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„âeiheit und NeehL!"
Wiesbaden. Sonntag, 13. August 18â8.
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Der Nassauische Zuschauer und die Turner.
11.
+ Limburg, 7. Aug. Von allen denjenigen Instituten, welche' einigermaßen darauf Hinzielen, für Erweckung selbstständiger Ansichten und unbefangener Urtheile in allen die öffentlichen Interessen berührenden Angelegenheiten und Herstellung eines einigen und kräftigen GesammtwirkenS für die Ideen, welche die Zeit bewegen, thätig zu sein, haben die Turnvereine mit am meisten seit Kurzem die Ungnade der reaktionären Presse auf sich geladen. Man hat allerdings die Bedeutung derselben anerkannt, man vermuthet, daß diese noch fernerhin wachsen werde in demselben Grade, wie die Begeisterung für die gefährdete Freiheit und Einheit des Vaterlandes, die zu erstreben sie geschworen haben, und fürchtet nicht ohne Grund, sie möchten bei den Versuchen, die Errungenschaften der Neuzeit in leere Wortphrasen umzustempeln, sich diesen Versuchen entschieden entgegenstemmen und sie vereiteln. Deßhalb war eS auch nothwendig, daß die Ritter für die alte Zeit aufstanden, um jenen hochverrätherischen Absichten bei Zeiten zu begegnen und namentlich die unter den Turnvereinen ansgebrochene, jedoch in ihrer praktischen Bedeutung völlig irrelevante sogenannte Spaltung möglichst zu deren Nachtheil auszubeuten. Auch am Fuße des Westerwaldes hat ein solcher Ritter sein Raublust aufgebaut, um seinem am Schlage der Zeit erlahmten und epileptisch gewordenen Collegen an der Mosel möglichst unter die Arme zu greisen und daS Geschäft der modernen Volksbeglückung und Aufklärung vom katholischen Standpunkte aus jn Gemeinschaft mit demselben en gros zu betreiben. Der „nassauische Zuschauer" heißt jener aufgeklärte Finsterling oder besser jener verfinsternde Aufklärer, der auch auf die staats- und glaubensgefährlichen Turner seine umsichti- gen, wachsamen Blicke geworfen und ihnen den Fehdehandschuh zugeschleudert hat. Unter dem 20. Juli hat er die Schranken eröffnet und eine Lanze gegen sie geschleudert in Gestalt eines Zeitungsartikels, groß und mächtig, wie die Hoffnungen, welche er daran geknüpft hat. Und dennoch blieb er wirkungslos, denn der Anfang ist eine Unwahrheit, die Mitte ein Diebstahl des vorderhand noch nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Jahn'schen Briefs an die hiesige Turngemeinde, und daS Ende die grasseste auf flachster Hand liegende Verdächtigung jener Turngemeinde selbst, eine Verdächtigung, welche selbst durch eine bald darauf folgende Erklärung nicht ganz gesühnt werden konnte, und in No. 141 der „Freien Zeitung" bereits die verdiente Abfertigung erhalten hat. Der weitere Bericht in No. 27 ist allem
Anschein nach ein Jungfernartikel und für die Turner, wenn man von dem darin über Jahn unbekannterweise gefällten Urtheile absieht, von negativem Interesse. Er ist hauptsächlich gegen die Person des Einsenders in No. 141 der „Fr. Ztg." gerichtet, der in seinem jovialen Muthwillen den zuschauerischen mit S. nnterzeich- neten Gesinnungsgenossen nebenbei auch etwas bei seiner schriftstellerischen Eitelkeit und zehntcommissarischen Ehre zu verletzen sich erlaubt hat. Gestern endlich wird in No. 32 der Turnerei der Gnadenstoß gegeben, denn der „Zuschauer" hat nach langem Zuschauen endlich herausgebracht, daß, wenn dem Umsichgreifen einer Idee Einhalt gethan werden soll, man sie nur lächerlich zu machen brauche. In fader Ironie, verletzendein Spotte, holprigter Satzbildung und theilweise völlig unverständlichen und unsinnigen Tiraden, kurz in einem Artikel, der so ganz von der Sehnsucht nach dem für die Correspondenten in No. 1 großmüthigerweise anstatt des Honorars in Aussicht gestellten Frei-Eremplars durchdrungen ist, zieht der miles Christi von dem Westerwalde, der die schönste Aussicht hat, bald ein Prediger in der Wüste zu werden, gegen die Turner zu Felde und greift sie richtig auch grade bei derjenigen Seite an, an welcher sie am allerverletzbarsten sind, ~ 'h"m Muthe und ihrer Vaterlandsliebe.
