Mit Zeitung.
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M 22^. Wiesbaden. Dienstag, 31. Oktober 18418.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
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Die Revolution in Wien.
^ Göttingen. Wenn die jetzige Lage Wiens der Warschaus im Jahre 1831 ähnlich sieht, wenn es wahr ist, was Louis Blanc von Polen sagt: „ein Mann und daSSystem der Kühnheit haben diesem unglücklichen Lande gefehlt", - und wenn sich das Schicksal jener todesmuthigen, frciheitbegeisterten Heldenstadt auch an dem todesmuthigen, freiheitbegeisterten Wien erfüllt, dann klagen wir Die an, die sich nicht kühn an die Spitze der Volkserhebung und der Revolution stellten, sondern die unterhandelten und vermittelten, vermittelten mit der Aristokratie, die nicht Schwerdter und nicht Henker genug hat für das Volk, nicht Netze genug, um mit ihnen die Freiheit zu umgarnen, mit diesem Todfeinde, für den kein Schmähwort zu stark ist! Ein Heer nach dem andern konnten die Polen im Jahre 1831 vernichten, der Wahnsinn der Begeisterung, die Verzweiflung der Freiheit stand auf ihrer Seite, sämmtliche Provinzen konnten sie durch eine großartige Propaganda in Aufstand versetzen — sie haben es unterlassen! Die Aristokratie hatte die Bewegung des Volks in die Hände genommen, hatte die Führer des Volks, die Urheber der Revolution verdrängt, hatte dem Heere Befehlshaber gegeben, die zauderten, wenn sie schlagen, die unterhandelten, wo sie den Feind vernichten mußten, — und die Aristokratie hat den Fall Warschau'S, die Unterdrückung der polnischen Revolution verschuldet, hat die Heldenstadt einem Heere von 130,000 russischen Henkern preisgegeben!
Warschau —und Wien: welche schmerzlichen Erinnerungen auf der einen, welche bangen Erwartungen auf der andern Seite!
Schuselka, der ärmlicheMinisterkandidat, Borrosch der friedliebende Vermittler, das sind die Heiden des Wiener Reichstags, das sind die Führer der Wiener Revolution! Warum hat man nicht Auersperg angegriffen, als er in den Mauern Wiens stand, und die Erneute im eignen Lager ihn endlich zwang, sich zu entfernen? Warum hat man nicht die Kroatischen Raubhorden angegriffen, als das Volk noch im ersten Jubelfeuer der Revolution war? Warum hat man nicht die Ungarn gerufen, als sie sehnsüchtig an der Grenze standen, und nur der Aufforderung des Reichstags harrten? Man hat es versäumt, den Feind zu vernichten, hat der Kamarilla Zeit gelassen, neue Truppen zu werben, ihre Heeresmassen unter dem Banner der „Wendischen Grütze" zu vereinigen, hat den Russen Zeit gelassen, sich am Pruth zu organisiren. Und man wird die Früchte mitten. Der Konvent, die unumschränkte Diktatur hat die französische Republik vor der Allianz der europäischen Monarchen gerettet — der „gesetzliche" Reichstag wird Wien der Allianz der Kamarilla und der Kroaten preisgeben. Auf die akademische Legion, auf die Wiener Demokraten setzen wir unser Vertrauen, hoffen, daß sie einen Mann des Volkes oben anstellen, der daS Recht, das heilige Recht des Volkes, den Sieg der Revo
lution wahre, der den Kämpfern der Freiheit neues Leben u. neuen Muth einhauche, der die Demokratie in ganz Deutschland rette! Deutsches Volk, fühlst du die Wichtigkeit dieses Augenblicks: und mag nun Wien von den Kartätschen der Kamarilla und des kroatischen Raubgesindels cingeäschert werden, — oder mag das Volk, das herrliche, ewig preis- und bewunderungswürdige Volk in Wien siegen? — Fühlst du die ganze Größe dieses Augenblicks, wo Freiheit, Bildung, Gesittung, Volksglück, Volksleidenschast und Volksheldcumuth—und Despotie, Raublust, Barbarei, Freiheitshenkerthum, und von Volksthränen schimmernder Kronenglanz den heißen, feurigen, wilden, Kampf kämpfen?
Verhandlungen der Spezial - Synode zu Wiesbaden.
II.
Vormittagssitzung am 25. Oktober 1848.
Bei unserem heutigen Berichte wollen wir uns auf das Wichtigste beschränken und tiefes Wichtigste finden wir in den Verhanolungeu über teil Landeö-Kirchen- vorstand. Nach dem Schulischen Entwürfe 8.17 sollte derselbe aus vier Gliedern bestehen und zwar aus einem geistlichen und einem weltlichen Vorsitzenden und einem geistlichen unv einem weltlichen Stellvertreter, so daß dec geistliche Vorsitzende ven Vollzug der rein kirchlichen, der weltliche Vorsitzende aber den Vollzug der das Eigenthum betreffenden Angelegenheiten zu besorgen haben sollte.
