„âeiheiL und NeehL!"
M 170
Wiesbaden. Dienstag, 29. August
18L8
Die Stele Zeitung" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H: Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. »Z kr., halbjähria 3 fl. 30 kr.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb deS ganzen Herzogtums Nassau vierteljährlich 2 fl. 12 Er., halbjährlich 4fL 23 fr., des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. 15 kc.; halbjährig 4 fl. 30 kr., innerhalb aller übrigen Thurn- und TariS'schen Postbezirke S fl. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen. - Die Jnscrations-Gebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
Das Bedenkliche unserer gegenwärtigen Lage.
Ein Wort ^ur Verständigung an die Bourgeoisie.
(Fortsetzung.)
Diese Dokirinairs nun haben sich, wie gesagt, an die Spitze der Bourgeoisie gestellt und mit derselben Eine Partei gebildet. Diese Partei war in den Märztagen, als die deutschen Revolutionen gemacht wurden, in einer unterschiedslosen Verbindung mit der Masse des Volkes, und so wurde das alte, das Mcttcrnich'- sche System gestürzt. Die politische Reform, das allgemeine Glück, der Himmel auf Erden, stand, wie bei jeder Revolution, als ein Unendliches, als Etwas, wogegen kein Widerstand mehr möglich sei, vor Aller Seelen. Hätte das Volk damals schon die Unfähigkeit der Dokirinairs und die Falschheit ihres Schulsystems erkannt und die rechten Leute, die schöpferischen Geister an die Spitze der deutschen Bewegung gestellt, so hätten wir, um mich so auszudrückeu, ein gutes Stück des unendlichen revolutionären Gedankens in die endliche Form gebannt und so festgehalten, wir hätten die Einheit und Freiheit des Vaterlandes begründet. Es war das nicht möglich, weil das Volk immer erst durch Erfahrung klug werden muß. So lange indeß das Volk als Eine ungeschiedene Masse dastand, war das alte System völlig machtlos. Dagegen von dem Augenblick an, wo die Bourgeoisie unter der Leitung der Doktrinärs sich von dem vorwäits drängenden und Thaten fordernden Volke trennte — es war die Zeit des unseligen H.cker'schen Aufstandes — von dem Augenblick an war die Macht der revolutionären Bewegung gebrochen, athmete das alte System neu auf, erhob die Reaktion das Haupt. Es wäre die Reaktion freilich dennoch cingetreten, wäre auch der badnische Aufstand unterblieben, weil sie, wie schon erwähnt, in der Nothwendigkeit unseres Entwicklungsganges lag, aber erst später und nicht mit dieser Keckheit.
Es gelang der Reaktionspartei, die Bourgeoisie mit einem allgemeinen Schrecken zu erfüllen. Man wußte zu diesem Zwecke die leidenschaftlichen Reden junger Hitzköpfe, wie derselben in manchen deutschen Volksversammlungen gehört wurden, in Verbindung mit den Pariser Ausständen, besonders dem blutigen Juniaufstand, auf eine listige Weise auszubeuten. Man ließ es dabei an Lügen und Verläumdungen nicht fehlen: man fabelte viel von einer geheimen Verbindung der deutschen mit den französischen Anarchisten, man machte es glaublich, daß bei uns solche aufrührische Reden zu denselben Handlungen fühnn würden, wie in Frankreich. So brachte man die Bourgeoisie dahin, daß sie
tu ihrer Angst vor den „Kommunisten" und „Anarchisten" den ungeheuren Unterschied zwischen den französischen und unsern Zuständen übersah, daß sie cs ganz vergaß, daß die Durchführung der demokratischen Grundsätze gerade sie selbst (die Bourgeoisie) zur Herrschaft bringen wird und muß, und daß gerade, auf diese Weise, aber auch nur allein ans diese, dem Proletariat Erleichterungenverschafft werden können, wodurch dasselbe zur Ruhe gebracht würde.
