Fmt Zkitung.
„âeiüert und Neckt!"
M 168
Wiesbaden. Samstag, 26. August
1848.
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Revolutionsboden oder Rechtsbode» ?
Wiesbaden, 24. August. Die Ueberschrift dieser Zeilen trägt ein Aufsatz in Nr. 139 der Nassauischen Allgemeinen Zeitung, welchen einer näheren Betrachtung zu würdigen wir nicht umhin können.
Wir müssen gestehen, der fragliche Auf, atz hat uns nicht weniger mit tiefer Entrüstung, denn namenlosem Erstaunen erfüllt. Hört es das Unbegreifliche: „Die Volkssouveränität hat schon vor dem 4. März in Nassau thatsächlich bestanden, weil eine wahre Volksvertretung vor jener Epoche schon in Nassau in Uebung ge. wesen ist," heißt es in j nein Aufsatz! Hat man jemals um uns so zart wie möglich auszubrücken, eine gewagtere Behauptung gehört? Wie — ist man in der Verleugnung geschehener Thatsachen und in der Verstellung schon soweit gekommen, daß man ohne alle Schaam in die Welt hinausruft: In Nassau bestand vor dem 4. März Volkssouveränität und eine wahre Volksvertretung?
Wüßte der Verfasser des fraglichen Aufsatzes etwa nichts daß die Volkssouveränität darin besteht, daß als oberster Staatsgrundsatz der hingestrüt wird, daß alle Gewalt im Staate vom Volke seinen Ursprung habe, und alle Gewalt nur im Namen des Volks und für das Volk auSgeübt werde, und wußte er weiter nicht, daß diesir Staatsgrundsatz vor dem 4. März durchaus nicht in Nassau in Geltung stand?
Hätte man es wohl für möglich gehalten, daß Einer, wie hier, allen bessern Erfahrungen kecklich ins Antlitz schlagend sich vor das Volk stellt, und ihm mit spitzfindiger Rede zuruft: deine Vertretung vor dem 4. März war schon eine wahre?
Wo also Volksvertretung ist, da ist auch nach des Freiherrn von Gentz's Lehren anerkannte Volkssouve- ränität? Lesen Sie doch einmal Theuerster, wir bitten Sie innigst darum, lesen Sie einmal Zöpfl's allgemeines StaatSrecht, — denn Sie scheinen ja auf Autoritäten etwas zu halten, und Sie werden allda siu- den, wie der Herr Professor Zöpfl, trotzdem daß er unbedingt allgemeine Volksvertretung will, gleichwol fast aus jeder Seite seine innigste Ueberzeugung dahin ausspricht, daß er deßhalb durchaus kein Anhänger der Volkssouveränität sei.
„Was hat nun der 4. März an dieser (alten) Verfassung geändert? Was ist überhaupt am 4. März geschehen? Es ist hohe Zeit, daß wir darüber ins Klare kommen" — heißt es weiter in jenem Aufsatz.
Ja wohl ist es Zeit, daß wir darüber ins Klare kommen, und wir wollen Euch Büreaukraten auch hier die klare Quelle erschließen, so klar, daß wenn Ihr Euer Lügner-Antlitz in dieser abspiegeln solltet, Ihr vor
Eurer eigenen Miene, der Miene der Verstellung zurück- beben sollt.
Wissen Sie theuerster ^ Correspondent, was eine Revolution ist? Nun ich will mich der Mühe unterziehen und Sie darüber belehren. Von einer Revolution reden wir dann, wenn mit völliger Umgestaltung der StaatsverfassunJ eiu ganz neues Prinzip im Staatsleben zur Geltung kommt. Ob dabei Blut geflossen, oder nicht, verändert den Begriff der Revolution nicht, und daß in der Regel ein solcher Umsturz nur mit Gewalt erfolgen kann, liegt in der Natur der Sache.
Darauf entgegnen Sie mir aber wohl, geschätzter ^ Correspondent: „Aber mit der Form der Staatsverfassung haben diese Forderungen der Nassauer weiter nichts gemein, jene ist von denselben nicht weiter alte- rirt worden, als daß uur ein neues Wahlgesetz verlangt wurde."
Wahrlich uns liegt die Wahrheit mehr am Herzen und wir wollen sie hier verkünden.
Die Hauptforderung der Nassauer war bekanntlich das deutsche Parlament; und der mehrgenannte Corre- spondent gibt selbst zu, daß diese Forderungen in revolutionärer Weise angebracht worden seien. Nun wir haben jenes erhalten; das Parlament hat sich als eine souveräne Versammlung über alle Fürsten Deutschlands gestellt und den letzter» Befehle gegeben. Es hat ser« ner einen Reichsverweser geschaffen, dessen Befehlen die deutschen Fürsten Gehorsam zu leisten haben. Vor dem 4. März hatte unser Herzog von Niemand Befehle zu empfangen, er war souverän und Nassau so gut ein souveräner, selbsieigenregiertcr Staat als England und Preußen und Lichtenstein.
