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„âeihert und Recht!"
^ 230♦ Wiesbaden. Dienstag, 7. November 18^8.
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△ Das Programm des Reichsministeriums.
„ Ehrlich währt am; längsten." Dieses Sprüchwort des deutschen Philisters, welche Verbreitung hat es nicht in allen Schichten der Gesellschaft gewonnen, welche vielfache Anwendung hat es nicht bei allen menschlichen Berührungen im Handel und Wandel gefunden und dieser Satz sollte in der Politik keine Gültigkeit haben, nur auf diesem Felde sollte man ihn nicht anerkennen wollen? Ei! warum denn nicht? Ja, wir behaupten cs, wir haben die Kühnheit auszurufen, „nur die Ehrlichkeit ist die beste Politik", wir wollen uns nicht enthalten, den Ministeriellen, zwar nicht im Ministerialton, aber dennoch laut genug entgegen zu schallen: „Ehrlich währt am längsten."
Dürfen wir dieses Sprüchwort auf das jetzige Reichsministerium anwenden? Wir sind darüber ein wenig im Zweifel, denn wir wissen ja nicht, in wie weit sich das Schutzgesetz der Volksvertreter in Frankfurt wohl intcipretiren läßt; wie leicht könnte unsere nichtministerielle Weltanschauung mit den Reminis- zensen diplomatischer Künsteleien in Konflikt gerathen? wie leicht könnten wir, die wir nicht Mitglieder des preußischen Schwanenordens sind, mit der nachmärz- li'chen Politik des verjüngten Bundestages unangemessene historische Vergleiche anstellen, und dadurch in die unangenehmsten Lagen") versetzt werden? Wie leicht kann uns alles dieses vorkommen? wer ist jetzt sicher vor diesen unverbesserlichen Anbetern des Vergangenen? wer schützt uns vor den Schwarzgelben? wer vor der Frankfurter Professoren-Hegemonie? Wer schützt uns vor dem gelehrten Fanatismus des reinen Constitutio- nalismns, der mit wahnsinniger Wuth Tag und Nacht arbeitet, die Monarchie mit der Freiheit zu verhei- rathen? — ein Tagewerk, was nimmer seinen Abend erlebt.
Wer kann sich bergen vor diesen Rittern der Constitutions-Idee, welche, fanatisirt von dem Glanz einer Königskrone immer tiefer Hineinrennen in die dynastische Auffafsnngsweise der Volköinteressen!
So wenig wir nun glauben, daß der „Gedanke" der konstitutionellen Monarchie (der in seiner von den Professoren gedachten Reinheit noch bis jetzt sich nie verkörperte) auch fernerhin jemals zu allseitiger Anwendung und auch Anerkennung kommen könne, weil er den Privat-Egoismus der Herrscher und von dieser Seite den Mißbrauch des Stabes und der Staatsgewalt nicht unmöglich macht, ebensowenig können wir uns von dem Gedanken übermannen lassen, daß ein auf konstitutioneller Basis mühsam aufgebautes Ministerium je eine ausschließlich volksthümliche Wirksamkeit haben könne. Wir halten dieses für rein unmöglich. Die Erfahrung aller Zeiten hat es bewiesen, ja sogar bis zur gegenwärtigen Stunde läßt sich die
•) Mainzer Festung n. s. w.
volksthümliche Wirksamkeit eines Ministeriums in aller Herren Länder fortdauernd nicht nachweisen').
Es sei nach diesen Vorbemerkungen nunmehr erlaubt, über die jetzige Lage des Reichsministeriums uns grade so frei auszusprechen, als es unter dermaligen Umständen möglich ist und wie eS Bürgern zukommt, die sich von jeher unausgesetzt mit dem Wohl des Vaterlandes beschäftigt haben.
Auch bei dieser, wie bei tausend andern Gelegenheiten, folgen wir unserm Prinzip der Freiheit und des Rechts, folgen wir den Eingebungen unseres freien Sinnes und des Gewissens und beharren fortwährend auf der jetzt so eng und schmal gewordenen Bahn des ächten Patriotismus.
Es war zur Zeit der Waffenstillstandsfrage, als daö Reichsministerium in eine gewisse Beweglichkeit versetzt wurde; es erklärte eines schönen Morgens, daß es vom Schauplatz der deutschen Politik abtreten wolle, that es aber nur zum Theil, und verfiel darauf wie, der in eine seltsame Stabilität"), a's der Waffenstillstand (schimpflichen Andenkens) genehmigt worden war. Von dieser Zeit datirt sich das kordiale Verhältniß zwischen den Fürsten und der Centralgewalt, das frühere anti-freundschaftliche verwandelte sich plötzlich in ein „herzliches Einvernehmen"; der deutsche Bund hatte die Metamorphose in einen treuen Bund mit dem Prinzip der Fortschritts-Vereinbarung erlitten.
