„âeiheit und Neckt!"
275, Wiesbaden. Freitag, 2S. Dezember Z8â8.
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0 Anarchie und Ruhe.
Biebrich. Man könnte sagen: eS ist weit gekommen. Berlin wurde in Belagerungszustand erklärt, weil es zu ruhig war? Aber ich frage, war diese Ruhe nicht eine hochverrätherische, den Absichten der Krone durchaus widerstrebende und somit verbrecherische That? — Wrangel läßt die Schwerter haarscharf schleifen, die Plakate, welche wegen auSge- brochenen Unruhen den Belagerungszustand anösprachen, sind bereits gedruckt, und das Berliner Volk erkühnt sich, ruhig zu bleiben, die allerhöchsten Plane frech zu durchkreuzen. Ist das nicht Anarchie? O gewiß, Anarchie der gefährlichsten Sorte! Das Berliner Parlament hat sich ja doch so oft für selbstische Zwecke erhoben, und jetzt, da die Krone nach einem Aufstand lechzte, blieb es ruhig und ließ die Regierung in ihrer allerhöchsten Verlegenheit. — O Berliner Volk, wie hast du dich verwandelt, wie ist die Liebe zu deinem angestammten Herrscher erkaltet! — Nicht einmal Krawalle, die dir doch in der letzten Zeit zum Bedürfniß geworden sind,— nicht einmal Krawalle arangirst du, auS Begeisterung für deinen König.
Man wäre ja mit einer Kleinigkeit zufrieden gewesen; — aber nein — kein freundliches Entgegenkommen , kein Mißverstândniß, kein auS Versehen lod» gehendes Gewehr, — nur Ruhe, maliziöse, hoch- verrätherische Ruhe.
WaS das Verbrechen noch schrecklicher macht: das Volk wußte, was es that; eS war ihm klar, in wel. cher Wâ es MM MeuMaig eme unendliche Mude hätte bereiten können — und sollte man eS glauben, — keine Hand regte sich, daS Straßenpflaster, Alles blieb ruhig. — Ich meine, eS ist dies die Ruhe vor dem Sturme. Und die Nationalversammlung? Hat sie durch ihre Handlungen etwa daS Mindeste zu dem Beweise beigetragen, daß wir für die Freiheit noch nicht reif find? — Im Gegentheil, Angesichts der Krone erfrechten sich die Abgeordneten, eine politische Reife zu erheucheln, die sich nur für Republikaner von Handwerk schickt, erfrechten sie sich, die „Constituante", als solche aufiecht zu er» halten. Sie gingen sogar so weit, das „von GotteS Gnaden" als veraltete, unberechtigte Floskel abzuschaffen. Welche furchtbare Anarchie! Um endlich ihrem anar. chischen Treiben die Krone aufzusetzen, verweigern sie die Steuern, nicht bedenkend die kostspieligen Vorbereitungen, nicht bedenkend die Ausgaben, welche der Krone auS dem Schleifen der Säbel erwuchsen.
Hat die Berliner Versammlung der Bewegung gehuldigt, so ist die Frankfurter die Vertretet in der Ruhe.
Nicht nur, daß in der Majoiitât ihrer Mitglieder der Geist der Ruhe und Gesetzlichkeit athmet, sie hat ' sich auch einen, mehrere Meilen großen Dunstkreis gebildet, in welchem, ihren Einflüssen zu Folge, die Früchte der Anarchie nicht gedeihen können. — Bezüglich dieser weisen Anordnung erlaube ich mir folgende Ergänzungsvorschläge:
1) Es wäre sehr zu wünschen, daß jener Dunstkreis durch einen R eichSgeo meter auf Reichs kosten ab gesteckt würde, damit die heilige Sache der Freiheit nie durch ein Versehen gefährdet werden kann.
2) Die Sache der Ruhe und Gesetz.ichkeit wurde außerordentlich gewinnen, wenn man in jedem Ländchen eine Nationalversammlung einberufen und jede derselben mit einem Dunstkreis versehen wollte, in der Weise, daß die Gesammtheit aller dieser Dunstkreise eben das große einige Deutschland ausmachte.
Die Frankfurter Versammlung wird noch manches erfinden, die Ruhe und Gesetzlichkeit auS der Anarchie siegreich entstehen zu machen. .— Ich meinerseits setze meine Hoffnung auf unsere letzten Reichstruppeu für Freiheit und Ordnung — die Russen — da es jetzt al« len Anschein hat, daß die deutsche Einheit jeden- falls so weit gedeihen wipd.