Wie werden die Metternich, die Bodelschwingh und Eichhorn in's Fäustchen lachen, da es ihnen mit dieser absichtlich hervorgerufenen Begriffsverwirrung so herrlich gelungen ist! Wir wollen euch, werden sie denken, eure „Preßfreiheit" und euer „Associationsrecht" als ein treffliches Spielzeug lassen; aber wir wollen dafür sorgen, daß es euch nur ein, für uns ganz ungefährliches, Spielzeug bleibt; wir wollen euch schon dahin bringen , daß ihr, durch eure eigene Angst getrieben, die Preßfreiheit so beschränkt, daß sie für uns zweckdienlicher ist, als die Censur. — Und so wird es kommen, wenn die Bourgeoisie nicht bald allgemein die Falle erkennt, in welche sie gelockt worden ist. Man wird sich hüten, den schönen Namen der Preßfreiheit anzutasten, aber man wird sie so verklausuliern, daß jedes freie Wort mit den schwersten Strafen belegt wird, während unter der Censur der Schriftsteller von aller Verantwortlichkeit befreit war. Wie man mit dem Associationsrecht verfahren wird, das haben wir bereits in Baden und Würtemberg vor Augen: man wird unter dem Vorwand, daß „Wühlereien" gegen das „Bestehende" nicht geduldet werden dürfen, nur Einer Partei dieses Recht lassen, d. h. dasselbe seinem Wesen nach vernichten. Und die „konstitutionellen Kammern" ? Nun, was kann man mit Hülfe der mächtigen, einflußreichen Bourgeoisie nicht fertig bringen? Sie wird die Wahlen so beherrschen, daß die Majoritäten stets nach Wunsch ausfallen. Und die deutsche Einheit? O, die haben wir ja, wenn zu Frankfurt ein Parlament tagt, das natürlich so zusammengesetzt ist, daß es zu Allem ja sagt. Eigentlich hatten wir auch die Einheit schon längst, indem dieselbe durch den alle Bundesstaaten vertretenden Bundestag sichtbar repläsentirt wurde; an die Stelle desselben tritt jetzt die Centralgewalt der Nationalversammlung. . . . Und so wird es mit allen sog. „Märzerrungenschaften" gehen: dem Namen nach wird man sie bestehen lassen, dem Wesen nach wird mau sie ausheben. Das ist offenbar der Operationsplaii, welchen die Reaktion mit wohlüberdachter Absichtlichkeit verfolgt. Es fehlt frei ich auch nicht an Bureaukraten und Landjunkern, denen dieser Weg viel zu langsam dünkt, welche gern mit Gewalt, durch Staatsstreiche die „Märzerrungenschaften" umstotzen und sogleich selbst
dem Namen nach von der Erde vertilgen möchten. Aber so dumm ist Metternich nicht, der wohl weiß, daß er dann wieder die Bourgeoisie gegen sich haben würde und daß er ohne dieselbe Nichts mehr ausrichten kann. Deshalb befolgt er die klügere Taktik.
Wenn es nun dec Redaction in ihrer liberalen Verkappung gelingt, die Bourgeoisie fernerhin mit sich fort- zuzichen, so wird derselben ihr Plan nicht fehlfchlageu. Es wird dann, gerade so, wie in den Jahren 30 und 31, allmälig Alles auf den alten Fuß zurückgeführt werden.
Es war allerdings in den dreißiger Jahren die politische Bewegung nicht so intensiv und ausgedehnt, als gegenwärtig; aber es gab damals noch keine „Communisten" und „Anarchisten", die man den Leuten als Popanz hätte vorhalten können. Es stand damals das ganze Volk, in so weit dasselbe politische Bildung besaß, die Bourgeoisie an seiner Spitze, dem Mctternich'- schen System entgegen; jetzt ist die Bourgeoisie mit der Reaction verbündet. Was also damals die Reaction für sich allein gegen das ganze, aber nocht nicht durchgängig politisch erregte Volk fertig brachte, das wird ihr im Bunde mit der Bourgeoisie auch j'ßt gegen die übrige allerdings allgemeiner aufgeregte Masse des Volkes ohne sonderliche Mühe gelingen, wenn nicht — den Verblendeten noch bei Zeiten die Augen aufgehen.
Und das eben ist der Zweck dieser Zeilen; wir möchten der Bourgeoisie die Augen öffnen über den drohenden Abgrund, der vor unsern Füßen gähnt. Wir können freilich nicht hoffen, auf diejenigen noch irgend einen Eindruck zu machen, welche in ihrer Verblendung schon bis zum wildesten Fanatismus fortgeschritten sind, welche von dem Gedanken, es handle sich um ihr „sauer erworbenes Verwögen", bis in ihre nächtlichen Träume verfolgt werden, und welche im wachenden Zustande von nichts mehr reden, als daß man alle „Republikaner, Communisten, Annarchisten" rc. köpfen müsse. Wahnsinnige hören nicht mehr vuf Worte. Nein, wir wenden uns an den bessern Theil der Bourgeoisie, der doch noch bei weitem die Mehrzahl bildet; wir wenden uns an Diejenigen, welche heute noch wie in den Märztagen einen aufrichtigen Abscheu gegen das verruchte Metternich'sche System empfinden, und welchen es bei der jetzigen Wendung der Dinge schon anfängt, etwas bedenklich zu Muthe zu werden. Wir fordern sie auf, diesem bessern Gefühle nachzugeben, unsere Darstellung der Sachlage vorurtheilsfrei zu prüfen, unsern Gründen Gehör zu geben, und sich von jenen Wahnsinnigen, von den Fanatikern der Ruhe uno ihren Einschläfcruugs- vereinen loszusagcn und in jeder Beziehung ihren ganzen mächtigen Einfluß dazu anzuwenden, um die demokratischen Grundsätze ins Leben einzuführen und gegen
Wiegenlied.