Die Souveränität Nassaus hat in ihrer vollen Bedeutung somit aufgehört; Nassau ist, wenn es auch seine innere Angelegenheiten selbst regelt und selbst regeln wird, gleichwohl aus einem selbstständigen Staat bezüglich der auswärtigen Angelegenheiten gleichsam eine Provinz Deutschlands geworden. Nassauische Gesandten gibt es ferner nicht mehr, und ebensowenig nassauische Staats- vkrträge.
Und in diesem Allen läge nicht eine Umgestaltung der Verfassung? und aus diesem Allen erhellte nicht, daß wir eine Revolution gehabt haben? Bedarfes hier noch weiter der Erörterung, wie wirklich unser Wahlgesetz zu Stande gekommen?
O theuerster 22 Correspondent, lassen Sie ab, dem Volke so höhnisch ins Gesicht Unwahrheiten zu sagen, lassen Sie ab, mit dem Heiligen Beruf der Presse, das Panier der Wahrheit hoch über Alles aufzupflanzen, so leichtes Spiel zu treiben.
Haben Sie vielleicht nicht in Nassau von dem 4. März an gelebt und wissen Sie demnach nicht, was
die Regierung neben den SicherheitScomite's, besonders dem zu Wiesbaden, in den Märztagen bedeutete? Einen Wunsch will ich Ihnen Vielgenannter noch warm ans Herz legen: Haben Sie doch, ich bitte, die Güte, uns in einem nächsten Auffaß zu entwickeln, was in N-ssan geschehen sein würde, wenn die Forderungen d r Nassauer am 4. März nicht genehmigt worden.
Erklärung.
Obgleich ich mir's zur Regel gemacht habe, die bald mehr bald weniger offenen Angriffe, welche ein Theil unserer Presse seit einiger Zeit auf meine Person richtet, unbeachtet zu lassen, so nöthigt mich doch ein Artikel in No. 127 der „Nassauer Zeitung", auf welchen lich aufmerksam gemacht worden bin, da man sich hier nicht entblödet hat, geradezu meinen Namen zu nennen, zu einigen Worten der Erwiderung. Es wird in diesem Artikel, welcher die Ueberschrift trägt: „Der Einfluß der Lindenholzhauser Versammlung auf die zehnt- pflichtigen Bauern", erzählt, wie seit jener Versammlung „der Teufel ganz und gar in die Bauern gefahren" sei, und denn also geschlossen: „Alles Folge» der liebenswürdigen Volksbeglückungtpläne des Zehntprokurators, sowie des Pfarrers Snell in Langenbach und dessen Adjutanten, des Schullehrers Schâus zu Wolfenhausen." Diese Worte, in Verbindung mit dem Vorhergehenden, können vermi»st»ger Weise nicht anders verstanden werden, als: ich sei ein Theilnehmer an jener Versammlung gewesen, was aber eine Unwahrheit ist. Es ist indessen anzunehmen, daß dieser in den Worten liegende Sinn nicht der Absicht, sondern nur der unbeholfenen Darstellung des Schreibers seine Entstehung verdankt, und daß derselbe nur eine moralische Mitschuld meint. Es wird dann weiter erzählt, wie bei Gelegenheit einer Synodalwahl im Dekanat Runkel (vielleicht in Münster?) ebenfalls in Folge der „fa- mosen Versammlung zu Lindenholzhausen"'(I!) „dem Pfarrer in der Kirche die schmählichsten Grobheiten gemacht" worden seien, und auch hiervon mir die Schuld in die Schuhe geschoben mit den Worten: „die Bauern haben die Verdrehung, die Verrückung des Ziels schon eben so gut los, als ihre Lehrmeister auf Landpfarreien und in Elementarschulen." Es wird ferner gemahnt, „ein wachsames Auge auf die Wühlereien in Flecken und Dörfern zu halten"; „denn nicht in Wiesbaden allein" seien „die Leute, welche Ordnung und Gesetzlichkeit nicht achteten", es seien „vielleicht dort nur die wenigsten, verglichen gegen die Provinz." Daß hier eine Denunziation der allerplumpsten Art vorliegt, wird Inan um so weniger läugnen,
Er und seine Söhne.
Von Wilhelm Müller.
(Fortsetzung.)
