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Wiesbaden. Samstag, 12. August
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Die ^reie Fortuna" erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags, in einem Vogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buck Handlungen von 5 Kisch er und H W Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements-Preis vom 1. Juli an beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden I fl. 45 fr., balbiäbria 3 fl 30 fr :‘ auswärts durch die Post bezogen innerhalb des ganzen HerzogthumS Nassau, des Großherzogthums Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgraf? - ast H:"en- fwmbutsl sowie der Kurhessischen Provinz Hanau vierteljährig 2 fl. 15 kr.; halbjährig 4 fl. 30 kr, innerhalb aller übrigen Thurn- und Taris'schen Postbezirke 3 fl. —
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Die Amnestie-Frage vor der Natronal- Versammlnng zu Frankfurt a. M.
8, August 1848.
So wäre denn abermals von der deutschen Nationalversammlung ein Beschluß gefaßt worden, der offenkundig darthut, daß die Mehrzahl der Männer, welche in dèr Paulskirche sitzen, nicht Männer des Volkes, sondern Diener der Fürsten und ihrer Regierungen sind. Gestern stattete die Commission, vor welche die Amnestie- frage gewiesen war, ihren Bericht ab, der auf Ueber- gang zur motivirten Tagesordnung lautete. Heute wurde der Commissionsantrag mit 317 gegen 90 Stimmen angenommen. Aber welche Scandale gestern und heute in dieser Versammlung vorfielen, wie die Rechte, alles parlamentarischen Taktes baar, auf eine wahrhaft Unerhörte Art auftrat, das kann ich nicht unte-lassen, Ihnen etwas ausführlich mitzutheilen, damit das Volk sehe, auf welche Weise es hier vertreten wird.
Nachdem die Sitzung unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten v. Soiron eröffnet war, sprachen der Berichterstatter Wiedemann, dann Hagen, v. Jtz- stein, Schoder, Simon, Biedermann, Wiesner und Brentano, mit Ausnahme von Wiedemann, Schoder und Biedermann, sür die Amnestie der sogenannten politischen Verbrecher. Jede Rede für Bewilligung einer Amnestie rief bei der Rechten und den Centren, die, wie es scheint, nicht vergeben und vergessen können, einen Sturm hervor, der aber seinen Culminationspunkt erreichte, als Brentano in einer längeren Vertheidigungsrede zum Schluffe sagte, wenn man den Prinzen von Preußen, der zur festeren Begründung des Absolutismus das Volk niederschießen ließ, in sein Vaterland habe zurückkehren lassen, so könne man diejenigen, welche in Baden den Schild sür die Republik erhoben hätten, wohl nicht zurücksetzen. Während von der Gallerie und von der linken Seite des Hauses ein tausendstimmiges Bravo erscholl, gaben die Rechte und die Centren durch Zischen und Poltern ihr Mißfallen kund. Zugleich stürzten Freiherr von Vinke, Fürst Lichnowsky, Otto Plathner und Graf Wartensleben unter Schimpfen und Schreien auf die Tribune los. Ihnen folgte beinahe die ganze Rechte, hauptsächlich die Stoüpreußcn. Man hörte Schimpfwörter, wie „ Sch.. ßkerl", „ Schuft" ' und fortwährend rufen „herunter! herunter mit dein Kerl." Plathner versuchte es sogar, Brentano gewaltsam von der Tribune zu reißen. Letzterer wuide aber von den Mitgliedern der Linken, welche sich um ihn geschaärt hatten, beschützt. Mehrere Mitglieder der Rechten, unter Andern Graf Wartensleben, forderten Brentano auf Kugeln. Vizepräsident v. Soiron wußte
sich nicht mehr zu helfen, er setzte seinen Hut auf und verschwand, ihm schlüpfte das ganze Bureau nach zur Thüre hinaus. Der Lärm in der Versammlung und auf den Gallerten dauerte noch lange fort.
Heute Morgen um 9 Uhr sollte die Berathung fortgesetzt werden. Die Rechte, die Preußen an der Spitze, überreichte einen mit 170 Unterschriften versehenen Antrag, der dahin ging: die Versammlung möge dem Abgcoidneten Brentano wegen seiner gestrigen Aeußerung durch Erheben von den Sitzen ihr Mißfallen zu erkennen geben, da die Antragsteller in jener Aeußerung eine Beschimpfung des ganzen preußischen Volksstamms erblickten. Die Centren verlangten, der Vorsitzende möge den Abgeordneten Brentano zur Ordnung rufen, die Linke hingegen verlangte, der Vorsitzende möge die Rechte, ihres brutalen Betragens wegen, zur Ordnung rufen. Da brach der Sturm von Neuem los. Brentano wollte sich vertheidigen, man ließ ihn aber nicht zu Wort kommen; nachdem er eine Viertelstunde aus der Tribune gestanden, wurde die Sitzung auf eine Stunde vertagt.