Das Unpraktische dieses Paragraphen muß Jedem in die Augen springen, wenn man bedenkt, zu welcher Haltlosigkeit und Coâsion es führen würde, wenn man 2 Chefs an einer Behörde schaffen wollte. Ueberall muß ein Haupt da sein, das an der Spitze steht. Dieser Paragraph wurde denn auch so zu sagen ganz verworfen und durch einen andern, von Professor Spieß beantragten, ersetzt. Vorerst wurde bestimmt, daß der Landes-Kirchenvorstand aus 5 Gliedern bestehen solle, nämlich einem Vorsitzenden, der ein Geistlicher sein müsse, und 4 Beisitzern, wovon einer ein Geistlicher, die 3 übrigen aber Laien. — Hiergegen wollen wir nichts ein- wenden. Um so mehr aber müssen wir gegen den übrigen Theil des Paragraphen protestiren.
In» demselben wurde nämlich festgesetzt, daß der Vorsitzende aus 9 Jahre gewählt werden, und daß, wenn nach Ablauf dieser Periode die Wahl wieder auf denselben falle, die Wahl auf Lebenszeit gültig sein solle; werde er aber nicht wieder gewählt, so müsse ihm eine angemessene Pension für die übrige Lebensdauer verwilligt werden.
Wir müssen diese Bestimmung in allen ihren Thei, len entschieden mißbilligen. Neun Jahre ist ein viel zu langer Zeitraum, innerhalb dessen viel Unheil ge
stiftet werden kann. Der Fall, daß der Gewählte den Erwartungen der General-Synode nicht entspricht, md zu dem Amte eines obersten Kirchenbeamten völlig untauglich ist, kann immerhin vorkommen, und dann wäre die Kirche übel daran, wenn ein solcher Mann vor Ablauf von 9 langen Jahren nicht entfernt und durch einen tüchtigeren ersetzt werden könnte. Wir sind der Ansicht, daß alle drei Jahre neugewählt werde. Ist der zeitige Vorsitzende gut und füllt er seine Stelle tüchtig aus, so wird er ohne Zweifel stets wieder gewählt werden; taugt er nicht, so kann er doch b.i Zeiten wieder entfernt werden.
Man hat hierbei besonders geltend gemacht, daß, wenn eine Pensionirung einträte, und daS Amt möglicherweise alle 3 Jahre wechseln könne, die Kirche mit Pensionen zu sehr belastet werden würde, daß aber, wenn eine Pensionirung nicht einträte, sich Niemand finden werde, der eine solche Stelle annehmen möchte, daß, wie Herr Kirchenrath Schultz sich ausdrückte, kein Geistlicher, der ein sicheres Stückchen Bwd habe, dieses in die Schanze schlagen werde, um die Stelle eines Vorsitzenden des Landeskirchen- vorstandrs anzunehmen unt sich dadurch der Gefahr auözusetzeu, nach 3 Jahren entlassen zu werden, und weder eine Pfarrerstelle, noch sonstige Subsistenzmittel zu haben.
Was die erste Behauptung anlangt, daß, wenn eine Pensionirung einträte, durch den öftern Wechsel die Kirche zu sehr durch Pensionen belastet werden möchte, so stimmen wir dem vollkommen bei, und deßhalb erklären wir uns gerate gegen diePensioni« rung. Was dagegen die weitere Behauptung betrifft, daß, wenn eine Pensionirung nicht einträte, sich Niee mand finden werde, der eine solche prekäre Stelle annehmen möchte, so glauben wir, daß diese Befürchtung ganz »»gegründet ist. ES läßt sich da leicht ein Ausweg finden. — Vor allen Dingen müssen wir ins Auge fassen, daß die General-Synode nur der tüchtigsten, geachtetsten und allgemein beliebtesten Geistlichen Einen zum Vorsitzenden des Landes-Kirchenvorstandes auswählen wird. — Es wird dies jedesmal ein Geistlicher sein, zu dessen Gewinnung als Pfarrer sich viele Gemeinden deS Landes Glück wünschen würden. — Sollte nun ein Solcher bei der nächsten Wahl des Vorsitzenden nicht wieder gewählt werden, so wird es ihm nicht schwer werden, eine Gemeinde zu finden, die ihm freudig eine Pfarrerstelle anbietet. Für den Fall nur, daß augenblicklich keine Stelle vacant sein sollte, und für solange, bis er eine Stelle gefunden, müßte ihm ein angem-ssrner zeitweiliger Subventions- Gehalt aus dem Central-Kirchenfonds verwilligt werden. Over wenn die ihm angebotene PfarrstcUe weniger etiltragen sollte, als die vor Antritt des Amtes eines obersten Kirchenbeamten bekleidete Stelle eintrug, dann müßte ein dem entsprechender Zuschuß aus demselben Fonds geleistet werden. — Sobald er dagegen eine ihm angetragene Stelle abweisen sollte, müßte der
Wie steht's um Nassaus Industrie, und wie ist ihr aufzuhelfen?
