utopien der Glückftlig- k'it vorsp e.^e t, da dieses gerne nach glänzendem F itter hascht und das Wahre, das Reell? jum Op'er bringt. — Beiticherung b^r E-zeuger auf Kosten der Ve- brauchenden ist das t ivial? Schlagwort, das in s imr Oberflächlichkeit besticht uub die schöne Kette der W ch- selwirkungen, m t der eine geschützte Jadustri? aUe Jn- t " ss?n eint, aus ihrem Zusammenhänge zu reißen strebt. Mag die Auswanderung der Kapitale und der Arbeitskräfte fortdauern, mag die Lerd enstlosiq- keit das Unersetzliche, daS geistige Kapital der Geschicklichkeiten in andere Welkchell? t eib n, mögen bi? nuoeu Sch ife der Statur, zum Segen des Landes, zur Erweckung geistiger und physischer Thâ- tigkeit, zur Beglückung des Volkes, im Swooße On- Eid? verborgen, nie unter der büdxnven H nid des Fleißcs sich umgeKaltm; dennoch w rd die allgemeine Völkergl ückseligkeit aus dem Freihandel auf blüh n! Uno begegnen auch die Verbreiter die er 3 'cen überall der schlaaenoen Wahrheit der Satz? ihrer Gegner und bieten sie auch dadurch zu einem Vergleiche scheinbar bis Hrnd, indem sie gewiss? Zollsätze für die Einfuhren des Auslandes zugestehen, so hegt in diesem Ei tgegenkommen gerade bie g öße ? Gefahr, weil es zu halben Maßregeln verleiten sönnt ’, die statt einer raschen, aber glücklicheren V rinchtung u ferer Industrie, deren Siechthum und qualvolleres Erlösch?» herbeiführen würden. — Die Wahrheit laßt sich