△ Der Natiorralökonom Proudhon.
Schlaft, waè willst du mehr.
G ö t h e.
Deutschland — auf weichem Pfuhle Mach' dir den Küps nicht schwer! Im irdischen Aèwühle Schlafe, was.willst du mehr?
Laß jede Freiheit dir rauben, Sehe dich nicht zur Wehr, Du behältst ja den christlichen Glauben: Schlafe, was willst dn mehr?
Und ob man dir Alles verböte, Doch gräme dich nicht zu sehr, Du hast ja Schiller und Göthe: Schlafe, was willst du mehr?
Dein König beschützt die Kameole,
Und macht sie Pensionär, Dreihundert Thaler die Seele: Schlafe, was willst dn mehr?
Es fechten dreihundert Blätter
Im Schatten ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter?
Schlafe, was willst du mehr?
s?'" âid läuft ohne Höschen
s m Rhein, dem freien, umher: ein Deutschland, mein Dornröschen, schlafe, was willst du mehr?
Der nnsächlige Haß, die namenlose Erbitterung, die unsere Bourgeoise unveeholen gegen diesen Mann an den Tag legt -7- zeigt eben so klar als viclbedentend das grausenhafte Bild unseres politischen Elends, zeigt uns deutlich den Krebsschaden unserer gesellschaftlichen Zustände, das Zerrbild unseres sozialen Lebens, giebt uns mit einem Wort den Gesammtcindenck unserer jetzigen politischen Wahrheit — stellt unsere ganze Begeisterung für politische Entwicklung als eine nackte Lüge hin. — Eines der fürchterlichsten Uebel, die widerlichsten Anhängsel unserer modernen Freiheit — mit denen sich ein gewisser Theil unserer Bevölkerung cinschläfcrt und ein reicher Besitzstand immer weiter um sich greift und kühner als ein offener Feind an der Lebeuüquclle der Nation zehrt — das ist der aufgeblasene üppige Uebermuth, der keines Mitgefühl sich bewahrt ist, das ist das empörende, feige „Laisser aller,“ das ist die Geistes Stumpfheit, das Beati pos- sidentes, das sich unserer modernen Welt bemächtigt und das Ei der Reaction auSgebrütet hat. —•
Proudhon war cs der diesen schleichenden Feind der edelsten Nationalkraft besiegen, der mittelst seiner neuen Einkommensteuer das Medium erreiche», das gestörte Ver- I hältniß zwischen Capital und Arbeitskraft wieder Herstellen wollte. Sein Zweck war edel — sein Mittel nicht das richtige.
Wir gestehen dieses gern zu, allein dieses ist für uns kein Grund den Zweck ob der Wahl der Mittel zu verkennen und keinen Grund gibt er ab, diesen in der Wissenschaft hochgeachteten Namen der Verachtung Preiß zu geben, ihn zu verdammen, wie cs die Bourgeoisie und Herr Thiers in deren Bund gethan.
Herr Thiers hat keineswegs die Proudhou'sche natio- nalökvuomische Theorie überführt er hat sie nicht kritisier, fonum er hat verhöhnt und beschimpft — ; er hat sie seiner wissenschaftlichen Erröterung unterzogen sondern einfach gesagt, sie enthielte einen blassen Angriff auf das Eigenthum, Heilige den Diebstahl, fei deßwegen unbedingt verdamm nngswerth. Und sie wurde verdammt und die Bourgeoisie aller Herrn Länder jubelte Beifall zu. — Nicht unzweckmäßig dürfte cs daher sein, wenn wir auch keineswegs mit jener Theorie übercinstimmen — hierbei etwas zu verweilen, um die unbedingte N 0 t h w c n- digkcit einer socialen Reform hieraus zu be- g r ü »den. —
Proudhon geht wie alle Socialschriftsteller von der ganz richtigen Aussiwt aus daß das Gebrechen unseres gesellschaftlichen Zustandes das Proletariat — aufgehoben werden müsse. Eugen Sue sagt: keiner ist berechtigt im Ueberfluß zu leben so lange nicht jeder das Nothwendige hat ? Diesen Satz wird Niemand bestreiten wollen: er liegt zu sehr in der Natur der Sache und im Begriff der Menschheit. —
Nun sehen wir aber das; wenige (im Vergleich gegen