Vor der Paulskirche hatten sich unterdessen einige' Tausend Neugierigen versammelt, von denen ungefähr zweitausend, als die Sitzung um 11 Uhr wieder begann, auf die Gallerie gingen. Es wurde der Antrag gestellt, die GaUerien räumen zu lassen und bei verschlossenen Thüren zu berachen. Der Antrag ging durch, worauf sämmtliche Zuhörer, selbst die Journallisten, das HauS verlassen mußten^ Letztere wurden erst gegen ein Uhr wieder zugelassen. Vor der Paulskirche waren noch sämmtliche Zuhörer versammelt, es wurden Reden gehalten und gesungen. Dies veranlaßte die hiesige Behörde, Militär aufzubieten und den Platz abzusperren. Es erklärten zwar viele Mitglieder der Nat.-Vers., nicht unter Bajonetten berathen zu wollen, sie setzten aber nichts durch. Jtzstein wollte die Tribüne besteigen, wurde aber nicht zugelaffen, weßhalb er von den Stufen herab im Namen der Linken er- kiärte, sie würden sofort die Versammlung verlassen, da sie nicht bei verschlossenen Thüren und unter Ba- jonnctten berathen würden. Dessen ungeachtet wurde die Berathung fortgesetzt und dann, der Commissions- Antrag zur Abstimmung gebracht. — Das Resultat habe ich Ihnen oben mitgetheilt. Der größte Theil der Linken hatte vor der Abstimmung den Saal verlassen.
So wurde also ein Beschluß gefaßt, der Tausenden von Flüchtlingen, Vätern, Müttern und Geschwistern wieder manche Thräne kosten wird. Obgleich Hecker durch v. Jtzstein erklären ließ, er verlange für sich durchaus keine Amnestie, sondern nur für die armen
Gefangenen, die unter einer schlechten Behandlung in den Gefängnissen zu Bruchsal schmachten und für die Flüchtlinge, welche brodlos an den Grenzen umher- irren, so scheint diese Erklärung dennoch die Unduldsamkeit eines großen Theils der Nationalversammlung in nichts vermindert zu haben.
Betrachten wir die Sache von dem Standpunkt aus, wie sie Brentano betrachtet, so können wir ihm nur vollkommen beistimmen, und sehen darin durchaus keine Beleidigung des preußischen Volkes. Man nehme nur die Zeitungen aus den Märztagen zur Hand und sehe in den Artikeln aus Preußen nach, so wird man finden, wie das preußische Volk selbst über dem Prinzen von Preußen zu Gericht gesessen.
Das Nassauische Generalrefeript vom 20, Juli uud zwei andere ähnliche.
(Eine Parallele.)
O Vom Taunus , 9. August. Im Großherzog« thum Weimar ist ein Ministerialerlaß erschienen, welcher sagt, „daß die Staatsregierung weit entfernt sei, den republikanischen Bestrebungen entgegenzutreten, so lange sich dieselben in gesetzlichen Grenzen ^halten, und daß sie nur dann einzuschreiten entschlossen sei, wenn sie über diese Grenzen Hinausgeyen." „Dem unwürdigen Verfahren vieler Republikaner" aber (d. h. den Verdrehungen, Lügen und Verleumdungen") soll „durch alle erlaubte Mittel und durch Belehrung entgegengewirkt werden." — In dem noch vor wenigen Monaten absolutistischen Königreich Preußen hat der Minister des Innern ein Rescript erlassen, worin gesagt wird: daß es für jeden, einem freisinnigen Regie- rungsspstcm nicht zugethanen Staatsbeamten „eine Ehrensache sei, sofort um seine Entlassung cinzukommen." Kämen dessen ungeachtet reaktionäre Bestrebungen der Beamten vor, so würden letztere sofort entlassen. — Endlich unser Nassauisches Regierungsrescript vom 19. Juli (resp. Ministerialerlaß vom 13.) — was sagt dieses den Staatsbeamten? In unserm, schon seit Jahr und Tag konstitutionellen Herzogthum wird denjenigen, welche einer freisinnigen (derrepublikanischen) Richtung — denn diese ist offenbar allein gemeint, da wir keine Absolutisten im Lande haben — zugethan sind, „die Niederlegung des Amtes zur Ehrensache gemacht" — „ganz abgesehen davon, in wiefern in gegebenen Fällen eine solche Handlungsweise den Thatbestand eines bestimmten Verbrechens begründet" — und zwar „auch wenn keine gradezu durch die Gesetze verbotene Mittel benutzt werden!" (Man vergleiche den Weimarer Passus : so lange sich dieselben in gesetzlichen Grenzen halten." )
Er und seine Söhne.