Es ist, so sagen, weltbekannt, daß Nassau zu denjenigen Ländern gehöre, die am reichsten von der Natur beschenkt sind. Seine Erze, Hölzer-, Weine, Früchte, Heilquellen, Kohlen, Wassergefälle rc. werden nur nicht mit dem Fleiße zum Wohle deS nassauischen Volkes verarbeitet und benutzt, wie solches von Denjenigen gewünscht wird, welche durch Schrift oder eigene Anschauung die National-Ockonomie Englands, Nordamerikas, Frankreichs, Belgiens, der Schweiz und anderer Staaten kennen lernten. Werfen wir nur ein Blick auf die Wassergefälle, so ergiebt sich nach einer vorläufigen Schätzung, daß in der Lahn, der Dill, der Urselbach mehr als für 10,000 Pferdekräfte Wasser unbenutzt in den Rhein und das Meer sich ergießen. England, Holland rc. führen sehr kostspielige Kraftmaschinen auf, um den Dampf und den Wind sich dienstbar zu machen, wenn aber Nassau nur mit einem geringen Kostenaufwand seine Wassergefälle als Betricbokraft für Fabriken zu verwenden bemüht wäre; würde verhältnißmäßig das kleine Nassau mit den industriellsten Völkern wetteifern können, vorausgesetzt, daß der deutsche Handel Begünstigungen erfahre. Nassau's Reichthum an Natnrproducktcn ist so groß, daß die Industrie der deutschen Staaten, welche bei uns kauft, mit neidischen Augen auf uns hinblickt. Nassaus Flachs und
Wolle geht zum gaoßen Theil über die Grenzen und wir beziehen die theuren Tücher, Musline :c. vom Ausland. Unsere Frauen kennen die Vorzüge der achten Leinwand, sie sind jedoch in einer Lage, ein Pfund Flachs das vier Ellen Leinwand gibt, gegen nur zwei bis zwei und eine halbe Elle Baumwollentuch herzugeben. Ein ähnliches Schicksal hat unsere nassauische Schafwolle, die meist im Ausland zu Tüchern verarbeitet wird, welche unsere Kaufleute von da wieder beziehen, und dann mit einem kleinen Profit der Nadel übergeben. So vertauschen wir unsere gute Gerste gegen den ausländischen Reis, unsere Haferkörner gegen den Sago, unseren Weizen gegen Nudeln, Vorschußmchle rc., welche letztere nicht immer im glaube fabrizirt werden. Nassau hat schöne Werkhölzer, als Nußbaum, Kirschbaum, Eichenholz, es hat auch viele Möbelschreiner, dennoch hat das Ausland gute Geschäfte bei unv zu machen gewußt. Die Städte Mainz und Frankfurt, welche die Aussteuer so wie den Modcwechscl in unsern Prachtgebäuden besorgten, beklagen auch den 4. März. Nassau bedarf jährlich 5000 Wanduhren. Es bezieht dieselben aus dem badischen Schwarzwalde, weil eS selbst nicht eine Uhrenfabrik hat. Rechnen wir eine Uhr zu vier Gulden, so gehen für diese Maschinchen jährlich 20,000 fl. über die Grenzen. Wir bedürfen aber auch eine große Zahl von Stock- und Taschenuhren. 9(ucb diese fanden gute Wege nach unsern Städten und Dörfern und verstanden jeden spekulativen Gedanken für eine großartige Uhrenfabrikation i»
die Klemme zu treiben. Nassauhat nicht eine Maschinenfabrik*) (einige Spriycnmachercien zuJdstein und Nastätten ausgenommen), daher kommen seine Lokomotiven per Stück 28,000 fl. aus England und den deutschen Staaten. Aehnlich verhält es sich mit den übrigen Maschinen, als hydraulischen Druckwerken, Schraubenpressen, Prägstöcken, Krahnen, Winden, physikalischen chemischen Apparaten. Nassau hat Holz, Kiesel, wir können auch Salpeter erhalten, aber wie wenig Pulvermühlen und Glashütten finden sich? Nassau hat Gyps und daher gewiß Salzlagcr, eS bat wirklich eine 1,4 löthige Soole zu Tage fließen, die ohne Zweifel durch zweckmäßige Bohr- versuche verstärkt werden kann. Wann aber wird der Unternehmungsgeist sich an Rodenburg ermuntern und eine nassauische Saline bauen? So lassen sich noch viele Fragen stellen, deren wahrheitsgemäße Beantwortung immer einen gewissen Mangel an Unternehmungsgeist, Mangel an industriellen Kenntnissen erblicken lälßt. Nassau'S Industrie konnte in den Zeiten des Friedens nicht gedeihen, weil für diesen wichtigen Nahrungszweig weder Staatsmittel verwendet wurden, noch Aktiengesellschaften sich bilden wollten. Nicht einmal eine Schnur- oder Schnür- riemenfabrik wollte aufkommen! wie konnte sich nun ein großartiges Etablissement auf unserm Boden erheben? Erinnern wir uns nur noch an die gesuchten Eisenerze,
*) In Johannisberg ist eine Maschinenfabrik.
Amn, d. Setzers.