War das nicht auch ein Fortschritt? Die Tendenz des Ministeriums war durch praktische Anordnu gen damals noch nicht gehörig hervorgetreten. Man wußte blos, daß sie sich auf die, seit 1830 erfundene, Doktrin, „das monarchische Prinzip sovielals thunlich mit den Rechten des Volks zu vermitteln", stützte; auch wußte man, daß dieses System die Majorität in der Nationalversammlung für sich hatte. Da man nun täglich und stündlich die Ansichten der Majorität durch die Neven und Beschlüsse hören und lesen konnte, so war es auch ganz natürlich, daß zu dieser Zeit eine spezielle Personalansicht des Ministeriums nicht so nothwendig befunden werden konnte, als gerade im jetzigen Augenblick, wo wieder eine Lebensfrage Deutschlands durch die österreichische Angelegenheit auf der Tagesordnung steht und wo in Folge dieser eine ungeheure Majorität sich gebildet hat, die, wenn nicht alle Anzeigen trügen, mit dem jetzigen Ministerium in keinem Falle zu gehen vermag.
Wir haben die Negierungspolitik des Reichsmini, steriums, wie sie sich bis j tzt geltend macht, nach allen Seiten hin kennen gelernt; wir kennen ihre Verhandlungen mit Preußen, mit Bayern, welchem sie den ungeschmälerten Constitutionalismus , garantirt, garantirt, wir kennen die Operationen mit den Reichs-
*) Allenfalls in Wien? ?
** ) Das krankhafte Anzeichen später eintrctcnder Jnkvmpetenz.
truppen und wissen recht gut, den preußischen Kern ans der deutschen Schale herauszufinden. Und nun verlangt Herr Förster") auch neben diesen Thatsachen ein Programm, er verlangt das schriftlich, was andere Leute schon längst aus den Fakta's überzeugend herausgefunden haben. Das ministerielle Streben liegt uns längst klar vor, warum also nochmals ein Alt nstück, das dieses bestätigt!! Und doch ist es nöthig — dieses Programm, es muß gegeben werden, nicht als Dokument des Vergangenen, sondern als genaue Nachweise der ministeriellen Bestrebungen der Zukunft, ne- mentlich aber der ministeriellen Absichten hinsichtlich Oesterreichs. Dieses ist von der höchsten Wichtigkeit.
Der Herr Reichsminister v. Schmerling gerieth in einen wahren Reichszorn, als das Verlangen eines Programms ihm von Hkrrn Förster in Form einer Interpellation überreicht wurde und fragte der Herr ganz erstaunt, was man denn mit einem Programm wolle da ja seine Absichten aus der bisherigen ministeriellen Praxis genügend hervorgegangen seien. Damit beruhige Dich deutsches Volk, das Programm deines Ministeriums liegt in den Reichsrruppen, tu den Ein- quartirungcn, in den 10 Millionen alle Vierteljahr, in den Huldigungen für Preußens König, in dem Malmöer Waffenstillstand und allenfalls in der zukünftigen Publikation der Grundrechte.' Ist das nicht Programm genug!!
Was wird aber hinsichtlich Oesterreichs geschehen? Wird auch da wie bei der Dislocation der ReichS- truppen, den Belagerungszuständen u. s. f. die compacte Majorität in der Nationalversammlung die Thaten des Ministeriums entschuldigen? Wir bezweifeln es, aber deswegen auch heraus mit dem Programm! Heraus mit deinen Absichten, Ministerium! damit wir wissen, ob wir Dir Oesterreich in Vollziehung der Beschlüsse der Nationalversammlung auch an vertrauen, ob wir Dich würdig befinden können, den Deutschen in Oesterreich eine Stütze zu sein. Heraus, mit dem Programm, Reichs-Ministerium! damit wir wissen, ob Deutschland unter Preußens König ein uckermärkisches Fürstenthum werden, oder ob ein Slave über unsere Brüder in Oesterreich herrschen soll; damit wir ferner wissen, ob sich die Schmach der Völkertheilung wiederholen oder ob Deutschland als ein Ganzes, würdig seiner selbst, dastehen soll.