Man muß sagen, es hieße die Turner beleidigen, wollte man es versuchen, auf das Urtheil der öffeutli- chen Meinung, welcher der „nassauische Zuschauer" so ' (n ^^ Huscht noch einzu- ° ^' d"ß es jenem Wolfe im Schafs
Ä" WTWÄ KI!I””™»^""«*f «««♦<« »«tartMtrtge °ud das M°un,n«vw ' ' vlrund der Turner« nennt, aber | für den nassauischen Zuschauer denkt.
weiter nichts bezweckt, als die letztere durch weitläuf- tige, hämische Ausführung lächerlich zu machen, selbst im Bunde mit seiner ganzen Klerisei nicht möglich sein dürfte, sie zu erschüttern und wankend zu machen.
WaS den von dem „nassauischeu Zuschauer" als problematisch hingestellten Muth der Turner im Allgemeinen angeht, so möchten wir den „Zuschauer" bitten, falls er nicht bereits vorher von der Unrichtigkeit seiner Ansicht überzeugt sein sollte, seine nächste Ferienreise nach Schleswig-Holstein zu richten; Flensburg, Tondern und Danewerk werden ihn dann belehren, daß die Frei- schaaren, welche dort mit anerkanntem Muthe und unbezweifelter Tapferkeit fochten und gefallen sind, großen- theilö aus Turnern von aller Herren Länder zusammengesetzt waren.
Ueber den Begriff von Liebe zu Volk und Vaterland herrschen bemalen noch zwei ganz entgegengesetzte Ansichten, von welchen der Zuschauer der von den Turnern freilich nicht anerkannten huldigt; wir können deshalb die Frage auf welcher Seite die ächte uneigennützige Vaterlandsliebe sich finde, füglich noch so lange offen lassen, bis das Volk selbst darüber zu Gericht gesessen hat, was vielleicht nicht mehr so lange währen wird.
Der ganzen Correspondenz vom Westerwalde läßt sich übrigens, abgesehen von ihrer allgemeinen Beziehung auf die Turnerei überhaupt, auch noch eine besondere auf die Turngemeinden des Herzogthums unterlegen. Zweierlei ist es, was hierbei besonders in den Vordergrund tritt: einmal der Unwille über das vor einigen Tagen dahier statt gestabte und mit der Ueber- reichung einer von den hiesigen Frauen und Jungfrauen gestickten und für den Turnverein bestimmten kostbaren Fahne in Verbindung gebrachte nassauische Turnfest, so wie ferner daS Streben nach einer erimirten, ja man kann sagen oppositionellen Stellung der Turner den Soldaten gegenüber, welches jener Verfasser den ersteren unterzuschieben so kühn ist. Beides beweißt, daß er den Gerst der Turnerei eben so wenig tiefer durchdrungen hat, als er auf der andern Seite ein ge- schworner Feind jedes jugendfrischen, unbefangenen, frei- heitsbegeisterteu Auftretens der vaterländischen Jugend ist. Freilich mochte es ihm kein sehr erfreulicher Anblick sein, als eine junge kräftige Schaar von 6—700 Leuten Arm in Arm durch die Straßen wanderte im Vollbewußtsein ihrer Kraft und ihrer innersten Ueberzeugung. Freilich mochte es den Herrn nicht behagen, als sie horribile dictu selbst die Frauen und Jungfrauen 200 an der Zahl aus allen Standesklassen, in welchen sie so zuverlässige Parteigänger gefunden zu haben glaubten, so Plötzlich in der Mitte der verhaßten Demokraten erblicken mußten, indem sie freudig mit ihnen «nherschritten in der Hoffnung eines durch jene gotteslästerlichen „Sprünge und Räder" aufdemSchaafs- berge erheiterten Nachmittags und gar jener unerbaulichen Walzer und GaUopaden am Abend. Da konnten sie einsehen, daß der Name „Turner" hier wenigstens noch nicht „dem Spotte und der Verachtung der Mitwelt preisgegeben ist". Endlich aber mußte es ihnen das Erröthen eines heiligen Unwillens auf die Stirne treiben, daß jene „junge Heldinnen", wie der Cölibatsmann die Damen zu nennen beliebt hat, eine Fahne, so kostbar wie keine im Dome zu Limburg aufbewahrt wird, über den Turnern flattern ließen und sie ihnen überreichten als Zeichen ihrer Theilnahme und Sympathie für ihre Bestrebungen, anstatt sie dem Vereine für katholische Kirchensreiheit in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Landtagöwahlen zu verehren.