Von W i l h e l in Müller.
(Fortsetzung.)
AuS den Reissen dieser Gefangenen drängte sich ein Zerrbild des Elendes hervor und schritt gegen den Weltgebieter, er brach durch den Ring seiner stolzen Umgebung, die vor dem mit Schmutz und Lumpen Bedeckten sehen zurückwich, uud so geschah es, daß er vor dem Mächtigen stand. Er streckte daS fleischlose Gerippe eines Armes gen Himmel empor, indeß er mit dem andern einen zerrissenen Mantel hielt, der seinen nackten Körper nur halb verhüllte; die blutleeren Lippen deckten nicht mehr die mit Frost und Fieber zusammeubcbenden Zähne, und daSAuge glühte sengend zum dein Herscher hinauf: Giebt eS ein Recht,. rief er, daS dem Sieger erlaubt, den Kriegsgefangenen in vergifteten Lachen lebendig verwesen zu lassen?
Diese Sprache war dem Gewaltigen unbekannt ge- worden, er war sichtlich ergriffen und schien einen Angen- vlicf sein Roß von dem Verzweifelnden abwcndcn zu wollen; aber sich selbst der Feigheit schämend, suchte er den Frechen mit jenem Blicke, vor bcm Regenten damals bebten , nicderzuschmettcrn; aber dieser erzitterte nicht, ckluge m Auge stand dèr Elende vor dem Gefürchteten;
Eonte von des Kaisers Lippen die zornige Frage: Wer bist Du? a J
Ein Mensch wie Du, erwiderte der Gefangene, und somit wiederhol' ich im Namen GotteS meine Frage: Wer giebt Dir das Recht, die Kriegsgefangenen in diesen Sumpfen lebendig verwesen zu lassen?
DeS Kaisers Zorn steigerte sich. Elender! rief er, mit mir wollt Ihr rechten, Ihr, die meine wehrlosen Krieger mordeten? ,
Der Gefangene entgegnete! Sv laß unS thun wie wir ihnen thaten, laß uns todte» , morden, sterben den Tod des Kriegers. Gieb uns nur die Rechte, die der letzte der Verbrecher, der Vatermörder, der Tcmpclschän- der erhält, aber laß uns nicht ferner athmen in dieser Verpestung!
Wer bist Sn? wiederholte der Kaiser ruhiger.
Dem Gefangenen schien ein Bekenntniß auf den Lippen zu schweben; gewaltsam unterdrückte er dasselbe und fuhr mit tief gedampfter Stimme fort: Wahre Dein Glück, Du Mächtiger, wahre Deine Kronen. Die gräßlichen Gebete, welche um Deinetwilleu geu Himmel steigen, die Zähren, welche um Deinetwillen vergossen werden, die Flüche, welche um Deinetwillen die Erde vcrunhcili- gen, werden Deinen Thron niederschmettern: Wir sehen uns wieder!
,Da schien den Kaiser eine dunkle Erinnerung zu er- fasseu, fein Auge heftete sich fester auf den Gefangenen; Du bist kein Spanier, rief er, ein Verräther steht vor mir!
Auf dieses Wort faßten den Gefangenen die Scher
gen des Mächtigen, unb hundert Arme hoben sich feindlich gegen ihn.
Doch der Kaiser schien Zweifel zu hegen. Laßt ihn gebot er, mißhandelt ihn nicht, er.ist ein Wahnsinniger. Welcher Mensch würde bei gesnnden Sinnen cs wagen, so mit mir zu sprechen? Er wandte sein Roß, aber ch' er von dannen rüt, raunte er dem Nächsten seines Gefolges zu: Erforscht seinen Plamen und was der Verwegene einst gewesen!
Und die Herrcuknechte gehorchten dem Befehl des Herrschers; aber unter den zweihundert Gefangenen, welche Das Grab noch nicht ausgenommen, waren keine Verräther. Stumm blieben fast Alle bei den Fragen; nur einige antworteten: „Er betet mit und in der Todesstunde, er giebt uns die Absolution und reickt drN-Sü- che», deren Kräfte in den Pesinebeln entschwinden, Zöpfen, die sie wuuderbar stärken, oder, wenn keine Hilfe mehr möglich ist, bald ihre Leiden enden. Don wannen er aber gekommen, wie er in Eure Gewalt gefallen,^wie sein Name und was er einst geivefen, wissen wir nicht! Umsonst drängten die Späher, umsonst waren alle Lockungen des Goldes, selbst daS Versprechen der Freiheit wirkte bei diesen Starrsinnigen nicht und löste keine Zunge.
(Fortschimg folgt.)