Gimge Andeutungen darüber, wie (Gemeinden ihre Wdber am zweckdienlichsten aulegen können.
K AuS dem Amte Limburg. Der Umstand, daß au» einer Gemrinoelaqe Geld zur Abhaltung einer Kirchweihe an die Gemeindebürger vertheilt worden sei, hat mich sehr unangenehm berührt und mich bestimmt, meinen lieben Mitbürgern Folgendes anS Herz zu legen.
Hin, Hm, Geld vertheilt, um Kirchweih-Kosten damit zu decken, dachte ich, daS ist freie Gemeindeverwaltung; aber an diese Bedeutung der VerwaltungS- freiheit habe ich nicht gedacht, als daS Volk selbige im März errang. Zwar bin ich von jeher gegen das lei» dige BevormundungSsystem gewesen 'uno habe gar manchmal meinen Unwillen darüber ausgesprochen, und für die Selbstständigkeit der Gemeinde nach Kräften gearbeitet: allein eS muß doch im höchsten Grade entrüsten, wenn man mit dem Gemeindevennügen nicht HauS zu halten versteht und Geld zu so unnützen Zwecken verwendet. Ich weiß andere Zwecke, zu deren Erreichung ihr euer Geld nöthiger zu brauchen habt. Ihr werdet mirö wohl nicht übel nehmen, wenn ich euch auf ein paar nützliche Anstalten, die zu errichten sind, aufmerksam mache. Vor allen Dingen mangelt euerm Schulwesen noch gar viel; da fehlt eine Klein
kinder- und Bewahranstalt. Ihr wißt, daß die Kinder erst mit dem sechsten Jahre in die Schule gehen, und vor dieser Zeit zu Hause von ihren Eltern erzogen werden sollen. Sie werden zwar aufgezogen, d. h. genährt und gepflegt, daß sie groß und stark werden, aber um ihre Erziehung stehtS bei den meisten schlecht, bet vielen ziemlich, bei wenigen gut. Daß cs so traurig aussteht, kommt daher, weil die meisten Eltern ihre Kinder nicht gut erziehen, d. h. neben körperlicher Pflege auch die geistigen Anlagen erwecken, stärken, bilden, ihr Herz veredeln und ihren Willen und Sinne aufs Gute und Schöne und Wahre hinlenken. Hierzu fehlt es ihnen theils an Geschick, theils an Lust, theils an Zeit, theils an Willen; manche sind selbst nicht erzogen. So wachsen die Kinder ziemlich roh auf dazu fommt noch, daß sie auf der Straße und in böser Gesellschaft vieles Böse sehen, hören und lernen Daß nun die Kinder vor dem sechsten Jahre, unter Aufsicht, angenehm, geregelt und nützlich beschäftigt, an daS Gute gewöhnt und von dem Bösen abgehalten werden, daiüc soll die Kleinkinder- und Bewchranstalt sorgen. Diese ist also sehr nothwendig. Ihr werdet dann später sehen, wenn ihr sie errichtet habt, wie eure Söhne und Tochter in der Schule lernen und Fortschritte mach'», ja wie die Wirksamkeit dieser lediglich von den Leistungen jener abhängt. Ferner wißt ihr, daß die aus der Schule entlassenen Jungen mehr Lust an Rohheiten und bösen Streichen, als am Fortlern n haben, und das tu der Schule Erlernte gar bald vergessen. Dam't es nun erhalten und noch manches Gute hinzugelernt werde, dafür sind ganz vortrefflich die Fortbilduugü- schulen, welche nach ihrem Zw.cke Gewerbe , Ackerbauschulen rc. heißen. Wie nothw »dig eine Gewerbeschule — wenn auch in Gestalt der Sonata,g- und Abendschule — ist, will ich euch b weisen. Unsere meisten Handwerker sind bloße Nachahmer, d. h. waS sie als Lehrjungen und (Meilen von «Hn Me stern lernen, dabei bleibt- ; sie belämmern sich nich' da um den intelligenten Theil der Gewerbe, worauf die Hebung derselben beruht, kennen zu lernen. Dieser intelligente Theil , Mathematik, wozu die darstellende Geometrie und das konstruktive Zeichnen gehört, und die Naturwissenschaften, unter welchen Physik und Chemie zu verstehen sind, werde in der Gewerbeschule gelehrt. Hierdurch erst wird der HandwerkSstand fähig gemicht, etivaS Tüchtiges zu leisten, sein materielles Wohl zu befördern und ein würdiges Glied der Mensch',,- und Bürgerwelt zu werden. Diese Fortbildungsschule b>« greift auch die Ackerbauschalk in sich, worin Alles ge« lehrt werde, wiSin einem landwirthschastlichen Institute vorgetragen wird.