Aber eS blieb finster in ihrem Haupte, die dunkle Macht kehrte mit ihren grause» Schatten wieder in ihr Eigenthum ; die Arme ließ die Rechte dcö Findlings sinken und drückte nur die geballten Hände, im letzten ohnmächtigen Scelenkampfe vor die glühende Stirn, dann wandte sie sich langsam und schieb, die schmerzensreiche Mutter von dem unerkannten Sohne. CaSpar starrte der Scheidenden nach und glaubte dem Mitleid ju zahlen, was er den heiligsten Trieben der Natur zollte. Aber noch einmal kehrte die Irre zurück, lächelte den Trauernden mit unendlicher Liebe an, drückt ein Veilchenkranz auf sein Haupt, neigte, wie zu einem frommen Kinde, sich zu ihm nieder und lispelte: Eh' der Weihnachtsabend dämmert und leuchtet, kehre ich wieder, bringe Dir das Christgeschenk und lege Dich an das Herz Deines Vaters!
An das Herz meines VaterS? stammelte Hauser der Scheidenden nach. Seine Thränen flossen, ohne daß er wußte warum' die heißen Schmcrzenötrvpfen fielen auf den Blnthcnkranz in seinen Hände» und sengten die zarten Blumenblätter. Ueber ihn kam das sonderbare Gefühl, was ihn früher bei seinem ersten Eintreten in die
Welt ergriffen hatte, die Augen schlossen sich, er schlief, ohne daß sein Bewußtsein ganz entschwand, er athmete, er empfand und litt in einem andern, fremden Räthsel- Dasein. Hoch in die Lüfte wähnte er sich gehoben, unter ihm, über ihm, neben ihm, wogte eine graue Nebelmasse unförmlicher, schnell in einander zerrinnender Schatken- wesen; er erkannte nicht mehr die Erde unter sich, nur einen häßlichen, schwarzen Schlackenfels, an Leni ein mächtiger Adler gekettet war, und als der Schläfer den Aar erblickte, fühlte er sich zu demselben mit unendlicher Sehnsucht hingezogen; aber wie er sich auch mühte zu dem Gefesselten hin, er vermochte nicht ihn zu erreichen, er war gebannt, unsichtbare Mächte hielten ihn — wie es oft den ängstlich Träumende» dünkt — zurück. Da ersah auch ihn der Adler, schüttelte die Schwingen um ihn zu erreichen, doch die Inbrunst sich einander zu nahen war vergebens, beide fesselten finstre Gewalten. Nun umzog Den ganzen Himmel ein dunkles Trauermaal, eü war der Weltvernichtcr, der Tod, welcher einherzog, er ergriff Beider schlagende Herzen, und indem er sie zerdrückte waren sie geeint, waren sie ein Staub und in des Schläfers Brust war nun kein Schmerz, keine Sehnsucht mehr; selbst der Traun: war geendet, denn er glaubte sich gestorben.
AlS er erwachte, stieg ihm ein betäubender Dunst entgegen, ein Geruch, wie er ihn empfand, als er zum erstenmal einem Kirchhofe nahte; er blickte nieder, der Veilchcnkranz in seinen Händen war vernvlkt und aus
ihm strömte der NerwesungSdunst. Leichenblüthen, Tod- tcnblumcn, murmelte er; sic sind verwelkt, gestorben; mein Schmerz hat sie getödtct, meine Thränen waren ihr Grab, ihre Heimath die Hand voll Erde zu meinen Füßen; wo ist die meinige, wo mein Vaterland? Indem er mit lauter Stimme diese Frage den, Schicksal that, tönten plötzlich, wie Zungen auS HimmelShoheu, die GrabeS- glocken, und vor seinen Blicken wandelte ein Leichenzug dem Friedhöfe zu, gab Antwort auf seine Frage und zeigte ihm den Weg zum Vatcrlande.
Der finstre Traum entschwand seinem Gedächtniß, aber nicht die sonderbare Erscheinung der Unbekannten; sie füllte jetzt die ganze Sehnsucht seines Herzens ans, und wie die Ferne und der Tod alle Lieben verklärt und verherrlicht, so stand auch ihr Bild immer schöner immer lichter vor seinen Blicken ; ja selbst deS Wahnsinns Worte auS ihrem Nknndc schienen ihm eine Lvjung seines Räth- skl-LtbcnS zu sein. Mit Ungeduld harrte er ihrer Wiederkehr : er zählte die Tage, die Stunden, welche noch zwischen jetzt und jener Zeit lagen, wo sie wieder erscheinen wollte. Aber er vertraute keinem Menschen sein Geheimniß ; ein freundliches Hoffen verschloß er wie seinen Schmerz in der tiefen Brust. Da empfing er auf ge- heimnißvolle Weise einen Brief von unbekannter Hand.
(Schluß folgt.)