Heraus mit dem Programm, Reichsministe- rtum, damit uns deine zukünftige Politik klar vor Augen liege und damit wir erkennen, ob sie mit der Volkssouverainetät Hand in Hand geht und ob sie als ein Donnerkeil gegen das reactionäre Gezücht, gegen die Schwarzgelben und Schwarzweißen stehe und falle. Ja deswegen heraus, heraus mit dem Program m!!
Wir verkennen gewiß nicht, wie schwierig eS ist, ein
♦) Man sehe die Verhandlungen der Nationalversammlung — die Interpellation am vorigen Montag.
Auf dem Kirchhof.
Es fällt des Mondes weißer Schein Wohl auf den dunkeln Leichenstein, Wohl auf der Greifes Silberhaar, Wohl auf fein trauerndes Augenpaar.
Er weint um den Sohn, den einzigen Sohn, Der starb im donnernden Schlachtenton, Der warb um des Sieges Lorbeerkranz Wohl für die Freiheit des Vaterlands.
Bei Kandern war's im blutigen Feld, Da kämpft er, ein mnthiger Schlachtenheld, Des stolzen herrlichen Ziels bewußt — Eine Kugel durchbohrte die tapfere Brust.
Nun liegt er so todt, nun liegt er so still, Hört nicht, wie der Vater ihn rächen will, Tief unten im Grab das erlosch'ne Herz, Es fühlt nicht deS Vaterlandes Schmerz.
Der Alte erhebt sich endlich empor, Wischt aus dem Auge den Thräuenflor, Und erhebt zum Schwure bebend die Hand, Auf des Sohnes Grab die Stirne gewandt.
B.
Der dicke Amtmann und sein dünner Amtssekretär.
(Schluß.) II.
Es war am Abend des 19ten Juli. In einer Gar- tenwirthschaft waren mehrere Männer bei einem. Glase Wein vereinigt. Auch der dicke Amtmann und sein Sekretär waren unter ihnen. Diese beiden trugen aber nicht mehr ihre großen Cocarden an allen Kleidungsstücken — D nein sie hatten ihre blauen Fräcke, mit den goldnen Knöpfen wieder angezogen. Die Gesellschaft die in dem Gartenhaus versammelt war bestand zum großen Theil ans Beamten. Man fand da den Amtmann, mit seinem Sekretäre, den Landrath, einen Obermedizinalrath, der sich als ultramontaner Wühler, besonders bei den Bauern eine große Berühmtheit erobert hat, einen Hofrath, der in entzückender Weise für Gervinus, Kunst und konstitutionelle Monarchie schwärmt, und etwelche Offiziere. Allein auch einige Bürger waren dc» Besonders zeichnete sich unter diesen ein dicker Oekonom aus, der in der schlechten alten Zeit in der Kammer ge- scssen hat, und nun auf die neue gute Zeit, und ihre Schöpfungen, an denen der gute Mann leider nicht mit bauen soll, losfährt.
Das ist also die Gesellschaft, in die wir jetzt unsere Leser einführen.
Wir treten ins Zimmer der Herrn und vernehmen vor Allem die durchdringende Stimme des dicken Amtmann: „So muß es kommen! Habe ich es schon nicht immer vorausgesagt?
Da schreien diese Lumpenkerle, diese Republikaner! Sie haben nichts und sind nichts und möchten gerne was werden. Aber ich meine unser Minister hal's ihnen schon gelegt. Hat er nicht recht gehabt, die ReichStruppen hèr- beizuholen? Donnerwetter! wozu haben wir dann jetzt die Reichstruppen? Müssen wir Männer der „Ordnung und des Gesetzes" die Canaille, wenn sie sich regen will nicht sofort aufs Haupt treten? — Wie? Meine Herren, habe ich nicht recht? Sehr wahr haben Sie gesprochen begann mit näselnder Stimme der dürre Sekretär. Da schreit der dumme Pöbel um Freiheit! Freiheit!! Weiß der dann was Freiheit ist? Meine Herren, glauben Sie mir das ganze Volk weiß nicht, was cs will. Es ist immer noch nothwendig daß wir, die wir eine Einsicht in die Verhältnisse haben, es am Gängelbande führen. Und dann das dumme Geschrei mit der Brüderlichkeit! Weiß Gott diese dummen Republikaner mutOcn Einem zu, wir sollten mit jedem Bauernlümmel Schmollis trinken. Doch prosit! Wie möchten sich Gebildete mit solch gemeinem Pack beflecken. So sprach der dürre Sekretär und solches sprach er, an dem Tage, der auf den folgte, an welchem die Reichs- truppen in unsre Hauptstadt Wiesbaden ein- gczogeii waren.