Zue Fortbildung der Erwachsenen weiß ich euch ein ganz herrliches Institut zu nennen, nämlich den Lefever ein. Jede Gemeinvk trete zu einem Vereine zu«
W baffen bet evustitutivuelle« Lpi, si- bürger».
I. -
I „Mit meinem Lchwan-MoU,.Gold-Band auf 6er Brust! ®o fordere ich die ÜMbltr in die -chraukw.z, So Ian,, ich dieser Waffe mir bewußt, So lange soll die Hrduuug uimuier wanken."
„Da« Schwarz ist ihnen «yrlin'l, so saget man ilnd Roth an mir! Macht sie gewiß errathen. Hilft 2teide« nicht, versuch ich e«, wohlan!
3l)iitu mit ivv ld da« lose Maul zu Indien."
II.
Rrttvld 9hiße.
Mit oft in den tpenwrdotw von Halle Malffl den mblliitmi Ulisse Du zu knacken, | f'1' bi« itutt MH, versteh'« zn packe«, »Neil all ihr Dduf„, mir von leerem H Malle, triebst du fit ,„ Frankfurt In die Falle! wie packtest Dn mit SM^ weifte» Jacken Mc de»,scheu Phrase«mache, »» dem Racken, WH bebten nud mit schimmnen Wa^e Aste!
Fahr Du nur fort, den Menschheit zur ErbauUbg, gu lehre» Düne „neue Weltanschauung"
Die zu besp-itelu dumme sich vermessen.
Vioch manchen wirst Du locken von dem Dse«
Und nennen wird man noch Dich Philosopheu, Wenn jener „dMe" lange schon vergessen.
Sv lebt Hieb stirbt brr ^lruir.
Cpzähll,iig aus dcm Lebe» des Volkes.
Plön
cd r II ft WilIkVIIIIII.
(Wut* den „sttheinischen Jahrbuch,«,".)
fFortsepttUA.)
Hub weil grade aus ter Ferne auf den Fittichen des Windes b,e harmonischen Klänge einer Dvrsglvekt über Vas Blgchfelv zogen, die zum Feierabend läutete, nahm der Weber seine Mütze ab, faltete die Hände darüber und sprach recht aus dem tiefsten, glänbigfle» Herzen ein 'indächttgea Webet, Dadurch gestärkt, betrat er das Dölls mit mehr Muth und Vertrauen, als er es vor einigen Kunden verlassen hatte.
Vamimm ging re tte Waffe bmab, lebn es bangte ihn« vor der Haimkunst: Niemand fMegltöte ihm, es war
still und öde, wie meistens nm d^ese Stunde aus den Dörfern, deren Beivohner im Sommer mit der So: ne zn 2ktt zu gehen und ebenso mit ihr wieder anßufh ben pflegen. Hie und da hörte er in den Häusern, an denen er vorübergehen mußte, ein Lied singen, manchmal von einer einzelnen Stimme, manchmal von mehreren. Es waren aber stets ärmliche Wohnungen, aus denen solcher Gesang in die herabstnkende Nacht lnneiithallte. Webb habende unterlassen solche nnnlosc ângöbnngen, da sie zn genau wissen, daß auch mit pem inbrünstigsten Gebet nicht ein Groschen zu verdienen ist Nur der Arme, der noch hofft, ist so albern, mit seinen Bitten sich unmittelbar an den Herren Hnmmlo >md der Erde zu wende«, da ihm auf Erben gibst Niemand tue rettende Hand reicht, hu Geiste sana -Moser all tiefe Liebrr, deren Melodiken ihm wohl bekannt waren, mit und sah endlich Fürchte
eben in n-nuinh m Nebelgran vor sich liegen Ein Vul'i strahl fiel durch ben ^ palt eine» Fensterladen», der nnbt feil geschlossen war. Dahinter lag Susanna.
„Wert ich eine glückliche Mutter begrüßen?" sagte Moste, mit erhob sragend den 2Mi<f znm man gestirnten Himmel. Dann drückte er faust die Klinke der Hans- thür auf mit trat in die Hü,w.
Er lauschte mit horchte, ob er da» Geschrei eines Nonqebörentn vernähme, aber es blieb Alles still. Mir hi Fürchtegvu'» Stube schnurrst noch das Spnlrad in regelmässig steigender mit sakkenbrr Aöüschwmgnng. Hitler lautem .Herzklopfen stiess Mvser behutsam die Stuben-