Was nun das schmerzliche Gefühl betrifft, mit welchem der angebliche Freund der Turner die Geldopfer betrachtet, mit welchen an vielen Orten den Turnern zur Anschaffung von Fahnen bereitwilligst entgegenge- kommen wurde und er diese zu einer Parallele benutzt mit dem Reistpfennig, welchen die ins Feld gezogenen Soldaten angeblich nur mit Mühe zu erringen gewußt haben, so muß dieser Schmerz, wenn er'überhaupt, wie sich dies von einem so guten Freunde der Turner schon erwarten ließe, kein erheuchelter ist, einige Aehn- lichkeit mit demjenigen haben, welcher Referenten beschleicht, wenn er an die kostspielige Rockfahrtsreife, die
Es wird der ultramontanen Presse trotz aller Correspondenten vom Westerwalde nicht gelingen, die Unzufriedenheit der Soldaten gegen die Turner zu erregen durch solche Vergleiche, wie der eben erwähnte, denn die Eigenschaft von Turner und Soldat treffen zu häufig in derselben Person zusammen.
Hätte der Zuschauer gewußt, daß z. B. von der Turngemeinde zu Limburg, die freiwilligen mit einbegriffen, 13 Mitglieder bei dem badischen Feldzuge traurigen Andenkens betheiligt waren, daß der Verein als solcher eine namhafte Summe beigesteuert hat, am denselben jede mögliche Unterstützung zu gewähren, hätte er daran gedacht, daß die Stunde bereits gekommen ist, wo die Turner als solche ihre Hirschfänger umschnallen nnd die Büchse unter den Arm nehmen, aber nicht um nach Schleswig zu ziehen und, dem Wunsche der Reaktion gemäß, als Kanonenfutter zu dienen, sondern um sich auf die Warte des Vaterlandes zu stellen und Wache zu halten, daß jene finstere Macht ihnen nicht über den Kopf wachse, dann hätte er vielleicht mit seinem dummen Vorwurfe, der nicht die Turner allein, sondern die gesammte deutsche Jugend trifft, welche auch ein Wort mitsprechen will, da wo es sich um ihre Zukunft handele, zurückgehalten. Will der Zuschauer sich um das Vaterland verdient machen, so lass« er einen Aufruf ergehen an seine Geistesverwandte und Freunde: sie möchten sich, wenn sie denselben Muth haben, für die Unabhängigkeit des Vaterlandes zu kämpfen, den sie bewiesen, als es galt, gegen die Turner loszugeifern, als Corps der Rache zusammenschaaren, um vorerst Schleswig erhalten zu helfen, dann aber, wenn dies geschehen, auch dort versuchen, mit dem Hirschfänger des Glaubens und der Donnerbüchse der Unduldsamkeit bewaffnet, die Patrontasche voll Redensarten, MissionS- büchlein und Beichtspiegel, den Dänen und Jüten ihre Grundsätze über Volksglück und den Katholicismus als Weltreligion plausibel zu machen.
Hierbei werden sie lernen, wie unangenehm es ist, seine Vaterlandsliebe und seinen Muth verspottet oder in Zweifel gezogen zu sehen, und begreifen, daß es auch noch andere Mittel gibt, dieselben zu bethätigen, als dadurch, daß man, wie es bei den meisten Turnern der Fall sein müßte, Vaterhaus, Beruf und nicht selten Frau und Kind im Stiche läßt, um für eine Sache zu kämpfen, für welche freilich alle begeistert sind, die aber durch die stehenden Heere viel rascher und sicherer zum Ziele geführt werden kann, als durch uneingeübte, un» organisirte Freischaaren. Gut Heil!
Nassauischer Landtag.
Sitzung vom 11. August.
(Schluß.)
Müller II. widerspricht dem und thut dar, daß es der Kammer keineswegs gleichgültig sein könne, wem die Negierung eine solche wichtige Stelle übertrage, da davon, wie schon gesagt, das Leben und Wohl von Tausenden abhängen kann.
Hiermit wird dieser Gegenstand verlassen und die Kammer geht zur Tagesordnung über.
Tagesordnung: Berichterstattung über das Militär- büdjet. Berichterstatter: I u st t.
In dem allgemeinen Theile des Berichtes wird entwickelt, wie sich die Ausgaben für das Militär seit den letzten Friedensjahren fortwährend gesteigert, und wie die Kommission hofft, daß nunmehr bedeutende Ersparungen werden erzielt werden, da die stehenden Heere von nun an nicht mehr in der Ausdehnung nöthig seien, alS bisher, wo sie nicht nur zum Schutze gegen äußere Feinde unterhalten wurden, sondern auch zugleich und hauptsächlich zur Stütze und zum Schirm des Absolutismus. Diese Stellung sei jetzt eine andere geworden, und man gebe sich der Hoffnung hin, daß nunmehr eine Verminderung deS Militär-Bestandes eintreteit könne, ungeachtet die Centralgewalt eine Vermehrung der Streitkräfte angeordnet.
Auf die einzelnen Posten übergehend wird bemerkt, daß die Gehalte der höheren Militär-Chargen ermäßigt werden könnten; daß die Stellen eines Generalauditeurs, eines Oberstaabsarztes, eines Rekrutirungs - Offiziers ganz überflüssig und demnach eingehen könnten daß die
